Berlin-Mitte : Einmal ohne Alles für Allergiker

Berlin-Mitte gilt längst als Epizentrum der Lebensmittelunverträglichkeiten. Jetzt gibt es hier einen Pop-up-Store für Allergiker.

Antonia Bretschkow
Marko Schwertfeger in seinem temporären Laden in den Heckmannhöfen
Marko Schwertfeger in seinem temporären Laden in den HeckmannhöfenFoto: Doris Spiekermann-Klaas/TSP

Glutenfreie Buchweizenpizza, Sojamilch, Rührei ohne Ei. Immer häufiger verbannen Berliner Restaurants und Cafés Lactose und Gluten von der Speisekarte, gerade in Szenekiezen prangt oft der Hinweis „glutenfree“ in der Karte. Auch Fructose und Hefe geht es zunehmend an den Kragen. Ob man nun Allergiker ist oder sich aus Lifestylegründen dafür entscheidet, den Inhaltsstoffen zu entsagen: Berlin ist längst ein Paradies für die, die verzichten.

Gerade weil sich der Verzicht hier vergleichsweise einfach gestaltet: Die Jute Bäckerei in Prenzlauer Berg backt ganz ohne Gluten, das in vielen Getreidesorten vorkommende Klebereiweiß, der manchen arg an die Darmschleimhaut geht und bei anderen zumindest kein gutes Image mehr hat.

Das Friedrichshainer Café Lykke hat Gluten, Milchzucker und Soja entsagt, vieles auf der Karte sei auch ohne Ei, Milch, Nüsse und Histamin, ein natürlich vorkommender Botenstoff, der etwa Quaddeln auslösen kann.

Bisher fehlte ein Laden, in dem es nur Produkte für Allergiker gibt

Selbst große Supermarktketten stellen sich bereits mit speziellen Produkten auf die Nachfrage ein. Nur ein Lebensmittelgeschäft, das sich ganz und gar an die empfindliche Klientel wendet, fehlte bislang. In diese Lücke springt derzeit Marko Schwertfeger mit seinem Pop-up-Store „Unverträglich“, einem Shop auf Zeit.

Bis 12. Mai sind die Pforten des kleinen Geschäfts in den Heckmannhöfen, Oranienburger Straße, geöffnet. Seit zweieinhalb Jahren betreibt der 34-jährige Professor für Betriebswirtschaftslehre an der HWR Berlin den Online-Handel „Unverträglich“. Er selbst verträgt weder Nüsse noch Lactose. „Ich habe mich im Studium mit Freunden, die ebenfalls Lebensmittelunverträglichkeiten haben, ausgetauscht. Dabei habe ich gemerkt, dass ein vielfältiges Angebot notwendig ist.“

Mehr Produktvielfalt

Noch sei das Angebot zu einseitig, Schwertfeger wollte mehr Produktvielfalt und gleichzeitig eine Plattform für den Austausch über Erkrankungen wie Zöliakie, also Glutenunverträglichkeit, und Lactoseintoleranz bieten. Er begann zunächst allein einen Online-Vertrieb aufzubauen, hat alle Sendungen selbst zur Post gebracht und handgeschriebene Grußkarten beigelegt. Die „Persönlichkeitsschiene“, sagt Marko Schwertfeger, funktioniert.

Heute arbeitet er mit einem vierköpfigen Team und versendet innerhalb ganz Europas, 1500 Produkte bietet der Shop an. Nur der persönliche Kontakt kommt mit zunehmendem Erfolg etwas zu kurz, findet der Unternehmer.

Nun also ein Pop-Up Store mitten in Berlin, im Epizentrum der Unverträglichkeiten, wenn man so will. Hier in der Oranienburger Straße, wo Soja-Cappuccinos in der Sonne geschlürft werden, liegen die etwas versteckten Heckmannhöfe.

Im Innenhof plätschert munter ein Springbrunnen, die Ladentüren eines efeubewachsenen Hauses stehen weit geöffnet. Nichts hier erinnert an konventionelle Supermärkte. In den Regalen steht Mandel-Chia-Milch neben Industriezucker-freiem Stevia-Eistee und glutenfreiem Bier, gerade wird glutenfreies Brot zum Probieren angeboten.

Allzu hip wird es hier aber nicht, hier treffen sich eher die, die Kontakt zu anderen Menschen mit Unverträglichkeiten suchen und auf der Jagd nach neuen Produkten sind, viele Frauen kommen hier vorbei, auch Eltern, die Lebensmittel für den allergiegeplagten Nachwuchs kaufen.

„Sie sind auch Muss-Esser?“, fragt eine Kundin die andere – wobei „Muss-Esser“ die meint, die verzichten müssen. Der Verzicht auf Gluten bedeutet dann oft mehr Zusatzstoffe und Zucker – was für manche Allergiker zwar nötig ist, aber nicht unbedingt gesünder für die, die es nicht brauchen.

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