Berlin-Marathon : Wie Veranstalter und Polizei für Sicherheit sorgen

Der Marathon soll ein unbeschwertes Erlebnis für die Teilnehmer sein. Deshalb arbeiten die Veranstalter eng mit der Polizei zusammen.

Rund 44.000 Läufer nehmen am diesjährigen Berlin-Marathon teil.
Rund 44.000 Läufer nehmen am diesjährigen Berlin-Marathon teil.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Jürgen Lock hastet zum Wettkampf-Büro, eine braune Umhängetasche, voll mit Unterlagen, hängt über seiner rechten Schulter. Er muss jetzt noch diverse Details klären, er hat Stress, noch ein Tag bis zum Start der Läufer beim Berlin-Marathon 2018. Ein Routine-Tag für den Geschäftsführer des SCC events, des Veranstalters des Marathons.

Andererseits könnte Lock seit 2013 auch tot sein. Es ging um eine halbe Stunde. Hätte er 30 Minuten länger auf der Tribüne in Boston gesessen, im Zieleinlauf des Boston-Marathons, dann würde er jetzt wahrscheinlich nicht mehr leben. „Ich wäre mittendrin gewesen“, sagt er. Im Zentrum der Bombenexplosion. 2013 hatten zwei Brüder tschetschenischer Herkunft im Zielbereich des Boston-Marathons zwei selbstgebaute Sprengsätze gezündet. Drei Menschen wurden getötet, 264 verletzt.

Die Sicherheitsfrage, der wichtigste Punkt beim Berlin-Marathon. 1050 Polizisten sichern den Wettbewerb, 1100 Sicherheitsleute sind im Auftrag des SCC events dazu noch im Einsatz. „Aber wir können keine absolute Sicherheit garantieren, das kann niemand“, sagt Lock. „Wir können nur die gefühlte Sicherheit immer mehr steigern.“ Doch es gibt ja diese Grauzone, dieser Bereich, in dem man abwägen, klären, genau überlegen muss. Wann sagt man einen Wettbewerb mit 44.000 Teilnehmern ab? Welche Toleranzgrenze gibt es?

Bloß kein zweites Boston

Da geht es um die Fragen wie diese: Ab wann zum Beispiel gilt abgestellter Rucksack ohne erkennbaren Besitzer als Sicherheitsrisiko? Was macht man, wenn einem so ein Teil verdächtig vorkommt? Wird dann gleich maximaler Alarm ausgelöst und die Veranstaltung abgebrochen? Bloß kein zweites Boston?

Erst mal wird sehr überlegt vorgegangen. „Das gibt es ja Stufen, wie man reagiert“, sagt Lock. Erste Stufe: Was ist da eigentlich genau? Der verdächtige Gegenstand wird erstmal eingeschätzt. Vielleicht ist ja ein Besitzer doch in der Nähe, vielleicht ist ja alles harmlos und lässt sich leicht klären. Wenn nicht, folgt Stufe zwei: Dann rücken Experten an, ziehen um den verdächtigen Gegenstand einen Bannkreis von 300 Metern, prüfen genau und entscheiden dann: harmlos oder gefährlich. Sollten die Experten sicher sein, dass hier möglicherweise Sprengstoff lagert, folgt Stufe drei: Einsatz des Entschärfungskommandos.

Der hochsensible Bereich beim Punkt Sicherheit ist das Start-Ziel-Gebiet am Brandenburger Tor. Dort stehen die Absperrungen, dort schauen Kontrolleure in Rucksäcke, dort werden Menschen, die etwa mit Roll- oder anderen Koffern ankommen, zurückgewiesen. Mit diesen Teilen kommt man nicht durch. Außerdem ist der Tiergarten abgeschirmt, und schon am Freitag sind 20 bis 25 Helfer durch das Areal beim Ziel gelaufen und haben alles nach verdächtigen Gegenständen abgesucht.

Aber die stärkte Entwicklung bei den Sicherheitsstandards hat nicht das Boston-Attentat ausgelöst. Dafür gab es eine andere Chiffre: Duisburg, die Loveparade 2010. Das Drama, als durch Planungsfehler und organisatorische Mängel 21 Menschen getötet und 541 verletzt wurden. „Seither sind die Verantwortlichkeiten, auch bei den Behörden, klar geregelt“, sagt Lock.

Die menschliche Psyche als Schwachstelle

Der SCC events musste, wie alle Veranstalter von Großereignissen, ein Sicherheitskonzept vorlegen, der Bezirk Mitte nimmt es ab und arbeitet eng mit dem Veranstalter zusammen. Es ist ohnehin ein eingespieltes Szenario, die Marathon-Veranstalter haben ja große Erfahrung. Und trotzdem, sagt Jürgen Lock, „fließen in jedem Jahr Erkenntnisse aus dem Vorjahr mit in die Planung. Da ist nichts statisch.“

Die Verantwortlichen müssen ja einen klaren Plan haben, wie sie die Massen im Notfall in Sicherheit bringen. Da gibt es sorgfältig ausgearbeitete Pläne, in der Leitstelle, in der alles überwacht wird, sitzen unter anderem die Feuerwehr, Polizei und Verkehrslenkung. „Da sind Experten, die jede Sekunde, wenn nötig, Entscheidungen treffen“, sagt Lock. „Außerdem entwickelt sich die Technik ja auch immer weiter. Wir können jederzeit sehen, wie viele Menschen sich in einem ganz bestimmten Gebiet bewegen.“

SCC events arbeitet auch eng mit der Universität Manchester zusammen. Dort lehrt ein früherer Praktikant des Marathon-Veranstalters inzwischen als Professor mit dem Spezialgebiet „Crowd Management“. Er befasst sich mit Aspekten bei Großveranstaltungen, zum Beispiel die besten Evakuierungsmethoden.

Mit mathematischen Modellen und ausgeklügelten Plänen lässt sich vieles in Griff bekommen. Aber eine Schwachstelle wird damit nicht ausgeschaltet: die menschliche Psyche. Und die spielt im Albtraum von Jürgen Lock eine zentrale Rolle. „Am schlimmsten wäre es, wenn jemand glaubt, er könnte sich einen Spaß machen und zum Beispiel einen Rucksack so abstellen, dass er wirklich verdächtig wirkt. Oder weil er etwas gegen den Marathon hat.“ Und solche Typen lösen im Zweifelsfall extreme Reaktionen aus. Lock: „Das kann zum Abbruch der Veranstaltung führen.“

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