Die Straße

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Barbiere in Neukölln : Von Messern und Männern

DIE STRASSE

Die Flughafenstraße ist, speziell an ihrem unteren Ende, ein wahrhaft atemloses Stück Stadt. Immer in Herzanfall-Stimmung. Ständig meint man, dass gleich irgendwas passiert, ganz grundsätzlich kippt, aber dann geht, wie durch ein Wunder, doch noch mal alles gut.

Draußen vor dem Laden ist es jetzt windig. Kühl. Es nieselt. Autos brausen vorbei: Das ewige Dröhnen. Gewühl.

Nicht weit von Hussein Seifs Barber Shop schert auf dem Weg den Berg runter ein junger Typ, Mitte 20 vielleicht, mit seinem minimal ausgestatteten Fahrrad mit winzigem Lenker in vollem Schwung nach links aus, ohne Armzeichen, ohne alles. Der Handwerker in seinem Kastenwagen hinter ihm, der gerade überholen wollte, geht voll in die Eisen, ein Quietschen, ein Fluchen, eine halblaute Entschuldigung. Der Radfahrer ist schon drüben auf dem Gehweg, der Autofahrer fährt wieder an und ruft dem übermütigen Hipsterchen noch durchs offene Autofenster hinterher, lässig, fast freundlich, jedenfalls ohne Zorn: „Na, guck dich doch beim nächsten Mal vielleicht einfach um!“ Und schon ist wieder jeder seines Weges.

Es war ja nie eine noble Gegend, im Gegenteil

In diesem ungleichen Nebeneinander, das einfach nicht schiefgehen will. Neben Kiosken und Wettbüros, wirkt der Barber Shop mit seinen beiden sich drehenden Barber-Poles, Erkennungszeichen der Zunft, diesen senkrechten blau-weiß-roten Walzen, der schicken Einrichtung und den beiden schweren roten Kordeln vor dem Eingang wie ein Luxushotel, irgendwie seltsam, fremd.

Es war ja nie eine noble Gegend, im Gegenteil. Das Quartiersmanagement versucht, seit seiner Gründung vor zwölf Jahren, die sozialen und kulturellen Probleme in den Griff zu bekommen, den Drogenhandel am Boddinplatz und oben an der Hasenheide, den Vandalismus, die Raubüberfälle, die Perspektivlosigkeit der vielen Jugendlichen. Es sitzt nur ein paar Meter die Querstraße runter, auf halbem Weg zum Käpt'n-Blaubär-Spielplatz, der niedlich klingt, im Herbst 2014 aber wegen eskalierender Jugendgewalt in die Schlagzeilen geriet.

Ebenso wie ein Vierteljahr später die Helene-Nathan-Bibliothek nebenan in den Arcaden, die Wachschutz bekam, weil es anders nicht ging. Es gibt hier im Viertel viele junge Leute, und die haben oft wenig Sinnvolles zu tun.

Die Flughafenstraße mit ihren engen Gehwegen und zwei einspurigen Fahrbahnen, wirkt wie ein ewiger Beschleuniger, eine einzige große Kugelbahn, die in beide Richtungen funktioniert. Die einen jagen mit jaulendem Motor die Steigung hoch Richtung Hermannstraße, die anderen lassen in die Gegenrichtung laufen bis zur ständig verstopften Einmündung zur Karl-Marx-Straße.

Boxerschnitt ist out. „Die Kunden wollen jetzt wieder fließende Übergänge und oben länger“, sagt Araz Brefky.
Boxerschnitt ist out. „Die Kunden wollen jetzt wieder fließende Übergänge und oben länger“, sagt Araz Brefky.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - ist die Gegend in den letzten zehn Jahren zu einem Hipness-Magneten geworden. Wo früher die Alteingesessenen eher unter sich blieben, wo Leerstand herrschte und mancherorts Verwahrlosung, da wuchs die Anwohnerzahl allein zwischen 2006 und 2015 um 15 Prozent. Es sind die jungen, gut ausgebildeten Leute aus aller Welt, die es hierher gezogen hat. Auf der Suche nach billigem Wohnraum und den seltener werdenen Brachen der Stadt, die sie füllen konnten mit ihren Ideen. Einer Nische am Rand der Innenstadt.

Und dann sind da die, die seit 20, 30, 40 Jahren hier sind. Den „ambitionierten Migranten“, denjenigen mit „sehr progressiver, moderner Grundhaltung“, zu denen laut Statistik des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung rings um die Flughafenstraße 35,5 Prozent zählen, stehen knapp 50 Prozent gegenüber, die „kulturell eher distanziert“ sind, wie es im Soziologendeutsch heißt. Die Folgen sind: fehlende Bildung und Probleme auf dem Arbeitsmarkt, teils Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft, teils starke Hinwendung zur Herkunftskultur.

Das Migrantenviertel ist plötzlich Milieuschutzgebiet. Spekulationsobjekt.

Avocado-Toast und Eggs Benedict, Frühstück mit Kaffee für knapp zehn Euro

Der Weg in Hussein Seifs Vergangenheit, die Straße hoch zum „Orient Style“, wo Araz Brefky im Akkord frisiert, führt vorbei an Spätis und Imbissen, an Trödelläden, türkischen Männercafés und Wettbüros. Und diesen neuen Orten der Straße, den „alternativen Konzepten“, wie Hussein Seif sie nennt. Dazu gehört das „Papilles“, ein Café-Restaurant französischer Herkunft, Avocado-Toast und Eggs Benedict, Frühstück mit Kaffee für knapp zehn Euro. Oder das „Trude Ruth und Goldammer“, Logo: ein knallgelber Vogel mit Hipsterhütchen schräg auf dem Köpfchen, eine Junge-Leute-Bar, die mit Drinks, Tischtennis-Rundlauf und Tatort-TV wirbt und auf der Karte alles hat, was die Klientel gerne trinkt, von Flaschen-Sterni bis Club Mate und Wodka-Apfelsaft. Oder die in einem Hinterhof versteckte „Lavanderia Vecchia“, der alte Waschsalon, jetzt: Trattoria mit „ländlicher Küche, Weinen und Öl aus dem Land der Sabiner“, Mehr-Gänge-Menüs, Reservierung erforderlich.

Und er führt vorbei an der mittlerweile geschlossenen Bäckerei zwischen Reuterstraße und Mainzer Straße. Anfang 2013 wurden hier am hellichten Tag zwei Frauen erschossen. Eine Beziehungstat, der Täter, Ex-Freund der Verkäuferin, wurde noch vor dem Laden von einer zufällig vorbeikommenden Polizeistreife festgenommen und bekam lebenslang.

Das Menü Flughafenstraße? Einmal alles, bitte.

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