Barbara Krüger (Geb. 1933) : Lachen war ihr Lebenselixir

Sie arbeitete lieber in der Praxis als im Labor. Da kommen die Menschen hin und nicht nur Proben von ihnen.

Friedhof "In den Kisseln" in der Pionierstrasse 82-156 in Spandau.
Friedhof "In den Kisseln" in der Pionierstrasse 82-156 in Spandau.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Rente? Ruhestand? Unmöglich! Barbara Krüger wollte alles andere, nur nicht zu Hause bleiben. Unterwegs sein, Menschen treffen, lachen, das war ihr Lebenselixier. Montags fuhr sie für ihre erste Arbeit in die Westklinik. Dienstags ging’s nach Lankwitz für die zweite Arbeit in der Praxis Doktor Abt. Sie las sich in die neue Strahlenschutzverordnung ein, war dabei, als die Röntgenanlagen von analog auf digital umgestellt wurden, sie kaufte sich selbst einen Computer, um die modernen Geräte bei der Arbeit besser zu verstehen.

Vor allem aber brauchte sie die Menschen, die Patienten, die sich Termine bei ihr geben ließen. Die freundlichen Worte, die Besprechung jeglicher Sorgen und Probleme. Die Bestätigung der Ärzte für ihre gute Arbeit, für ihren besonderen Blick, mit dem sie auch hinter Sehnen und Muskeln die feinsten Anzeichen eines Bruches oder den Schatten eines Krebses zu erkennen vermochte.

Immer genau, zuverlässig, korrekt

Selbst die großen Röntgen-Koryphäen fragten bei ihr an: „Frau Krüger, kommen Sie bitte vorbei, wir brauchen Sie.“ – „Was gibt es denn?“ – „Wir kriegen hier partout kein richtiges Bild hin, da müssen Sie ran. Können Sie?“ – „Bin schon unterwegs!“

Eigentlich war sie eine einfache MTA, schon immer gewesen von Anfang bis Ende, eine medizinisch-technische Assistentin. Aber die Ärzte wussten, dass sie der Krüger einfach nur das Budget bewilligen und den Rest dann ihr überlassen konnten. Anfang der 50er Jahre in der Ausbildung hatte sie noch beides gelernt: die Arbeit mit den Reagenzgläsern im Labor und den Umgang mit den Röntgengeräten in der Praxis. Da die Reagenzgläser nicht sprechen konnten und überhaupt im Labor zu wenig los war, zog sie das Röntgen vor. Da kommen die Menschen hin und nicht nur Proben von ihnen.

Für Barbara gab es nur ganz oder gar nicht. Immer genau, zuverlässig, korrekt. Das hatte sie von ihrem Vater, einem Preußen durch und durch, Angestellter bei der Preußischen Staatsbank. Streng war er, das stimmt schon. Wenn es Essen gab, dann gab es Essen, und dann mussten alle pünktlich am Tisch sitzen, wo gefälligst nicht geredet wurde. Der größte Stolz der Familie war das Teeservice, das Prinz Ferdinand von Preußen persönlich überreicht hatte, natürlich KPM: Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin. Noch heute steht in der Familienvitrine die Kindertrinktasse mit Goldrand, die ihr Vater 1890 zu seinem ersten Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Als sie ihren Werner mitbrachte, war der Vater strikt dagegen

Der Vater war es aber auch, der seine Familie immer in die Oper mitnahm, der Barbara die klassische Musik vermittelte, ihren Klavierunterricht bezahlte. Das Jahresabo, von den Großeltern an die Eltern, und von denen an die Kinder vererbt, hat die Nummer 710. Da nehmen sie an der Kartenkasse Haltung ein. Wenn Barbara ins Konzert ging, dann nur im Feinsten, das ihre Garderobe hergab. Pelze, Kostüme, das war die Etikette, das gehörte sich einfach so. Einmal saß neben ihr ein junger Mann in Badelatschen und kurzer Hose. Da wäre sie fast explodiert.

Selbstverständlich kam für ihren Vater nur ein Schwiegersohn mit Studium in Betracht. Als Barbara ihren Werner mitbrachte, nur Textilkaufmann, nur eine Ausbildung, war er strikt dagegen. Barbara hätte rebellieren können, doch so war sie nicht. Eine Heirat ohne Vaters Einwilligung kam überhaupt nicht infrage. Doch Werner liebte Barbara, diese wunderschöne, fröhliche Frau, die das Leben und die Menschen umarmte. Als er eines Tages im Anzug und mit seinem neuen VW-Käfer vorfuhr, überzeugte er den Vater endlich: Dieser junge Mann schien doch recht vernünftig zu sein und hatte offenbar auch ohne Studium aus seinem Leben was gemacht. Heirat 1961, der Sohn 1962, die Tochter 1965. Auf den Fotos ihrer Reisen in die Berge und ans Meer sieht man Barbara und Werner lachen und fröhlich miteinander reden. Als er schon 1996 starb, fehlte er ihr sehr. Auch deswegen ging sie weiter arbeiten, traf sich mit Freunden, reiste weiter durch die Welt. Das Leben musste gefüllt werden.

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Sie fuhr vor einem Jahr ihr Auto zu Schrott und kaufte sich sofort ein neues. Sie wusch ihre Wäsche in der Waschküche drei Stockwerke tiefer. Im Frühjahr meldete sie sich im Fitnessstudio an, weil sie festgestellt hatte, dass ihre Kräfte ein wenig nachgelassen hatten. Dann passierte es. Am Montag war sie noch in der Westklinik, am Dienstag bei Doktor Abt in der Praxis, am Freitag hatte sie einen Schlaganfall. Am 3. April ist sie gestorben.

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