• Bauernbund-Chef zur Grünen Woche: „Gott lässt uns nicht im Stich. Die Regierung schon“

Bauernbund-Chef zur Grünen Woche : „Gott lässt uns nicht im Stich. Die Regierung schon“

Vor der „Wir haben es satt!“-Demo am Samstag: Der Brandenburger Landwirt Reinhard Jung kritisiert die Politik der Bundesregierung scharf.

Reinhard Jung auf seinem Bio-Hof.
Reinhard Jung auf seinem Bio-Hof.privat

Reinhard Jung ist Landwirt mit Leidenschaft. Der Geschäftsführer des Bauernbundes Brandenburg unterhält einen Bio-Hof in Lennewitz in der Prignitz.

Herr Jung, morgen beginnt die Grüne Woche – ein Grund zum Feiern für die Landwirtschaft?
Naja. Als Berufsvertreter werde ich gute Miene zum bösen Spiel machen und mich auf den Empfängen blicken lassen. Als Bauer mit eigenem Hof bin ich allerdings nicht in Feierlaune.

Weil sie zwei schlechte Ernten nacheinander eingefahren haben?
Das ist noch harmlos ausgedrückt. Aber selbst damit können wir umgehen. Wenn uns der liebe Gott in diesem Jahr ein wenig mehr Regen schenkt, kann es nur besser werden, da hoffe ich auf ausgleichende Gerechtigkeit. Echte Sorgen bereitet mir dagegen die Agrarpolitik. Anders ausgedrückt: Der liebe Gott lässt uns nicht im Stich, die Bundesregierung schon.

Warum?
Weil Julia Klöckner und Svenja Schulze immer deutlicher eine Politik gegen unsere bäuerlichen Familienbetriebe machen und damit indirekt eine Politik für Agrarkonzerne und Großkapital: durch Förderung ohne Obergrenzen und Auflagen ohne Untergrenzen.

Was meinen Sie mit Förderung ohne Obergrenzen?
Die EU-Agrarsubventionen werden nach Größe vergeben. Ein 220 Hektar großer Betrieb, das ist der Durchschnitt bei uns, erhält also zehnmal weniger als ein 2200 Hektar großer Betrieb. Obwohl unsere bäuerlichen Familienbetriebe, wiederum im Durchschnitt, ökonomisch erfolgreicher und ökologisch nachhaltiger wirtschaften. Das ist eine Katastrophe für den ländlichen Raum, weil es die unproduktiven LPG-Nachfolger begünstigt und den Einstieg von Investoren, denen die Dörfer und Menschen hier egal sind.

Aber längst nicht alle größeren Agrar- oder LPG-Nachfolgebetriebe sind unproduktiv.
Das stimmt. Ich will auch niemanden beleidigen, der in diesen Betrieben sein Bestes gibt. Aber wir erleben zur Zeit massenweise, dass LPG-Nachfolger an Investoren verschachert werden. Dabei geht es um finanzielle Größenordungen, bei denen kein normaler Landwirt mehr mithalten kann. Nur noch die Heuschrecken.

Und das sieht die EU nicht?
Doch. Die EU-Kommission hat ja für die neue Förderperiode 2021 bis 2027 eine Obergrenze von etwa 400 Hektar vorgeschlagen. Aber die Bundesregierung stemmt sich nach wie vor dagegen.

Was schlagen Sie vor?
Der Bauernbund Brandenburg möchte, dass die Förderung nur noch an Betriebe bis 400 Hektar oder von mir aus 500 Hektar geht, die sich im Eigentum von ortsansässigen Landwirten befinden. Größere Betriebe können sich teilen, es muss aber unterschrieben werden, dass die Eigentümer ortsansässig und nicht an weiteren Betrieben beteiligt sind. Auf diese Weise könnten sich größere Familienbetriebe und Agrargenossenschaften anpassen, die Agrarkonzerne der Investoren hingegen nicht.

Würde das nicht unweigerlich Strohmänner auf den Plan rufen?
Nein, denn wer da falsche Angaben macht, steht mit einem Bein im Gefängnis. Subventionsbetrug ist kein Kavaliersdelikt. Unsere Vorschlag würde funktionieren, trotzdem ignoriert die Bundesregierung ihn.

Warum?
Wahrscheinlich liegt es am Einfluss des Deutschen Bauernverbandes, in dem die LPG-Nachfolger organisiert sind. Der lehnt Obergrenzen und Ortsansässigkeit ab.

Und was meinen Sie mit Auflagen ohne Untergrenzen?
Immer wieder neue Vorschriften, zum Beispiel die neue Dünge-Verordnung oder immer weiter steigende Anforderungen an das Tierwohl. Diese verursachen gerade für kleinere Familienbetriebe hohe Kosten und sind oftmals fachlich unsinnig.

Haben Sie ein Beispiel?
In der Dünge-Verordnung sind flächendeckend gültige Vorschriften enthalten, um das Grundwasser vor Nitrat zu schützen. Aber bei 95 Prozent der Flächen in95 Prozent der Flächen Deutschland gibt es überhaupt keine Probleme mit Nitrat im Grundwasser. Weil es jedoch viel zu wenig Messstellen sind und die auch noch meistens an Orten stehen, wo es tatsächlich Probleme gibt, kommt ein völlig verzerrtes Bild zustande. In Wahrheit geht es nämlich gar nicht ums Grundwasser, sondern die Politik will, dass unsere Landwirtschaft weniger produziert.

Das ist ein harter Vorwurf. Warum sollte man die heimischen Bauern kaputtmachen wollen?
Vielleicht, um Platz zu schaffen für die Produktionskapazitäten, die gerade durch Brandrodung am Amazonas entstehen?

Sie meinen das Handelsabkommen der EU mit den sogenannten Mercosur-Staaten in Südamerika?
Ja. Die EU und besonders Deutschland möchte Autos exportieren. Dafür sollen im Gegenzug Lebensmittel-Importe vor allem von Rindfleisch und Zuckerrohr massiv erhöht werden. In diesen Staaten gibt es riesige Betriebe, Monokulturen und niedrige Produktionskosten, weil man dort auf Mensch und Umwelt keine Rücksicht nimmt.

Und damit können unsere heimische Produzenten nicht konkurrieren.
Definitiv nicht. Unsere gute Landwirtschaft wird sinnlos runtergeregelt und der Verbraucher bekommt den Dreck aus Übersee: Gensoja und Hormonfleisch. Darüber sollten manche Grüne und Umweltaktivisten mal nachdenken. Aber die sitzen in ihrer antilandwirtschaftlichen Gänseblümchen-Blase und begreifen die globalen Zusammenhänge nicht.

Um ihnen das klar zu machen, gibt es Interessenvertreter. Können Bauern keine Lobbyarbeit?
Natürlich muss sich der Berufsstand auch an die eigene Nase fassen. Leider sind immer noch die meisten Landwirte im Deutschen Bauernverband organisiert. Was wir brauchen, ist eine von Politik und Industrie unabhängige Berufsvertretung, die deutschlandweit ausschließlich die Interessen der bäuerlichen Familienbetriebe vertritt. Glauben Sie mir, wir arbeiten daran.

Wäre es nicht ebenso wichtig, das Vertrauen der Verbraucher in die Landwirtschaft wieder herzustellen?
Wir haben auf den Demonstrationen viel Zustimmung erhalten. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten Verbraucher keine anonymen Großlieferanten aus aller Welt wollen. Sie wünschen sich den Bauern in der Nachbarschaft, der eine überschaubare Zahl an Tieren hält und den Boden nachhaltig bewirtschaftet, weil er auf seiner Scholle bleiben und seinen Kindern einen gesunden Betrieb überlassen möchte.

Nehmen Sie am Sonnabend an der großen „Wir haben es satt!“-Demonstration teil?
Eher nicht. Aber ich hätte einen Rat für jene, die am lautesten schreien: Sie könnten sich zur Abwechslung einen Kleingarten anschaffen, ein Schwein oder ein paar Hühner halten. Dann wissen sie wenigstens, wovon sie reden.

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