Verbindet der Polizist Bürger und Staat - oder trennt er sie?

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Berliner Familiengeschichten : Eins, zwei, Polizei

Der Sohn, Michael Einsiedel, bekam einiges mit vom Beruf des Vaters. Der erklärte ihm, was er tagtäglich tat, zeigte seine Ausrüstung und auch seine Waffe. Ähnlich hält es der nun mit seinen Kindern. Schon als sie klein waren, wussten sie: Papa fängt die Bösen. Und dass Waffen dazu da sind, sie eben nicht zu gebrauchen. Vielleicht hatten sie deswegen nie Interesse an Spielzeugpistolen.

„Ich selber bin mit null Erwartungshaltung zur Polizei gegangen“, sagt Michael Einsiedel. „Das Einzige, was ich dachte, war: Etwas Ziviles wäre ganz nett.“ Ohne Uniform also. Da ist er nun angekommen, als Ermittler im Landeskriminalamt. Mehr darf er nicht sagen, nicht gegen wen er ermittelt oder gegen was. Aber auch das gehört wohl zur Polizeiarbeit: die Geheimniskrämerei.

Kriminalistik? Die Kunst der Menschenhandlung

„Die Kriminalistik ist zu einem großen Teil Kunst der Menschenbehandlung.“ Ernst Gennat soll das gesagt haben, Berlins berühmter Kommissar. Anfang des vergangenen Jahrhunderts revolutionierte er die Ermittlungsarbeit der „Criminalpolizei“. Die begann unter ihm, Fingerabdrücke der Verdächtigen zu sammeln. Und sie sorgte dafür, dass die Tatorte nicht mehr preußisch korrekt aufgeräumt wurden, bevor der Chefermittler erschien. Dieser Satz aber, die Menschenbehandlung, ist besonders einprägsam.

Denn ist nicht der Polizist das, was Staat und Bürger verbindet – oder trennt? Rührt nicht eines der ureigensten Missverständnisse in der langen Beziehung der Berliner und ihrer Polizisten darin, dass oft unklar ist, wer hier was vor wem schützt? Und wo der Mensch in alldem steckt?

Die Polizisten scheinen es häufig nicht mehr zu wissen. Als kürzlich am Rande eines Großeinsatzes um die von Flüchtlingen besetzte Schule in Kreuzberg ein Mann gewaltsam festgenommen wurde, sorgte ein von Zeugen ins Netz gestelltes Video tagelang für Diskussionen. Schon wieder. Immer dasselbe. Diese Bullen.

Die Bürger scheinen es auch häufig nicht mehr zu wissen. Bundesweit 59 044 Polizisten wurden im Jahre 2013 Opfer von Attacken, in Berlin waren es beinahe 2700. Die Gewerkschaft der Polizei, deren Mitglied auch Michael Einsiedel ist, fordert schon seit Jahren eine Gesetzesänderung, die besseren Schutz für die Beamten zur Folge haben soll.

Die Pöbelnden werden jünger. Der Respekt schwindet

Respektlosigkeit gegenüber Polizisten habe es schon immer gegeben, sagen die Einsiedels. Mit der Zeit verschob sich lediglich die Altersgrenze der Pöbelnden. Sie wurden jünger. Eine Erklärung? Nicht einfach. Vielleicht liegt sie verbuddelt in den Tiefen dieser modernen Gesellschaft, in der er auch sonst nur noch vereinzelt zu finden ist, der Respekt.

„Unsere Waffen sind Gehirn und Nerven.“ Auch das hat Ernst Gennat gesagt. Wer Polizist wird in Berlin, der weiß, dass mit Liebe vonseiten der Bürger nicht immer zu rechnen ist. „Das muss man abkönnen“, sagt Michael Einsiedel, der 1,93 Meter misst. Will heißen: den blöd anzumachen muss man sich auch erst einmal trauen. Der ist sogar groß, wenn er nur sitzt. Die Kunst der Menschenbehandlung Marke Einsiedel: Im Verhör am Gartentisch nicht aus den Augen lassen. Wie interviewt man einen Polizisten mit Schweigepflicht?

Herr Einsiedel, wo waren Sie am …

… Abend des 9. November 1989 stand Michael Einsiedel am Checkpoint Charlie. Das heißt, er eilte dort hin. Ein Anruf erreichte ihn und seine Kollegen: Fahrt raus und macht mal irgendwas! Ja was denn? Verkehrslenkende Maßnahmen. „Was ziehen wir an, haben wir uns gefragt. Einsatzkleidung oder grün-beige?“ Normale Uniform, alles klar. Dann war die grüne Mütze aus dem Spind verschwunden, er stellte sich auf einen Stuhl und suchte: nüscht. Weg. Die hatte sich ein anderer geborgt. Da nahm er seine weiße, gedacht nur für Verkehrskontrollen, wegen der besseren Erkennbarkeit im Dunkeln, und war damit der Einzige ohne grüne an der Grenze. Als die offen war, fielen ihm die Mädchen aus dem Osten reihenweise um den Hals. Lag an der weißen Mütze, logisch.

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