Er will Botschaften transportieren, nicht nur mit schönen Reden, sondern mit Taten

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Berliner Erzbischof : Papst Benedikt ernennt Woelki zum Kardinal
Papst Benedikt XVI. und Rainer Maria Woelki (re.).
Papst Benedikt XVI. und Rainer Maria Woelki (re.).Foto: dpa

Woelki kommt nicht mit gravitätischen Schritten in den Saal, sondern auf leisen Gummisohlen, ein kurzes Hallo und ein Nicken, da ist er. Er verfällt auch nicht in Posen, wie sie Manager parat haben, um Unsicherheit zu verbergen, die zum Beispiel gerne eine Hand in die Hosentasche stecken, während sie mit der anderen gestikulieren. Auch Rainer Maria Woelki weiß manchmal nicht, wohin mit den langen Armen und Beinen.

Das heißt aber nicht, dass Woelki kein Macher wäre. Zwei Wochen bevor er nach Rom gefahren ist, hat er die Führungsriege seines Vorgängers entmachtet und durch jüngere Mitarbeiter ersetzt. Er hat lähmende Strukturen an der Bistumsspitze beseitigt und gezeigt, dass er wenig Verständnis hat für Gruppen, die aus der kirchlichen Ordnung ausscheren, egal, wie fromm sie sind. Woelki tut das nicht, weil er beweisen will, dass er auch autoritär sein kann oder um der persönlichen Macht willen. Sondern weil er das Erzbistum voranbringen möchte. Dazu braucht es klare Verhältnisse.

Voller Tatendrang schwärmte er im „Kathedralforum“ von „Leuchttürmen“, die das Erzbistum brauche. So sprach vor ein paar Jahren auch der evangelische Bischof Wolfgang Huber über die zukünftige Gestalt der Kirche. Woelki will angesichts klammer Kassen die Kräfte bündeln und lieber auf die eine oder andere Kirche verzichten, in der sonntags nur noch 20 Katholiken beten, und dafür „Zentren“ mit Strahlkraft errichten. Er träumt von einer katholischen Fakultät in Berlin – auch wenn er weiß, wie unrealistisch das momentan ist. „Da traut sich einer zu träumen. So viel frischen Wind gab es im Berliner Erzbistum schon lange nicht mehr“, sagt eine Besucherin nach der Veranstaltung.

Ihn lässt aber auch die andere Seite nicht kalt. Es macht ihn wütend, wenn Menschen nicht wissen, wie sie ihre Familie ernähren sollen und keinen interessiert es, er versteht nicht, wie Roma-Kinder in Neukölln inmitten von Ratten spielen und keiner tut was. Woelki hat auch als erster Prominenter öffentlich gegen den geplanten Abschiebeknast im Flughafen Schönefeld protestiert.

Rainer Maria Woelki ins Amt eingeführt
Der neue Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, ist feierlich in sein Amt eingeführt worden.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dapd
27.08.2011 13:57Der neue Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, ist feierlich in sein Amt eingeführt worden.

Viel wurde in den vergangenen Monaten darüber gestritten, ob Woelki theologisch konservativ ist oder liberal. Er könne mit solchen Polarisierungen nichts anfangen, sagt er. Solche Debatten könne sich die katholische Kirche auch gar nicht mehr leisten. Es geht ihm ums Grundsätzliche, ums Evangelium, um Jesus Christus. „Jeder Mensch sehnt sich nach Glück und nach Liebe“, sagt er. „Freundschaften und Beziehungen werden oft brüchig. Gott nimmt uns alle bedingungslos an.“ Diese Botschaft will er transportieren, in einer zeitgemäßen Form und so, dass sie gehört wird, jedenfalls nicht nur mit schönen Reden, sondern auch durch Taten. Nicht mehr, nicht weniger.

Woelki ist 55 Jahre alt und der jüngste Kardinal der katholischen Kirche. Er wird nicht nur den nächsten Papst mitwählen, er wird auch die katholische Kirche in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten prägen. Es ist wohl nicht zu erwarten, dass er die katholische Theologie reformieren wird - als Reformer macht man heute auch keine Karriere in der Kirche. Er wird auch nicht an Dogmen rütteln, von daher ist er ein Konservativer. Aber er kennt die Lebenswirklichkeit.

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