Berlin-Hellersdorf : Missbrauchsverfahren gegen Minderjährige eingestellt

Bei der Klassenfahrt einer Hellersorfer Grundschule kommt es zu einem sexuellen Missbrauch. Die Täter gelten als nicht strafmündig.

Immer mehr Fälle von Missbrauch wurden in den letzten Jahren verzeichnet. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Immer mehr Fälle von Missbrauch wurden in den letzten Jahren verzeichnet. Foto: Julian Stratenschulte/dpaFoto: DPA

Nach dem Fall eines schweren sexuellen Missbrauchs auf der Klassenfahrt einer Hellersdorfer Grundschule bekommt die Schule Unterstützung. Ein Kriseninterventionsteam der Schulpsychologie sei seit Bekanntwerden des Vorfalls im Juni an der Schule aktiv. Das teilte die Senatsbildungsverwaltung mit.

Wie berichtet, hatte ein zur Tatzeit 10-jähriger Junge aus Afghanistan mit zwei 11-jährigen Mittätern einen 10-jährigen Jungen missbraucht. Die Schulleitung informiere alle Eltern der Schule über den Vorfall, hieß es. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wolle alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, dass der Täter nicht mehr in eine Regelklasse komme. Keines der beteiligten Kinder sei mehr an der Schule. Am Alter der Täter gebe es keinen Zweifel, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Das Verfahren sei eingestellt worden, da Kinder unter 14 Jahren nicht strafmündig sind. Zur Nationalität des Opfers wollte die Polizei zur Wahrung der Anonymität des Jungen nichts sagen.

Fälle von sexualisierter Gewalt häufen sich

Experten berichten, dass in den vergangenen Jahren mehr Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder, vor allem durch erwachsene Täter, gemeldet worden sind. Viele Taten werden nicht angezeigt, weil die Opfer sich schämen. Laut dem Hilfeverein „Berliner Jungs“ ist mindestens jeder zwölfte Junge – quer durch alle Schichten und unabhängig von der Herkunft – von sexualisierten Übergriffen etwa durch Trainer, Betreuer oder einem Freund der Familie betroffen.

Mindestens jeder vierte Junge wird „sexuell intendiert angesprochen“, durch die digitalen Medien mit steigender Tendenz. Bei Verdachtsfällen sollte man nie den Verdächtigen selbst ansprechen, da dieser das potenzielle Opfer unter Druck setzen kann, sondern Hinweise dokumentieren und sich an Fachleute wenden.

Warnung vor Pauschalisierungen

Der Steglitz-Zehlendorfer Schulpsychologe Matthias Siebert warnt davor, zu mutmaßen, junge Geflüchtete könnten aufgrund von Flucht- und Kriegserfahrung eher zu Tätern werden. Wenn ein Kind oder Jugendlicher selbst missbrauche, wirkten immer mehrere Ursachen zusammen.

Bei den „Berliner Jungs“ heißt es, dass erlebte Traumatisierungen zu Verhaltensweisen führen können, die nicht der Norm entsprechen. Einige Kinder und Jugendliche sind in Gefahr, erneut Opfer zu werden. Andere verarbeiten die eigenen Erlebnisse womöglich durch Nachspielen. Laut einem Unicef-Bericht sind zwei Drittel aller Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten, die durch Afrika über die Mittelmeerroute geflohen sind, während der Flucht Opfer von Missbrauch, Ausbeutung oder Menschenhandel geworden.

Präventionsangebote gegen sexuelle Übergriffe, für Grundschulkinder und Pädagogen: jungen-netz.de, Strohhalm e.V.

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