Berlin-Mitte : Die Linden sind wieder da!

Unser Autor spaziert über den Mittelstreifen Unter den Linden, der (fast) wieder ein Boulevard ist. Eine Glosse

Der Blick aufs Brandenburger Tor ist wieder frei.
Der Blick aufs Brandenburger Tor ist wieder frei.Foto: Thilo Rückeis

Hurra, die Linden sind wieder da! Sie waren zwar nie weg, aber eher unsichtbar. Mit Brettern vernagelt. Es sah aus wie bei Hempels unterm Sofa, wenn man durch Gucklöcher linste. Der Bau der Untergrundbahn 55 forderte jahrelang seinen Tribut; die schönen Gesänge und Lobpreisungen von Heinrich Heine und Walter Kollo bis zu Marlene Dietrich und danach - waren von dem Moment an ein schöner Traum, als unten die neue U-Bahn gebaut und oben das dafür notwendige Utensil gelagert wurde.

So quetschte sich das internationale Flaneurwesen auf dem beiderseitigen Gehweg der Straße, nur der Berliner als Hausherr sozusagen fragte eins ums andere Mal: Wie lange soll det denn noch dauern, äh?

Die Zäune sind weg

Nun, liebe Mitbürger, Touristen, Rucksackberliner, Zuzügler und Bewunderer: Euer Berlin-Führer hat nicht gelogen! Wenigsten ein Stück der „Linden“, zwischen Café Einstein und Brandenburger Tor, dürfte jetzt wieder als Boulevard und Prachtsträßchen durchgehen.

Die Zäune sind weg. Bänke zum Ausruhen wieder da. Der Mittelstreifen besteht (Denkmalpflege!) aus Sand, daneben glitzert das Kleinpflaster in der Sonne, die so schön wie einst über den Bummel-Boulevard scheint. Es darf wieder flaniert und geflirtet werden wie einst in Walter Kollos „Untern Linden, Untern Linden“ – bis zum Pariser Platz. „Und Schwupp, da ist sie schon dein Schatz.“ Mann Mann, waren das noch Zeiten?!

Heute läuft der Tourist wie selbstverständlich über die „Linden“. Auf dem Boulevard haben (leider) sogleich unsere Fahrradfahrer entdeckt, dass hier alles viel schneller voran geht. In Schlangenlinien durch die Touristen, die plötzlich eine Welle der Begeisterung erfasst.

Kameras in Stellung gebracht, „Mutti, stell dich mal schnell dahin!“ befiehlt der Gemahl aus Castrop-Rauxel, Mutti gehorcht und strahlt. War ein Ufo gelandet? Oder kam ein Promi vorbei? Nein, die berühmte Schlange historischer Trabant-Autos mit DDR-Staatswappen, CA-Zeichen der Sowjetarmee und dem Sandmännchen singt und stinkt sich durch den Verkehr – eine Gaudi für alle Fahrer, die mit der berühmt-berüchtigten Rennpappe zurande kommen.

Wann ist das hier wieder schön?

Natürlich hat sich auf dem von Gerüsten befreiten Linden-Kilometer auch gleich das übliche Touristenspeiseangebot platziert: International gibt sich am westlichen Ende „The Oval Office“ mit Curry-Wurst, Snacks und Bier und dem Ausblick auf die gegenüber liegende „City-Toilette“. Beide Bedürfnisbefriedigungsanstalten haben eine ähnliche Form und wurden von einem bekannten Berliner Architekten entworfen, der lieber Hochhäuser statt „Stadtmöbel“ gebaut hätte.

Die Strecke vom Hotel Adlon bis zur Glinkastraße ist etwa ein Drittel des Prachtboulevards, der Rest Richtung Alex ist weiter mit Brettern vernagelt. „Wann ist das hier wieder schön?“ frage ich den Bratwurster im Kiosk. „Ach, wenn Senat sagt: Ein Jahr, dann sind zwei, wenn sagt zwei, dann sind fünf“.

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Die Hoffnung, dass bald die Linden blühend duften, darf man wohl auch in Berlin hegen.

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