Berlin : Berlin ist weiblich

Nicht nur am Frauentag schwebt die Siegesgöttin Viktoria über der Stadt 51 Prozent der Berliner sind feminin – nur an Ehrenbürgerinnen mangelt es

Thomas Loy

Federico Fellini hätte seinen Film „Stadt der Frauen“ eigentlich in Berlin drehen müssen. Die Stadt ist femininer, als ihre kantig-herbe Optik vermuten lässt. Die berühmteste Berlinerin ist die Ägypterin Nofretete, der erfolgreichste Berliner Fußballverein heißt „Hertha“, auf der schönsten Säule der Stadt steht die Goldelse, im Rudower „Frauenviertel“ haben alle Straßen einen weiblichen Namen.

Es gibt diverse Frauenbeauftragte, ein breites Angebot zur Frauenforschung, Frauennetzwerke, Frauenbuchläden, ein „feministisches Frauengesundheitszentrum“ und einen „Verein zur Förderung von technischen Kenntnissen und Fertigkeiten von Frauen am Beispiel Auto“. An der Freien Universität sind 15 Professorenstellen ausgeschrieben, die nur an Frauen vergeben werden, an der Humboldt-Uni sind es fünf.

Man kann sagen: Berlin kümmert sich um seine Frauen. Auch, wenn noch Defizite erkennbar sind, etwa bei den Ehrenbürgern. Von 114 Namen sind ganze fünf weiblich. Bis zu Louise Schröder, die 1957 diesen Titel erhielt, kam niemand auf die Idee, dass es auch Ehrenbürgerinnen geben könnte. Straßennamen werden in einigen Bezirken nur noch an Frauen vergeben. In Mitte wurden bei dieser Aufholjagd inzwischen 50 Frauennamen verewigt. Die Frauenstraßenquote erreicht knapp 16 Prozent. Dabei liegt der Frauenanteil der Gesamtbevölkerung bei 51 Prozent.

Es gibt in Berlin mehr Arbeitsplätze für Frauen als im übrigen Deutschland, die Zahl weiblicher Lehrlinge in den Handwerksbetrieben liegt bei 30 Prozent, im Bundesdurchschnitt dümpelt sie bei 23 Prozent. 120 000 Frauen in der Stadt sind arbeitslos, aber 157 000 Männer. Das liegt auch daran, dass Mädchen in den Schulen mehr Leistung bringen, öfter Abitur machen und mehr Bewerbungen schreiben als Jungen. 56 Prozent aller Gymnasiasten sind Mädchen – Tendenz steigend. Auch an der Universität bilden Frauen die Mehrheit unter den Studenten, aber beim Lehrpersonal sind sie alleine unter Männern. An der Humboldt-Uni sind nur 16 Prozent der Professorenposten mit Frauen besetzt. 78 Prozent der Psychologiestudenten sind weiblich, es gibt aber nur eine Psychologie-Professorin.

Aktuelles Geschlechterverhältnis im Abgeordnetenhaus: 25 SPD-Frauen (28 Männer), 7 CDU-Frauen (30 Männer), 12 Linksparteifrauen (11 Männer), 14 grüne Frauen (9 Männer), 1 Liberale (12 Männer). Frauen stehen eher links.

Frauen in Berlin sind vornehmlich Singles. Sie heiraten spät oder gar nicht und reichen öfter die Scheidung ein als Männer. Oder der Tod erledigt das für sie. Fast zwölf Prozent der Berlinerinnen über 18 sind verwitwet (Männer 2,8 Prozent), unter den 85- bis 90-Jährigen liegt die Witwenquote bei 75 Prozent. Auch Lesben sind einer festen Verbindung weniger zugetan als männliche Homosexuelle. Bis zum Juni 2005 gab es 2018 Homo-Ehen, 510 wurden zwischen Frauen geschlossen.

Die Berliner Frisör-Innung meldet, dass 90 Prozent der Haarhandwerker weiblich sind. 75 Prozent der Azubis im Gesundheitsbereich sind Frauen. Auch diese Zahl wirkt wie zementiert. Ein Lichtblick: Die Handwerkskammer meldet einen weiblichen Führungskräfteanteil von 16,6 Prozent, „ein guter Wert im Branchenvergleich“.

Dramatisch unterrepräsentiert ist die Berlinerin hinter Gittern. 234 Frauen saßen 2006 ein, aber 5117 Männer. Die häufigsten Delikte von Frauen: Verletzung der Fürsorgepflicht, Kindesmisshandlung, Vortäuschung von Sexualdelikten, Abrechnungsbetrug (wegen der vielen Arzthelferinnen!) und Ladendiebstahl. 24, 5 Prozent aller Tatverdächtigen waren Frauen – Tendenz sinkend.

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