Berlin-Pankow : Die Anne-Frank-Forscherinnen

Vier Mädchen auf den Spuren ihrer Heldin. Sie suchen Zeitzeugen, durchstöbern Flohmärkte, reisen nach Amsterdam und sprechen im Abgeordnetenhaus.

Anne-Frank-Forscherinnen: Michelle (10), Chayenne (15), Nathalie (17) und Angelina (13)
Anne-Frank-Forscherinnen: Michelle (10), Chayenne (15), Nathalie (17) und Angelina (13)Foto: Ulrike Scheffer

Zuplakatierte Mädchenzimmer sind an sich nichts Besonderes. Jedenfalls nicht, wenn Taylor Swift, Justin Bieber oder Ariana Grande die Wände zieren. In der Mädchenwohngruppe des Vereins Kindeswohl lächelt jedoch kein Popstar von der Wand, sondern ein Mädchen, das mit nur 15 Jahren im KZ Bergen-Belsen starb: Anne Frank.

Für Chayenne (15), Michelle (10), Nathalie (17) und Angelina (13) ist sie zu einem Vorbild geworden. Seit vielen Monaten beschäftigen sie sich intensiv mit dem Schicksal ihrer Altersgenossin Anne. Inzwischen helfen auch Nachbarn bei den Recherchen, und zu einem Zeitzeugen aus einem Seniorenheim hat sich sogar eine Freundschaft entwickelt. Das Projekt zieht Kreise. Ende Januar sind die Mädchen eingeladen, es bei einem Jugendforum im Abgeordnetenhaus vorzustellen.

Kein einfaches Projekt

Die Vier und noch zwei weitere Mädchen, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern leben, wohnen zusammen mit festen Erzieherinnen in einer Wohnung eines mehrstöckigen Wohnblocks im Pankower Ortsteil Buch. Der Anstoß für das Geschichtsprojekt kam von Nathalie. Anne Frank gehörte im Frühjahr zum Schulstoff in ihrer Klasse. „Es hat mich so beschäftigt, dass ich mehr erfahren wollte“, sagt sie. Wohngruppenleiterin Karen Kraatz griff das auf. „Wir versuchen ohnehin, die Mädchen für ein, zwei gemeinsame Projekte im Jahr zu begeistern. Ein so anspruchsvolles hatten wir allerdings noch nie.“

Die anderen aus der Gruppe zogen mit. „Anne war ja in unserem Alter“, sagt Chayenne. „Es ist beeindruckend, wie sie das alles durchgestanden hat und trotz ihrer Angst noch glücklich sein konnte.“ Die Mädchen recherchierten im Internet, besuchten das Konzentrationslager Sachsenhausen und die Synagoge in der Rykestraße in Prenzlauer Berg.

Auf Flohmärkten stöberten sie nach Gegenständen aus der Zeit Annes. Die Ergebnisse hängen nun im Esszimmer neben den Schwarz-Weiß-Bildern ihrer Heldin: ein Paar braune Kinderschuhe aus Leder, eine Zahnbürste aus Holz, ein alter Schulranzen, ein verfilzter Teddybär – und ein schlichtes helles Sommerkleid mit breitem brauen Kragen, das inhaftierte Mädchen in Theresienstadt tragen mussten.

Auch einige Originalkoffer aus den 1940er stehen herum. Darin Bücher und Broschüren, in denen sich alles um Anne Frank dreht. In einem Kofferdeckel steht noch der Name der früheren Besitzer: Fleischmann, Angermünde – eine jüdische Familie, die wohl wie die Franks deportiert wurde. Eine Kollegin von Karen Kraatz hat ihn bei ihren Großeltern entdeckt.

Doch die Mädchen gingen noch weiter: Per Aushang suchten sie nach Zeitzeugen – und lernten so einen 95-jährigen pensionierten Oberstudienrat kennen, der bei einem Besuch von seinem jüdischen Freund erzählte, der plötzlich nicht mehr da war.

"Liebe Anne, wir wollen genauso mutig und clever sein, wie du es warst"

Einige ihrer Aushänge seien von Neonazis abgerissen worden, berichten die Mädchen. Es kamen aber auch Nachbarn, die Bücher oder anderes Material brachten. Manchmal stecken Infos im Briefkasten der Wohngruppe. Bisheriger Höhepunkt war die Reise zum Anne-Frank-Museum in Amsterdam.

Um sie zu finanzieren, bewarben sich die Bucher Mädchen um Fördergelder beim Bezirk. Dafür mussten sie ihr Projekt vor einer Jugendjury präsentieren. Sie überzeugten. 1000 Euro bekamen sie für die Fahrt – und Ende September eine Woche frei in der Schule. „Als ich in der Klasse erzählte, dass ich nach Amsterdam fahre, standen plötzlich alle um mich rum und wollten wissen, was ich da mache“, erzählt Chayenne stolz.

Das Anne-Frank-Museum in Amsterdam ist in jenem Haus untergebracht, in dem Anne mit ihrer Familie mehr als zwei Jahre vor den Nazis versteckt gehalten wurde. Hier schrieb sie ihr berühmtes Tagebuch. Zur Vorbereitung verfassten auch die Mädchen ihre Gedanken, in einem langen Brief an Anne, den sie später dem Museum übergaben.

„Auf dieser Reise wollen wir genauso mutig und aufgeweckt und clever sein, wie du es warst“, heißt es darin. In Annes Versteck kamen einigen dann aber die Tränen. Doch es gab auch fröhliche Momente. Und ein kleines Abenteuer für die 10-jährige Michelle. „Einmal bin nicht rechtzeitig aus der Straßenbahn ausgestiegen und war plötzlich ganz allein“, erzählt sie. Und Angelina berichtet strahlend, wie sie ihren 13. Geburtstag in einem Amsterdamer Café gefeiert hat.

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In der Wohngruppe steht nun auch ein selbstgebautes Modell des Museums. Der nächste Höhepunkt wartet schon. Beim Jugendforum „denk’mal’18“ darf die Wohngruppe ihr Projekt Ende Januar im Abgeordnetenhaus präsentieren. Für die sechs Mädchen, die in ihrem Leben selbst schon viele dunkle Momente erlebt haben, ist das ein großer Erfolg.

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