Aus 200 Meter Höhe betrachtet gleichen sich die Formen an.

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Berlin von oben : Und nun zu den Aussichten

„Guck mal, da hinten ist Köpenick“, sagt ein Mann zu seiner Begleiterin. Und zeigt Richtung Grunewald. Kann schon mal passieren, aus 200 Meter Höhe betrachtet gleichen sich die Formen an. Mit ein bisschen Fantasie könnte der exakt im preußischen Rechteck gehaltene Tiergarten auch als Miniatur des genauso symmetrischen New Yorker Central Parks durchgehen.

Zur besseren Orientierung ist der Panorama-Rundgang im Zuge der Renovierungsarbeiten mit einem durchlaufenden Band von erklärenden Tafeln ausgestattet worden. Der Blick von oben stimmt gnädig, selbst gegenüber Bauwerken, die in der allgemeinen Betrachtung nicht gut weggekommen sind. So ist das in Schweinchenrosa gehaltene Einkaufszentrum Alexa keineswegs „ein Monstrum“ (Hans Kollhoff) auch nicht „Berlins Graus-Haus“ („Spiegel“) oder „hässlich wie die Nacht“ („Welt“). Sondern „eine moderne Interpretation der unbeschwerten Architektur des Alexanderplatz, unterstützt durch Art-Deco-Elemente der 1920-er Jahre“. So verkündet es die Tafel vor dem Panoramafenster. Eine Dame in den Sechzigern liest den Text laut vor, die anderen aus ihrer Reisegruppe nicken, und so wird es später auch nach Hause transportiert, in den Schwarzwald, die Lüneburger Heide, ins Erzgebirge.

Die Gnade der distanzierten Harmlosigkeit umhüllt auch anderes umstritten Neues. Zum Beispiel die von Gentrifizierungsgegnern als Symbol des Großkapitals verachtete Großarena am Ostbahnhof, sie wirkt aus der Luft betrachtet wie eine größere Sparkassenfiliale. Das von der Architekturkritik als „bauästhetisches Desaster“ („FAS“) gegeißelte Hochhaus auf dem Spreedreieck versteckt sich im Schatten des Bahnhofs Friedrichstraße.

Auch im Osten ist es nach wie vor die Architektur aus der Vorwendezeit, die das Bild der Stadt bestimmt. Das Internationale Handelszentrum an der Friedrichstraße, ein schmuckloser Solitär aus den späten Siebzigern. Oder die Wohntürme an der Leipziger Straße. Ein städtebauliches Verbrechen aus den sechziger Jahren, als die DDR-Regierung dem Springer-Hochhaus auf der anderen Seite der Mauer eine Kakofonie aus Beton entgegensetzte. Einen Höhepunkt fand diese Materialschlacht mit dem Bau des Fernsehturms, der als Stadtkrone von der Überlegenheit des Sozialismus kündete.

23 Jahre nach dem Mauerfall kommen immer noch Touristen auf den Turm mit der Erwartung, sie könnten hier eine kleine DDR besichtigen, mit sächselnden Kellnern, Broilern, Rotkäppchensekt. Nichts da! An der Bar werden internationale Spirituosen ausgeschenkt, das Personal empfängt auch einheimische Besucher gern im berlinisch gefärbten Englisch. Und auf der Speisekarte darf zwischen sizilianischen Linguini und Zürcher Apfeltorte natürlich das unvermeidliche Ragout fin nicht fehlen.

Das Essen? Ja gut, wer im Restaurant des Fernsehturms einen Tisch bucht, der hat dabei weniger das Essen im Sinn als den sich drehenden Außenring, er lässt die Gäste an ihren Tischen in einer Stunde einmal rund um die Kugel kreiseln und ermöglicht ihnen so einen Blick in alle Himmelsrichtungen. Knapp die Hälfte des Rundkurses führt vorbei an architektonischen Exponaten aus dem alten West-Berlin. Reichstag, Kongresshalle, Europacenter, Flughafen Tempelhof, und natürlich auch der Funkturm.

Wie ist eigentlich den Besuchern zu DDR-Zeiten die Existenz dieser auf Ost-Berliner Stadtplänen überhaupt nicht existierenden Halbstadt erklärt worden? „Dit ist eher so am Rande erwähnt worden“, sagt der Fahrstuhlführer auf dem Weg nach unten. „Da hamse mehr übern Osten jeredet. War ja ooch janz schön!“

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