Berlin-Kreuzberg : Einsame Verweilinseln

Parkplätze sind an der Bergmannstraße sogenannten Parklets gewichen. Kaum jemand hält sich dort länger auf – dafür gibt es Austausch anderer Art. Eine Glosse.

Die Parklets in der Bergmannstraße polarisieren das Publikum.
Die Parklets in der Bergmannstraße polarisieren das Publikum.Foto: Corinna von Bodisco

Richtig schick sind sie nicht, die als Verweilinseln gedachten Parklets auf der Bergmannstraße: Mal tragen sie zwei Liegen mit wetterbeständiger Holzauflage, die Passanten zum Entspannen am Straßenrand einladen, mal sind es zwei Barstühle mit Tresen für den bequemen Verzehr des Späti-Biers.

Über die dottergelb gestrichenen Absperrgitter, die auf ehemaligen Parkplätzen stehen und in die Fahrbahn hineinragen, kann man den Ausblick auf den verengten Strom von Autos und Radfahrern genießen, die sich hier noch gefährlicher in die Quere kommen als ohne die Hindernisse.

Nur selten hält sich jemand länger als nötig auf den Plattformen auf, dazu ist die Nähe des fließenden Verkehrs mit Abgasen und Lärm wohl zu belästigend. Die für mehrere hunderttausend Euro aufgestellten Inseln laden also weniger zur Entspannung als zu Aufregung ein, sei es zum Austausch verkehrspolitischer Argumente oder zum Streit über Kunstgeschmack.

Die Auseinandersetzung wird mit Zettelbotschaften ausgetragen. An einem Parklet hingen kürzlich drei DIN-A-4-Blätter, sorgfältig laminiert und so gegen schnelle Verwitterung haltbar gemacht: „Sofort vom Amt zurücktreten“, „Wir schaffen das wech“, „schlimmer geht nimmer“, war dort zu lesen.

Baustadtrat Florian Schmidt, der sich für Verkehrsberuhigung auf der Bergmannstraße einsetzt, fühlte sich beim Anblick der Bilder auf Twitter angesprochen und fand die gelben und grünen Zettel „immerhin farblich passend“.

Es gibt genug Parklets für ganz verschiedene Meinungen

Auch die Initiative „Netzwerk Fahrradfreundliches Friedrichshain“ gab ihr Urteil ab. „Lieber halb schönes Parklet als ganz schön ungerechte Aufteilung der Straße“, lautete eine ihrer Stellungnahmen, „lieber Parkbank als Parkplatz“, stand auf einem weiteren Schild, das sie an einem anderen Parklet aufgehängt hatten. In der Bergmannstraße werden die Argumente des Gegners nicht einfach beseitigt, man lässt sie hängen. Es gibt genug Parklets für ganz verschiedene Meinungen.

Allerdings hat auch nicht jeder Zeit, sich eine Meinung zu bilden. Autofahrer müssen heute länger nach einem Parkplatz suchen. Für Fahrradfahrer gibt es jetzt zwar mehr Bügel zum Anschließen, aber nur, wenn ihnen ihr Rad nicht gerade mal wieder geklaut wurde.

Manche nutzen die Verweilinseln, um ihre alte Matratze oder anderen Unrat zu entsorgen.
Manche nutzen die Verweilinseln, um ihre alte Matratze oder anderen Unrat zu entsorgen.Foto: Johannes C. Bockenheimer

Nebenher hat sich für die Parklets eine alternative Nutzung entwickelt. Manche entsorgen dort alte Matratzen, Haushaltsgeräte und Möbel. Auch eine Art, die Bergmannstraße wohnlicher zu gestalten.

Gezettelt in Berlin
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