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Berlin-Charlottenburg : Kiez-Konzertreihe weicht dem Kommerz

Nahe dem Stuttgarter Platz spielten Musiker kostenlos vor Anwohnern. Doch nun verliert die „MittagsMusik“ ihre Räume. Am Dienstag gab es ein Protestkonzert.

Heidemarie Wiesner (vorne rechts) und befreundete Musiker bei einem der „MittagsMusik“-Konzerte.
Heidemarie Wiesner (vorne rechts) und befreundete Musiker bei einem der „MittagsMusik“-Konzerte.Foto: privat

Das Angebot, jede Woche eine halbe Stunde lang gratis ein Klassikkonzert genießen zu können, hat sich herumgesprochen im Charlottenburger Kiez um den Stuttgarter Platz. Zur „MittagsMusik“ bei „Rehtmeyer Klaviere“ an der Leonhardtstraße 25 kamen in den vorigen zwei Jahren jeweils bis zu 50 Gäste, immer dienstags von 12.30 bis 13 Uhr. Die wechselnden, honorarfrei auftretenden Profi-Musiker stammten aus dem Bekannten- und Freundeskreis der Konzertpianistin Heidemarie Wiesner. Sie wohnt gleich um die Ecke und hatte das Geschäft auf der Suche nach einem Übungsraum entdeckt. Dann kam ihr Idee zur Konzertreihe, und der Ladenbetreiber willigte ein. Auch Lesungen und andere Kulturveranstaltungen gehörten zum Konzept. Jetzt aber sind die Räume plötzlich versperrt.

Gentrifizierung macht es Künstlern schwer

An diesem Dienstag wurde das Konzert auf den Gehweg vor dem Laden verlegt. Die Sängerin Vlada Shchavinska reiste eigens aus Hamburg an, rund 30 Anwohner hörten zu. Wiesner wollte „ein Zeichen gegen die zunehmende Gentrifizierung in Berlin setzen, die immer weniger Raum für künstlerische Aktivitäten lässt“.

Eigentümer der Räume war ein Klavierbauer und -lehrer, der Anfang 2018 starb. Mit Erlaubnis seiner Witwe durfte Wiesner weitermachen – bis eine Anwältin und Nachlassverwalterin soeben die Türen versiegelte. „Offenbar ist eine kommerzielle Nutzung geplant“, sagt Wiesner. Sie vermutet, dass die Nachlasspflegerin im Auftrag von Gläubigern des Verstorbenen handelt. Mehr dazu ist bisher nicht zu erfahren. Eine Tagesspiegel-Nachfrage bei der Anwältin blieb unbeantwortet.

Fördergelder wurden verweigert

Manchmal trat Wiesner selbst im Klavierladen auf. Sie stammt aus Bautzen, zog 2010 nach Berlin um und ist häufig als Kammermusikerin und Solistin unterwegs. Vor dem Publikum im Kiez „habe ich jedes meiner Programme erst einmal ausprobiert“, erzählt die Pianistin. Unterstützt wurde sie von einem ehrenamtlichen kleinen Organisationsteam, dem unter anderem die Berliner Schriftstellerin, Sängerin und Malerin Bianca Döring angehört. Das Kulturamt Charlottenburg-Wilmersdorf habe dagegen drei Förderanträge abgelehnt, bedauert Wiesner.

Letzter Auftritt in der Leonhardtstraße. Das Straßenkonzert vor dem geschlossenen Klavierladen.
Letzter Auftritt in der Leonhardtstraße. Das Straßenkonzert vor dem geschlossenen Klavierladen.Foto: Cay Dobberke

Vorerst geht es in einer Musikschule weiter

Beworben wurde die „MittagsMusik“ mit Aushängen im Schaufenster, über das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de und über die persönliche Webseite der Musikerin. Das letzte Plakat klebte Wiesner am Montag an den Laden, um das Protestkonzert anzukündigen. Chancen für eine Rückkehr ins geschlossene Geschäft sieht sie kaum. Zumindest in den kommenden sechs Wochen finden die Konzerte dienstags zur selben Uhrzeit in der privaten Musikschule musikplus! an der Friedbergstraße statt. Darüber hinaus hofft Wiesner, dass sie nach der öffentlichen Aktion am Dienstag weitere Angebote für kostenfreie Räume in Charlottenburg erhält.

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