Berlin-Charlottenburg : Ärger um geplantes Flüchtlingshaus auf der Mierendorff-Insel

Nahe dem Charlottenburger Mierendorffplatz wird eine Modulare Unterkunft für bis zu 570 geflüchtete Menschen gebaut. Anwohner üben daran viel Kritik.

Wie ein ganz normales Wohnhaus wirkt das Modell der Modularen Unterkunft für Flüchtlinge an der Quedlinburger Straße 45.
Wie ein ganz normales Wohnhaus wirkt das Modell der Modularen Unterkunft für Flüchtlinge an der Quedlinburger Straße 45.Simulation: DMSW Architekten / architecture2brain

Auf die besondere „Willkommenskultur“ in Charlottenburg-Wilmersdorf sind viele Politiker des Bezirks stolz, allen voran Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Wenn in den vorigen Jahren mit Anwohnern über neue Flüchtlingsunterkünfte diskutiert wurde, überwog trotz vereinzelter Kritik stets die Hilfsbereitschaft der Bürger. Ein anderes Bild bot sich am Mittwoch bei einem Informationsabend des Bezirksamts am Mierendorffplatz. Dort ging es um seit Jahren geplante Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge (MUF) in einem sieben- bis achtstöckigen Neubau an der Quedlinburger Straße 45.

Der Standort sei „sozial unverträglich“ und mache die sogenannte Mierendorff-Insel „noch mehr zum sozialen Brennpunkt“, ärgerten sich einige der 200 Teilnehmer. „Sie bauen ein Ghetto!“, rief eine Rednerin. Bürgermeister Naumann erntete Buhrufe, als er betonte, abgesehen vom Drogenhandel entlang der U-Bahnlinie 7 erfülle der Kiez „nicht in Gänze“ die Kriterien eines sozialen Brennpunkts.

Ein Flugblatt schürt Ängste

Von Beginn an stand die Versammlung in einer Schulhalle unter keinen guten Vorzeichen. Rund 50 Bürger wurden am Eingang abgewiesen, weil der Raum schon überfüllt war, und protestierten lautstark. Noch dazu machte ein anonym verfasstes Flugblatt die Runde, das vor dem Flüchtlingswohnhaus warnte. Die anwesende Berliner Integrations- und Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) bemühte sich, „ganz miese Unterstellungen“ aus dem „Pamphlet“ richtigzustellen. So wies sie die Behauptung zurück, bei bis zu 80 Prozent der Bewohner werde es sich um alleinstehende junge Männer handeln. Noch wisse man gar nicht, wer einziehe. Schließlich sei die Eröffnung erst für Ende 2020 geplant. Die Bauarbeiten sollen im zweiten Quartal 2019 beginnen.

So soll der Neubau in der Quedlinburger Straße an der Hofseite aussehen.
So soll der Neubau in der Quedlinburger Straße an der Hofseite aussehen.Simulation: DMSW Architekten / architecture2brain

Ändert sich das soziale Gefüge im Kiez?

Breitenbach und die Präsidentin des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF), Claudia Langeheine, wollen 550 bis 570 geflüchtete Menschen unterbringen. Bürger zeigten sich besorgt über soziale Veränderungen. Dazu trägt vermutlich die relativ geringe Einwohnerzahl der Mierendorff-Insel bei: In dem rundum von der Spree und einem Kanal umgebenen Kiez leben derzeit etwa 14.000 Bürger.

Die alleinstehende Mutter eines jungen Mädchens sagte, sie fürchte sich vor wachsender Kriminalität. Bürgermeister Naumann erwiderte, rund um bestehende Flüchtlingsquartiere sei keine besonders hohe Kriminalitätsrate feststellbar. Senatorin Breitenbach ergänzte: Es ist nicht unsere Erfahrung, dass da jeden Tag Polizei steht.

Eine Kita mit Dachgarten

Für das Bezirksamt saßen auch Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) und Jugendstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) auf dem Podium. Schmitt-Schmelz erläuterte Pläne für eine öffentliche Kindertagesstätte mit 60 Plätzen oben im Neubau, mit einem begrünten Dachgarten. Eine zweite neue Kita mit 150 Plätzen sei neben der Sporthalle an der Sömmeringstraße geplant.

Im Erdgeschoss entstehen ein Café und eine Begegnungsstätte. Ansonsten wirkt das Gebäude in Architekturmodellen wie ein übliches Wohnhaus. Dazu soll es auch einmal werden: Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), der das Grundstück gehört, vermietet die Immobilie zunächst für drei Jahre an das LAF. Hinzu kommt die Option auf zwei Verlängerungen um je drei Jahre. Spätestens nach neun Jahren wird die Unterkunft also geräumt. Anschließend wolle die WBM das auf eine 40- bis 50-jährige Nutzung ausgelegte Haus „normal vermieten“, sagte die Abteilungsleiterin für Projektentwicklung, Konstanze Scharpf.

Bürgermeister verspricht Fortsetzung des Dialogs

Die Diskussion mit den Bürgern gehe „noch vor der Sommerpause“ weiter, kündigte Bürgermeister Naumann an. Das LAF will Ergebnisse der Versammlung voraussichtlich ab der nächsten Woche auf seiner Webseite dokumentieren.

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