Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf : Künstler muss eigenes Bild zensieren

Nach der "Avenidas"-Debatte hat Berlin seinen nächsten Kunstskandal. Wobei - der Fall liegt schon über ein Jahr zurück. Eine Glosse.

Caspar Schwietering
Nach der "Avenidas"-Debatte hat Berlin seinen nächsten Kunstskandal.
Nach der "Avenidas"-Debatte hat Berlin seinen nächsten Kunstskandal.Foto: Promo

Kaum hat die Alice-Salomon-Hochschule entschieden, das „Avenidas“-Gedicht zu übermalen, hat Berlin schon seinen nächsten Kunstskandal. „Sittenwächter am Savignyplatz: Ferkelei von der Staffelei?“, titelte der „Berliner Kurier“ am Freitag.

Nach sechs spanischen Wörtern geht es jetzt um zwei Zeichnungen, die der Künstler Wilhelm Peters aus dem Schaufenster seines Ateliers in der Charlottenburger Bleibtreustraße entfernen soll. „Grob anstößige und belästigende Handlungen“, wirft das Ordnungsamt ihm vor und verweist auf den Paragrafen 119 OWiG. Ein kurzer Blick in den Gesetzestext zeigt schnell, der Laie darf sich das als Pornografie-Vorwurf übersetzen.

Drei verschiedene Gedichtinterpretationen hat die „Süddeutsche Zeitung“ im Falle „Avenidas“ bemüht, damit man sieht, wieso diese sechs spanischen Wörter auf acht Zeilen sexuell aufgeladen und wohl sexistisch sind. So viel Aufwand ist bei Peters’ Zeichnungen sicher nicht nötig.

Aus Zeichnungen werden Triptychen für die Kunstfreiheit

Einen Mann mit erigiertem Penis sieht man da, der einer Frau mit dem Zeigefinger keck an die Brust greift, außerdem ein kopulierendes Paar. Bevor nun aber auf „Pornografie“ mit „Zensur“ geantwortet werden soll und die einen das Kindeswohl gefährdet sehen, während die anderen ein prüdes Berlin befürchten, sei an eine Tatsache erinnert: Das, was da jetzt als neuester Beitrag im Kulturkampf präsentiert wird, ist über ein Jahr her.

Um jetzt im „Avenidas“-Taumel auch über den Charlottenburger Bildersturm zu sprechen, musste Peters die Bilder extra noch mal neu aufhängen. Mal-Lappen hängen nun über den Geschlechtsteilen der Figuren, und wo früher zwei kleine Zeichnungen waren, hat Peters inzwischen Triptychen geschaffen. Mit sarkastischen Grüßen an Berlin und die Berliner, die seine Kunst zensieren, auf der einen und dem Artikel 5 Grundgesetz zur Kunstfreiheit auf der anderen Seite.

Mit diesen erweiterten Werken ist der Künstler sehr zufrieden. „Ich möchte ja mitdiskutieren, wenn unsere offene Gesellschaft gefährdet ist, und nicht einfach danebenstehen“, sagt er. Und auch das Ordnungsamt Charlottenburg-Wilmersdorf kann damit gut leben. Dabei könnte man es nun belassen. Aber das scheint ein unerfüllbarer Wunsch zu bleiben. Für Montag habe sich das Fernsehen angekündigt, sagt Wilhelm Peters.

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