Molotow-Cocktails, Barrikaden und stürzende Mauern

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Berliner Familiengeschichten : Eins, zwei, Polizei

Wie bedeutend der Augenblick war, weltgeschichtlich, „das realisiert man erst im Nachhinein“, sagt Michael Einsiedel. Eineinhalb Wochen lang stand er damals fast ununterbrochen an der Grenze. Der Vater saß hingegen am 10. November früh in einer Personalratssitzung im Dienstgebäude am Tempelhofer Damm. Als er vor die Tür trat, rollten Trabis und Wartburgs über die Straße. „Geht raus, schaut euch das an“, sagte er zu den Kollegen drinnen. Und die: „In welcher Kneipe warst du denn?“

Ist das nie komisch gewesen, derselbe Beruf wie der Vater, der Sohn, in derselben Stadt, zur selben Zeit?

Da schütteln beide die Köpfe. Ab und an hat der Vater den Sohn sogar zur Hilfe angefordert. Familiäre Verbrechensbekämpfung. „Micha geh du ran, dein Vater ruft an“, sagten die Kollegen, die dessen Nummer längst kannten. Einmal hatten sie einen Klein-Lkw gefunden, in seiner Unauffälligkeit schon wieder auffällig. Als sie noch beobachten, was nun sein könnte mit dem Ding, öffnet sich wie von Geisterhand eine Tür und massenhaft Zigarettenschachteln fallen heraus. Weißtdunoch?

Wieder im November, 1990, steht der Sohn in der Mainzer Straße in Friedrichshain, steht sechs Stunden mit den Kollegen der Hundertschaft vor Barrikaden, es geht nicht voran und nicht zurück. Ein Dutzend besetzte Häuser sollen hier geräumt werden, so hat es die Politik beschlossen. Machen soll das die Polizei.

Deren Ausrüstung war nur unmerklich besser als die des Vaters Einsiedel in den 70ern. „Wir besorgten uns Mundschützer vom Eishockey und ich nähte mir Oberschenkelschützer vom American Football in die Uniform ein“, sagt Michael Einsiedel. Das Minimum an Schutz gegen Steine und Molotow-Cocktails.

Wasserwerfer, eingetretene Türen, fliegende Gehwegplatten

Es gibt Videos von der Straßenschlacht: Wasserwerfer, die versuchen Barrikaden platt zu walzen; Beamte, die Türen eintreten; Autonome, die sich neu bewaffnen. Von den Dächern flogen damals herausgerissene Gehwegplatten. Es war einer der größten Polizeieinsätze der Nachkriegsgeschichte und wenn jüngere Kollegen erfahren, dass Michael Einsiedel dabei war, dann sagen sie manchmal so was wie: „Wahnsinn!“ So ein Einsatz war das. Es war sein letzter in Uniform, danach ging er zur Kriminalpolizei.

Einsätze, Tatorte, ganz vergessen sind die alle nicht. Jürgen Einsiedels Horror, als er im September 1994 zum Dienst in Lichtenberg unterwegs war und plötzlich in einem Kriegsgebiet landete. Denn so sah sie aus, die Gegend um die Pettenkofer Straße, in der eine Fliegerbombe explodiert war. Bauarbeiter hatten einen Stahlträger durch die Erde und geradewegs auf den Blindgänger gerammt. Drei Männer starben.

Oder der Anruf: „Jürgen, komm raus, da will einer springen.“ – „Bei den Hochhäusern?“ – „Ja.“ Und dann kam er zu spät.

Tote widersprechen nicht. Manchen mag das gefallen. Den zwei Einsiedels sind die Lebenden immer lieber gewesen. Selbst die scheinbar hoffnungslosen Fälle. 13 Jahre lang arbeitete Michael Einsiedel im Bereich „Jugendgruppengewalt“, seine Schützlinge waren die Mitglieder der Gang „36 Boys“ in Kreuzberg. „Mit präventivem Ansatz war bei denen nichts mehr zu machen“, sagt Einsiedel. Das waren harte Jungs, Kriminelle.

Den Sternekoch Tim Raue kennt er noch von der Straße

Das erste Mal traf er sie im Jugendklub in der Naunynstraße. Wie man die anquatscht? Ganz plump, sagt er. „Hallo, ich bin Micha, ich arbeite für die Polizei.“ So einfach? So einfach. Nun, ein bisschen mitreden können müsse man schon. Weswegen Michael Einsiedel allerlei komische Hip-Hop-CDs zu Hause hat, mit Musik, die er heute im Leben nicht mehr hören wollen würde – und damals hören musste. Die meisten der Jungs haben nun längst die Kurve gekriegt, Ex-Gangmitglied Tim Raue ist nur ein Beispiel. Er wurde bekanntlich Sternekoch.

Früher habe er sich manchmal die Urteile besorgt, wenn den von ihm Festgenommenen der Prozess gemacht wurde. Er wollte sehen, was mit ihnen passiert. Mittlerweile macht er das seltener. „Es wird ein bisschen viel“, sagt er, bei insgesamt rund 3000 Festnahmen. „Wenn man das Opfer gesehen hat und es dann schafft, den Täter zu ermitteln, bringt einem das schon Genugtuung“, sagt Michael Einsiedel. Ist er deswegen gerne Polizist? Auch.

Sein Sohn, gerade 13 Jahre alt, hat momentan noch ganz eigene Pläne für seine Karriere. Falls das mit dem Profifußball allerdings nicht klappen sollte, dann wäre auch die Polizei eine Option.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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