Berlin giert nach Bio : Brandenburger Bauern können Öko-Bedarf nicht decken

Die Umsätze steigen, doch die Euphorie bleibt aus: Die Bauern kommen mit der Produktion nicht hinterher. Mehr Netzwerke sollen nun helfen.

Nachschubprobleme bei Bio-Gemüse und Obst: Es gibt einfach kein Angebot, um die Nachfrage zu deckeln.
Nachschubprobleme bei Bio-Gemüse und Obst: Es gibt einfach kein Angebot, um die Nachfrage zu deckeln.dpa

Offenbar giert der ganze Handel nach Bio. So jedenfalls hat es Michael Wimmer, Geschäftsführer des Biobranchenverbands für Berlin-Brandenburg, zusammengefasst. Das vergangene Jahr sei sehr erfolgreich verlaufen, sagte er bei einem Pressetermin der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg e.V. (FÖL) am Dienstag.

Der Umsatz im regionalen Naturkostfachhandel 2019 sei um ein Zehntel gestiegen, die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Brandenburg um beinahe 13 Prozent gewachsen. Auch die Zahl der biozertifizierten Betriebe habe erneut zugenommen – mittlerweile bauten in Brandenburg rund 1300 Betriebe Bio-Produkte an. Zu diesem Trend trage auch der „Greta-Effekt“ bei: „Immer mehr Menschen erkennen, dass ihr persönliches Konsumverhalten Auswirkungen hat. Wir segeln im Windschatten einer sehr breiten gesellschaftlichen Diskussion mit.“

Das ist erfreulich, doch Anlass zu mehr Euphorie gibt es nicht, denn: Seit Jahren gelingt es den Brandenburger Bio-Bauern nicht, den hohen Bedarf nach Bio-Produkten aus Berlin auch nur annähernd zu decken. „Wir beobachten eine zunehmende Diskrepanz zwischen dem Marktpotenzial auf der einen Seite und der Infrastruktur und Leistungsfähigkeit der regionalen Bio-Branche auf der anderen Seite“, sagt Wimmer. Nur im Backhandwerk und im Molkereigewerbe laufe es richtig gut.

Probleme gebe es dagegen bei Bio-Gemüse und Obst, es sei einfach kein Angebot vorhanden, um der Nachfrage aus Berlin zu begegnen. Warum ist das so? Die FÖL sieht vor allem strukturelle Hindernisse: In Brandenburg hätten sich Landwirte in der Vergangenheit zu wenig vernetzt, was auch an den großflächigen Betrieben liegt. Anders als in anderen Bundesländern fehle es an fachlichem Austausch. Vielen Landwirten sei nicht bewusst, dass sie bestimmte Fördermittel beantragen könnten.

Es fehlt an Nachwuchs

Darüber hinaus sieht er „zwei Dilemmata“: Innerhalb der nächsten zehn Jahre müssten die Betriebe 20.000 Mitarbeitende ersetzen, aber es fehle an Nachwuchs. Zudem sei die Entlohnung „sehr, sehr bescheiden“. Umso höher schätzt die FÖL, dass die Landesregierung die Biobauern unterstützt. Vor allem die Bestrebungen von Axel Vogel, dem neuen grünen Agrarminister in Brandenburg, seien zu begrüßen.

Wimmer spricht gar von einer „Zeitenwende“. Es sei richtig, Fördergeld nicht ungezielt auszuschütten, „sondern an den spezifischen Stellschrauben zu drehen“, sagte er. Konkret solle in Brandenburg die Umstellung eines Betriebs von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft finanziell unterstützt werden, außerdem soll der Anbau von Bio-Obst und -Beeren gefördert werden.

Vogels Ministerium habe zudem eine Richtlinie zur Ausarbeitung neuer Wertschöpfungsketten entworfen – auch hier stehe die Vernetzung und Beratung der Betriebe im Fokus. „Wir wollen eine Aufbruchstimmung generieren", sagte Wimmer. Wird sich 2020 etwas ändern an der Angebotsvielfalt der Brandenburger Bio-Bauern? Ein erster Erfolg ist der FÖL zufolge der Anbau von Bio-Kartoffeln: Netzwerke, aber auch Strukturen zur Verarbeitung vor Ort befänden sich im Aufbau. Für 2020 strebten Betriebe, die Teil der Europäischen Innovationspartnerschaft EIP seien, eine Anbaufläche von 100 Hektar an – 2018 wurden von diesen Betriebe in Brandenburg 50 Hektar für den Anbau von Bio-Kartoffeln genutzt. Auch auf Bio-Möhren sollen sich die Bauern mehr konzentrieren. Vielfalt ist das aber noch nicht.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar