Drei Generationen Berliner Geschichte

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Berliner Familiengeschichten : Eins, zwei, Polizei

Drei Generationen Polizeidienst in dieser Stadt, das sind auch drei Generationen Berliner Geschichte, die oft genug große Weltgeschichte war. Die zwei Einsiedels sagen: „Wenn Polizist sein, dann nur in Berlin.“ Hier ist was los. War immer so gewesen. Schon bevor der erste Einsiedel den Dienst antrat.

Um 1900 zum Beispiel – wenn man erst da beginnen möchte – ,als junge Frauen aus der Provinz nach Berlin kamen, um Anstellung zu finden als Dienstmädchen. Schon am Bahnhof lauerten ihnen finstere Gestalten auf, versprachen Geld und Arbeit und verschleppten Ahnungslose in ein Bordell. Selbst wer es zum Dienstmädchen geschafft hatte, konnte sich seines Lebens nicht sicher sein. Falls nämlich manch feine Herrschaften Geld sparen wollten, baten sie die Mädchen ums Putzen der Fenster – und stießen sie hinaus. Die Schutzmänner, die zu jener Zeit durch die Berliner Straßen patrouillierten, erhielten daher die Weisung: Achtet auf offene Fenster!

Schutzmänner. So hießen Polizisten früher

Schutzmann, so hieß der Polizist. Klang das nicht vertrauenerweckend? Die Uniform war damals, mehr noch als heute, Teil der Autorität. Ein Stehkragen sorgte für aufrechte Haltung, der Kopf leicht angehoben, weil sonst unter dem tiefen Schirm des Helms kaum etwas zu sehen war. Dazu Schuhe mit kleinem Absatz und schon wirkten die Herren groß und eindrucksvoll.

Die Polizeihistorische Sammlung Berlins stellt die Uniformen aus, teils sind sie echt, teils nachgeschneidert. Wer nachvollziehen möchte, wie der Schutzmann langsam zum Polizisten wurde, der sollte durch die Räume im denkmalgeschützten Gebäude am ehemaligen Flughafen Tempelhof gehen, durch dieses Sammelsurium an Gegenständen, Bildern und Schriftstücken, die Polizeigeschichte, Berliner Geschichte, dokumentieren. Von den zu schlichtenden Saalschlachten zwischen Kommunisten und Nazis Ende der 20er Jahre zur reichseinheitlich grün tragenden Schutzpolizei der 30er, die als neue „Maßnahme zur Hebung der Verkehrszucht“ begann, Straßenrowdys die Luft aus den Reifen zu lassen – und sich im weiteren Verlauf einverleiben ließ vom nationalsozialistischen Regime mit all seinen Scheußlichkeiten.

Die Einsiedels haben von alldem nichts mitbekommen, jedenfalls nicht unmittelbar, denn selbst der Großvater trat den Polizeidienst erst in den frühen 60ern an, kurz vor seinem Schwiegersohn. Natürlich war er Soldat gewesen, so wie man eben Soldat ist als Musiker: weil man muss. 1947 stellte ihn die Deutsche Oper ein. Er blieb sechs Jahre, tingelte dann mit einem Orchester durchs Land und wurde schließlich Polizist. Wachpolizei, Schutzpolizei, dann Musikkorps. „Viel erzählt“, sagen die Einsiedels, „hat er nie.“

Dabei waren es dramatische Zeiten. „Baader-Meinhof-Zeiten“, sagt Jürgen Einsiedel. In der Erinnerung seiner Frau hat er damals ständig gearbeitet, kam nur heim, um mal die Kleidung zu wechseln.

Am 4. April 1970 wird Andreas Baader in Berlin verhaftet, rund vier Wochen später in Dahlem von Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und anderen spektakulär befreit.

Eine aufregende Zeit

„Eine aufregende Zeit“, sagt Einsiedel. Er war bei so vielen Demonstrationen im Einsatz, dass er sich an einzelne kaum mehr erinnert. Wohl aber an die Ausrüstung, die sie hatten. Bescheiden, im Gegensatz zu heute. „Wir waren so gut wie gar nicht geschützt“, sagt er. „Hatten nur diese eklig schweren, schwarzen Schilde, eineinhalb Meter hoch.“ Halt so ein Ding mal stundenlang! Andererseits, sagt er, seien früher auch nicht so viele Steine geflogen wie heute.

Die ganze Einsatztaktik bei Demonstrationen war eine andere, eher konfrontativ, eher offensiv im Vergleich zu heute, wo die Polizei sich im Hintergrund hält, halten sollte, und idealerweise deeskaliert. Überhaupt, damals, heute, was sich alles geändert hat. Computer. Facebook. Twitter. Kollegen, die wie Michael Einsiedel bestens Englisch sprechen. Weil Touristen selbstverständlich davon ausgehen, dass die Polizei auch fremdsprachlich hilft. Zu Jürgen Einsiedels frühen Zeiten passierte das nicht.

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