Berlin-Schöneberg : Zu Besuch beim König der Falter

Gerd Fiebig sammelte tausende präparierte Schmetterlinge, Käfer und Spinnen. Sein Geschäft ist sein Lebenstraum. Doch die Insekten sind in Gefahr.

Eva Steiner
Aus der Luft gegriffen. In seinem Laden in Schöneberg verkauft Gerd Fiebig Mikroskope, Laborbedarf oder Chemiekästen.
Aus der Luft gegriffen. In seinem Laden in Schöneberg verkauft Gerd Fiebig Mikroskope, Laborbedarf oder Chemiekästen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es schillert in allen Farben. Das warme Orange des Monarchfalters, das metallische Blau des Morphofalters, das Blutrot des Edelfalters Cymothoe sangaris, das satte Gold des Großen Rosenkäfers – das Auge weiß kaum, wohin es zuerst blicken soll. Kein Wunder, sei die Größe dieser Insektensammlung doch einzigartig für Mitteleuropa, sagt ihr Besitzer Gerd Fiebig.

Rund 10.000 Schmetterlinge, Käfer und Spinnentiere aus allen Kontinenten umfasst die Verkaufsausstellung in dem kleinen Kabinett im hinteren Teil des Ladengeschäfts „Fiebig Lehrmittel“. Die Unmengen an Insekten lagern auf nur wenigen Quadratmetern.

Schaukästen im Geschäft statt Museum

Wie ist diese große Menge der Präparate in Fiebigs Besitz gelangt? In den 1980er Jahren arbeitete der heute 75-Jährige im Museum für Naturkunde als Fotograf und Restaurator. Damals verfügte der Schmargendorfer über eine Sondererlaubnis, in dem Museum im Osten der Stadt zu arbeiten. Mit Freunden wollte er im Westen Berlins ebenfalls ein Naturkundemuseum eröffnen, und so kaufte Fiebig alle Insektensammlungen auf, die er auf Flohmärkten oder Dachböden nur finden konnte.

Ein geeignetes Haus am Schloss Charlottenburg stand sogar schon bereit, doch dann kam die Wende, und dem Senat wäre eine zweite Einrichtung dieser Art in der Stadt zu teuer geworden. Die großen Träume vom eigenen Museum verflogen, die Schmetterlinge nicht.

Seit 1972 sind die rund 100 Schaukästen nun im Schöneberger Geschäft ausgestellt. Im Laden selbst gibt es nicht nur Mikroskope, Laborbedarf oder Chemiekästen zu kaufen, sondern auch weitere präparierte Tiere wie Vögel aus Zoo und Tierpark, Kröten oder einen jungen Fuchs.

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Die Geschichte von Fiebigs Insektensammlung beginnt aber eigentlich noch weit vor seiner Tätigkeit im Museum für Naturkunde, mit einem Onkel des damals 16-Jährigen. Dieser Onkel war Edelsteinhändler in Nordbrasilien, und wenn dort Regenzeit und nicht viel zu tun war, saß er mit seiner Frau im Schein einer Petroleumlampe auf der Veranda und spielte Schach.

Durch das Licht wurden die großen Falter angezogen, die der Onkel seinem jungen Neffen mit nach Deutschland brachte. Dieser war begeistert von den unbekannten, farbenprächtigen Insekten. Eine Leidenschaft entstand, die Fiebig und seine Frau in den 1970er Jahren unter anderem nach Südfrankreich führte.

Museumsanfragen aus aller Welt

Auch heute reist er noch viel, wenn er nicht gerade Besuch von Insektensammlern bekommt oder auf einer Fachtagung spricht. Gerade hat er eine Einladung von einem alten Freund aus einem Dorf bei Toulouse bekommen. Der leitet dort ein Insektenmuseum: Man könne doch mal wieder gemeinsam auf die Suche gehen. Fiebig kommt gern.

Dabei hat der gelernte Feinmechaniker nie viel selbst gefangen. Er ist der, zu dem die Fachleute kommen, wenn sie eine bestimmte Art Schmetterling oder Käfer suchen oder anbieten wollen.

Welcher darf's sein? Die meisten seiner Insekten seien eines natürlichen Todes gestorben, sagt Gerd Fiebig.
Welcher darf's sein? Die meisten seiner Insekten seien eines natürlichen Todes gestorben, sagt Gerd Fiebig.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Selbst Naturkundemuseen fragen immer wieder bei ihm an – ob aus Südtirol oder Sumatra, erzählt er. Wissenschaftlichen Wert hat seine Sammlung allerdings wenig, denn allzu häufig fehlt den Exponaten ein kleines, entscheidende Detail: der obligatorische Zettel unter dem Tier. Dieser zeigt nicht nicht nur, um welche Art es sich handelt, sondern vor allem, wo und wann sie gefunden wurde.

Viele Arten sind akut bedroht

Die meisten seiner Insekten sind laut Fiebig eines natürlichen Todes gestorben. „Viele Schmetterlinge leben nur zwei bis drei Wochen“, sagt er. Es gebe aber auch Arten wie den Monarchfalter, dessen Lebensdauer bis zu acht Monate betrage und der in dieser Zeit die lange Reise von Kanada nach Mexiko und wieder zurück unternehme, erzählt er.

Wie sehr sein Herz für Insekten schlägt, merkt man, wenn er über bestimmte Arten spricht: die beeindruckende Größe des Thysania agrippina aus Mittel- und Südamerika zum Beispiel. Den mit bis zu 32 Zentimeter Flügelspannweite größten Nachtfalter hat Fiebig ebenfalls in seiner Sammlung. Oder den an mehreren Stellen orange, gelb und grün schimmernden Chrysiridia rhipheus aus Madagaskar, der auch Regenbogenfalter genannt wird.

Besonders schwärmt Fiebig für die ganz kleinen Tiere wie den Giraffenhalskäfer aus Madagaskar: Der lange, gestreckte Hals des nur höchstens 25 Millimeter langen Blattrollers macht über 70 Prozent von dessen gesamter Körperlänge aus.

Viele Insekten wird man wohl nur noch in Schaukästen sehen

Angesichts der offensichtlichen Zerbrechlichkeit der Tiere und ihrer gleichzeitigen Bedeutung für Natur und Mensch ist Fiebig besorgt: „Der Bestand der Insekten, von denen weltweit weit über eine Million Arten bekannt sind, nimmt Jahr für Jahr ab“, sagt er und schüttelt den Kopf. Ursachen für den weltweiten Insektenschwund sind vor allem Umwelt- und Lichtverschmutzung, Klimawandel und Lebensraumverlust.

Eine aktuelle Analyse australischer und chinesischer Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass bereits rund ein Drittel aller Arten vom Aussterben bedroht sind. Geht die Entwicklung so weiter, könnte die artenreichste Klasse der Tiere in einem Jahrhundert verschwunden sein. Werden die Warnungen tatsächlich Wirklichkeit, könnte man viele heute lebende Insekten dann nur noch in Schaukästen bewundern.

Fiebig Lehrmittel, Langenscheidtstraße 10. Mo–Fr von 10–18 Uhr. Tel. 784 12 23

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