Beim Orient-Frisör

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Barbiere in Neukölln : Von Messern und Männern

BEIM ORIENT-FRISÖR

„Ja, hier sind Geschichten am Start, die glaubt man nicht“, sagt Araz Brefky und setzt den Rasierer ab, sieht kurz von dem Fassonschnitt auf, den er gerade in Arbeit hat. „Wenn du Skandale willst“, sagt er, mit einem kleinen bisschen Ghettostolz, „dann kommst du nach Neukölln.“ Bei all den Kunden jeden Tag kennt jeder immer jemanden, der irgendwo dabei war, oder zumindest so tut. Beim Überfall auf den Apple-Store, beim Klau der riesigen Goldmünze auf der Museumsinsel.

Am Morgen der Schießerei, flatterte im Wind das Absperrband der Polizei, als er zur Arbeit kam.

Der „Orient Style“ Herrenfrisör liegt direkt an der mächtigen Kreuzung Flughafenstraße/Hermannstraße, gegenüber vom Bungalow des Café Aleppo und der rauen Brandwand mit dem schwarzen Graffiti, das nach unten ausgewaschen ist wie tränenzerlaufene Wimperntusche. Einmal die Straße hoch von Hussein Seifs Barber Shop aus.

Den kennen sie hier, klar, so was spricht sich herum, die neue Ausrichtung, der Werbedeal. Handwerklich seien die Barber sehr gut, sagt Araz Brefky, habe er jedenfalls gehört. So wie auch Hussein Seif den anderen Salon kennt und ebenfalls kein schlechtes Wort verlieren will. „Der hat natürlich auch seine Berechtigung“, sagt er, zuckt dann die Schultern, schweigt. Hier wie da wissen sie, sie kommen sich nicht ins Gehege, spielen nicht in der gleichen Liga, nicht mehr.

First come, first serve. Im "Orient Style" kann sich niemand darüber beschweren, benachteiligt zu werden.
First come, first serve. Im "Orient Style" kann sich niemand darüber beschweren, benachteiligt zu werden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist ein Samstagvormittag im „Orient Style“, der Laden brummt: Man hört die Geräusche von elektrischen Rasierern. Popmusik kommt aus den winzigen Lautsprechern unter der Decke. Rechts vom Eingang sitzt ein halbes Dutzend Männer auf zerschlissenen Kunstledersesseln und wartet. Fünf Frisöre sind an der Arbeit. Sie laufen um ihre Kunden herum, schauen von links, von rechts, prüfen im Spiegel. Die Angestellten tragen T-Shirt, dunkle Jeans und Turnschuhe. Alle paar Sekunden fliegen ein paar Worte durch den Salon, manchmal auf Deutsch, oft nicht. Die Luft ist trotz offener Tür warm vom Fönen, es riecht nach Shampoo und Haarwachs. Araz Brefky lässt seinen Kunden den ausrasierten Nacken im Handspiegel begutachten. Noch waschen? Okay.

Klar könne man was über den Laden schreiben, hat Brefky bei der ersten Begegnung gesagt. Aber bitte nur mit Hinweis, dass das ein kurdischer Frisör sei. Der RBB habe hier mal gedreht und die Bilder am Ende mit Bushido-Rap unterlegt. Das war ihm dann doch zu viel Klischee. Die Neukölln-Labels: heimlich und unheimlich, das große Gangsterding.

Den „besten Boxerschnitt“, heißt es im Netz, könne man im „Orient Style“ bekommen. Also: rundherum komplett ausrasiert und dann, mit klarer Kante, oben ein Töpfchen Haare drauflassen. So wie früher eben auch der Rapper Bushido herumlief. So, wie es jahrelang auch in den Läden der Brüder Seif alle wollten. Ein Haarschnitt als Kampfansage.

Zeiten ändern sich. „Die Kunden wollen jetzt wieder fließende Übergänge und oben länger“, sagt Brefky. Bedeutet für ihn schlicht und ergreifend: „mehr Fummelarbeit“. Da müssen er und die Kollegen jetzt also ein bisschen schneller arbeiten, damit es sich lohnt. 15, maximal 20 Minuten bräuchten sie für einen normalen Schnitt, sagt er. Und das für zehn Euro trocken, zwölf mit Waschen, sieben bis acht Euro der Bart, je nachdem, wie viel zu machen ist.

Der Plasmafernseher überträgt stumm N24

Termine werden gar keine vergeben. First come, first serve, so kann sich keiner beschweren.

Größeres Dekor gibt es nicht, bis auf den Schriftzug „Orient Style“ in goldenen Großbuchstaben über den Spiegeln und dem Plasmafernseher über dem Kassentisch, der stumm den Nachrichtensender N24 überträgt. Für die zusammengefegten Haare haben sie in der Mitte des Raums ein kleines Loch in den Boden geschlagen, komplett durch Fliesen und alles bis ins Kellergeschoss. Wenn es nicht gebraucht wird, steht ein Jackenständer darüber.

Es herrscht die Pragmatik einer leicht chaotischen Jungs-WG. Für Schnickschnack scheint schlicht kein Raum bei 9,99 Euro für den Trockenschnitt - so steht es in schräg angebrachten Lettern lockend am Schaufenster.

Im Frisiersessel sitzt nun Felix, gebürtiger Westfale, der im August mit seiner Freundin nach einem Jahr in der Reuterstraße schon wieder aus Neukölln weggezogen ist. „War uns zu trubelig“, sagt er. Ein Satz, der vor ein paar Jahren noch Kopfschütteln, vielleicht Gelächter ausgelöst hätte. Heute erntet er verständnisvolles Nicken.

Deutschstämmige Kunden gibt es auch, aber sie sind deutlich in der Minderheit. „Wenn hier die echten Deutschen in den Laden gucken und sehen einen Haufen Schwarzköppe...“, sagt Araz Brefky und lässt den Satz unvollendet. Lacht. Brefky, der kurdischstämmige Deutsche, kann viele Geschichten erzählen von Zurückweisung und Missachtung. Wie er in die schicke Bar am Zoo nicht reinkam, obwohl es vorher hieß, er brauche nicht zu reservieren. Ein Blick durch die Klappe hatte den Türstehern genügt. Wie er ein anderes Mal mit einer Gruppe Freunde am Tresen eines Restaurants versauerte. Sorry, kein Tisch frei für euch. Geschichten aus der Stadt, aus dem Alltag, die ihm über die Jahre eingehämmert haben: Er wird nie ganz dazugehören. Er drückt das tatsächlich so hart aus. „Ein Deutscher mit Bart“, sagt Araz Brefky, „ist ein cooler Holzfäller. Ein Kanake mit Bart ist immer noch ein Kanake.“

Es kämen auch Kunden zu ihm, die explizit ein neues Image wollen, wie ein Italiener aussehen oder wie ein Deutscher. Den Klischees entkommen.

Er hat sich of als Vagabund gefühlt

Auch Brefky selber trägt einen Vollbart, bis vor Kurzem länger, jetzt kurz gestutzt, aus den beiden simpelsten Gründen, die man sich vorstellen kann, wie er erklärt: aus Bequemlichkeit und weil es eben ganz gut aussieht. Sein Bart sei kein Statement.

Mit fünf Jahren ist Araz Brefky nach Deutschland gekommen, 1994, ein Kind kurdischer Eltern aus dem Irak, seine Familie und die seines Chefs kennen sich noch aus der alten Heimat. Nach der Tour durch verschiedene Flüchtlingsheime bekamen sie eine erste Wohnung, im Osten, in Friedrichshain. Er, sein Bruder und ein Kumpel waren die einzigen Ausländerkinder in der Klasse. Er war viel unterwegs in Kreuzberg, Neukölln, aber gewohnt hat er hier nie. Er lebt seit zehn Jahren in Lichtenberg. Mittlerweile sind die Wohnungen dort günstiger.

„Früher wollte keiner hier wohnen“, wirft ein Stammkunde ein. „Heute musst du für eine Vierzimmerwohnung schon einsvier, einsfünf hinlegen. Und wer ist schuld? Die Studenten.“ - „Hast du ein Problem damit?“, ruft Brefky, gespielt zornig, „ich bin auch Student!“ - „Was, Student?“ - „Ich hab Straßen-Abi!“

Immer geht es auch darum, sich nicht unterkriegen zu lassen. Zu zeigen: ich bin da.

Als „Vagabund“ habe er sich oft gefühlt, so beschreibt er seine Kindheit und Jugend im Osten Berlins, als Wandler zwischen den Stadtteilen, den Kulturen. Ein Mensch, der wie alle irgendwo dazugehören wollte. Irgendwann sei er angekommen. „Der Moment, wenn du dich damit abgefunden hast: Okay, ich bin Kanake, ist doch egal.“

In diesem Herbst wäre er gerne wieder in den Irak gereist, in die Heimat, wie er sagt, wenn die politische Situation im Grenzland Türkei eine andere wäre. Als ihm einer der Kunden spaßeshalber mit der flachen Hand in den Nacken klatscht, zieht er die Schultern hoch, macht ein saures Gesicht. „Lass das!“, zischt er. „Ich hasse das!“

Das sei eigentlich ein riesiger Jugendclub, erklärt er später, nun grinsend, als ein Stammkunde über die Couch im Pausenraum klettert, um Nachschub an Haarprodukten aus dem Regal dahinter zu holen. „Manchmal nervt das auch.“

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