• Berliner Firma Plek: Warum Stones und Beatles auf Gitarrentechnik aus Kreuzberg setzen

Berliner Firma Plek : Warum Stones und Beatles auf Gitarrentechnik aus Kreuzberg setzen

Rockmusiklegenden aus aller Welt lassen ihre Instrumente mit Maschinen einer Firma aus Kreuzberg optimieren. Ein Werkstattbesuch

Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards (rechts) mit Charlie Watts (am Schlagzeug) und Sänger Mick Jagger im Berliner Olympiastadion am 22 Juni 2018.
Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards (rechts) mit Charlie Watts (am Schlagzeug) und Sänger Mick Jagger im Berliner...Foto: AFP/Tobias Schwarz

An der Wand hängt ein riesiges Poster, glückliche, strahlende, verzückte junge Männer und Frauen sind zu sehen, die Blicke sehnsüchtig nach vorne gerichtet. Vorne steht die Bühne von Woodstock, man sieht sie nicht auf dem Foto, aber auf dieser Bühne spielen Gitarren-Heroen wie Jimi Hendrix und Alvin Lee von Ten Years After. Man kann die Stimmung der Menge spüren, dieses Gefühl von Freiheit und Ungezwungenheit, diese wunderbare Welt von Woodstock, dem legendären Musikfestival 1969 in Bethel, Bundesstaat New York, USA. Gerd Anke hat dieses Poster zur Erinnerung aufgehängt, es ist seine Verbindung zur sentimentalen Vergangenheit. 1972 ist er sechs Monate durch die USA getrampt.

Damals wusste er nicht, dass er mal in einem Hinterhof in Kreuzberg, hart an der Grenze zu Neukölln, zusammen mit einem Geschäftspartner die Arbeit der berühmtesten Rockmusiker der Welt beeinflussen würde. Er wäre wahrscheinlich blass geworden, wenn er gewusst hätte, wer mal von seinen Ideen profitieren würde: Keith Richards von den Rolling Stones, die lebende Beatles-Legende Paul McCartney, David Gilmour von Pink Floyd, Eric Clapton, Bryan Adams, Johnny Cash, Gary Moore, Mike Oldfield, die Liste ist längst nicht vollständig, sie ist fast endlos.

Damals war Gerd Anke nur ein junger Mann, der auf der Gitarre klampfte. Heute besitzt er, mit seinem Partner Michael Dubach, die Firma Plek, die nicht bloß zwölf Mitarbeiter, sondern auch Kunden in aller Welt hat, Gitarren-Hersteller oder Gitarren-Werkstätten. (Lesen Sie hier ein Porträt der Firma aus dem Jahr 2009). Der größte Kunde ist ist der weltberühmte Gitarren-Bauer Gibson aus Nashville. 14 Plek-Maschinen stehen in den Räumen der Firma in den USA.

Fräsmaschine in einem Schaukasten

In einer Fabriketage in den Höfen am Südstern, zweiter Hinterhof, steht zwischen Dutzenden Gitarren eine weitere. Die Maschine ist ein mannshoher Schaukasten, ziemlich schmal, in den eine Fräsmaschine installiert und eine Gitarre fixiert ist. Die Fräsmaschine setzt sich langsam in Bewegung. Sie schleift über die dünnen Bünde des Gitarrenhalses. „Wir können hier auf den Hundertstelmillimeter genau arbeiten“, sagt Anke. Er steht neben der Maschine und beobachtet, wie sich die Fräsmaschine langsam von Bund zu Bund vorarbeitet. „Mit der Hand ist so eine Präzision fast nicht möglich“, sagt der Fachmann.

Gerd Anke und Michael Dubach Gründer, Geschäftsführer und Inhaber der Firma Plek Gitarrentechnologie GmbH aus Berlin Kreuzberg.
Gerd Anke und Michael Dubach Gründer, Geschäftsführer und Inhaber der Firma Plek Gitarrentechnologie GmbH aus Berlin Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

Er ist inzwischen 69 Jahre alt, von dem Tramper von früher sind nur noch die Wuschellocken geblieben, aber die sind mittlerweile ergraut. „Wenn jemand 100-mal ein Bündchen schleift, ist vielleicht ein Versuch davon optimal.“ Die Maschine fräst genau so, als wären die Saiten während der Bearbeitung am Gitarrenhals aufgezogen.

Das ist der entscheidende Punkt. „Ich kann das Instrument in dem Zustand vermessen, in dem es gespielt wird“, sagt Anke. Das ist das Geheimnis seines Geschäftsmodells. Der optimale Klang einer Gitarre ist ein Kunstwerk. Am Gitarrenhals sind 24 Bünde, über die die Saiten laufen. Der Abstand zwischen Saite und dem jeweiligen Bund spielt eine enorm wichtige Rolle: Die Saite muss zwar schwingen. Ist der Abstand aber zu gering, ertönt ein Schnarrton, wenn man zu hart anschlägt. Und jeder Bund hat seinen eigenen Abstand zur Saite, es muss ja verschiedene Töne geben.

Es geht um die optimalen Abstände zwischen Bund und Saite

Die handwerkliche Kunst eines Gitarrenbauers ist es, diesen individuellen, optimalen Abstand nicht bloß zu messen, sondern auch herzustellen. Wer das mit der Hand erledigt, muss dafür die Saiten abnehmen. Doch wenn diese Saiten wieder aufgezogen werden, verbiegt sich der Gitarrenhals, nahezu unmerklich zwar, aber es reicht, damit die optimalen Abstände zwischen Saiten und Bünden nicht mehr gegeben sind. So wird auch ein teures Instrument kaum noch bespielbar. Profis spüren das ganz genau. Zudem hat jeder Musiker seine eigene Art zu spielen. (Lesen Sie hier einen Beitrag über das Berliner Instrumentenmuseum). Der eine schlägt hart an, der andere eher weich. Bei Anke kann jetzt jeder sein eigenes Griffbrett bestellen, mit dem er das Klangbild bekommt, das ihm ganz persönlich am wichtigsten ist. Plek kann nicht bloß die gewünschten Abstände millimetergenau vermessen, die Firma kann die Bünde auch so schleifen, dass das optimale Klangbild erhalten bleibt. „Pleken“ ist ein gängiger Begriff in der Szene.

Computerarbeit: Blick in die Werkstatt bei der Plek Gitarrentechnologie GmbH am Südstern in Kreuzberg.
Computerarbeit: Blick in die Werkstatt bei der Plek Gitarrentechnologie GmbH am Südstern in Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

Das Ganze ist natürlich hochkomplex, eine Software sorgt für die Feinheiten, deshalb sind unter den Angestellten von Plek nicht bloß Gitarrenexperten, sondern auch Elektroniker, Computerexperten und Mechatroniker. In diesem Kreuzberger Hinterhof werden die Maschinen gebaut und in die ganze Welt exportiert.

Anke steht jetzt vor einem Computer, einen halben Meter vom Woodstock-Plakat entfernt, und starrt auf ein riesiges Display. Unten rechts zeigt ein Signal, dass sich ein Kunde in Japan eingeloggt hat und mit der Software arbeitet. Hier, neben den glänzenden Augen der Festivalfans, ist die Schaltzentrale von Plek. Hier können sich die Plek-Experten in die Maschinen, die überall auf der Welt stehen, einloggen, hier reden sie über Telefon mit den Kunden. Wenn die ein Problem haben, wird es in Berlin behoben. „90 Prozent der Probleme lösen wir hier am Schirm“, erklärt Anke. Alle vier Jahre wird eine Maschine vor Ort gewartet. Und wenn ein mechanisches Teil kaputtgeht, wird es in Berlin eingepackt und geliefert.

Einmal "pleken" kostet 200 bis 225 Euro

Im Prinzip kann jeder Gitarrist auf dem Hof an der Hasenheide vorbeikommen und sein Instrument „pleken“ lassen. Er muss dazu nur durch die Tür neben der Plek-Firma eintreten. Im zweiten Hinterhof ist auch der Laden des Gitarrenbaumeisters Jörg Kuhlo, der in seinem „PlekHaus Berlin“ diesen Service anbietet. Das „Pleken“ kostet zwischen 200 und 225 Euro und wird innerhalb von drei bis fünf Tagen erledigt.

Starmusiker kommen natürlich nicht immer persönlich zu den Werkstätten, in denen Plek-Maschinen stehen. Dafür haben sie ihre Leute, aber wenn Eric Clapton auf der Bühne steht, ist die Gitarre, die an seinen Körper hängt, mit einiger Wahrscheinlichkeit durch eine Plek-Maschine optimal eingestellt worden.

Und das alles nur, weil Gerd Anke mal sauer war! Seine Gitarre klang nicht so, wie er sich das wünschte, also beschloss der Werkzeugmacher 1989, das Problem selber zu lösen. Die Bedeutung des Abstands von Bund und Saite kannte er, jetzt musste er nur noch eine Methode erfinden, diesen optimalen Abstand maschinell zu produzieren. Vier Jahre lang werkelte er in seiner Wohnung; ein Waschmaschinenmotor, ein Schleifstein und eine Seilwinde spielten dabei eine große Rolle, dann stand sein erstes Modell.

Zuvor hatte Anke den Musiker Michael Dubach angesprochen, weil er die Firma nicht allein aufziehen wollte. Dubach schlug ein, übernahm die Geschäftsführung. Heute gehört Anke und Dubach jeweils die Hälfte des Unternehmens.

Die patentierte Plak-Maschine. Die Gitarre wird eingespannt, die Bünde gefräst.
Die patentierte Plak-Maschine. Die Gitarre wird eingespannt, die Bünde gefräst.Foto: Mike Wolff

Anke war der Techniker, Dubach kümmerte sich vor allem ums Kaufmännische, testete aber auch Gitarren und fertigte Zeichnungen an. 1998 meldeten Anke und Dubach das Patent an („Messen und Bearbeiten von Gitarrenhälsen unter Saitenspannung“), 1999 lieferten sie ihre erste Maschine in einen Musikladen. Ein Testmodell, Anke und Dubach wollten langsam in den Markt vorstoßen. Zehn Stück des ersten Modells wurden gebaut, jedes 64.000 Euro teuer. Nachdem sie eine Messe in Nashville besucht hatten, verkauften sie vor Ort eine Maschine an die renommierte Gitarren-Reparaturwerkstatt von Joe Glaser in Nashville. Eine andere Maschine brachten sie in einer Gitarren-Werkstatt in London unter. Dort testete David Gilmore von Pink Floyd die Optimierung seines Klangbildes.

Die Kunden sitzen in Japan, Australien - und in Nashville, Texas

Gilmore war natürlich ein starker Name, aber er verhinderte nicht die erste Bauchlandung von Anke und Dubach: Ihre GmbH ging pleite, der Businessplan funktionierte nicht. Also gründeten sie bald darauf ihre nächste Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die heutige Firma A+D Gitarrentechnologie GmbH (plek Berlin), so der juristisch korrekte Name.

Anke entwickelte ein neues Modell, ausgefeilter als Version eins, und produzierte davon rund 100 Stück. Nun kam das Geschäft in Fahrt, langsam, aber zuverlässig. Plek saß damals noch in der Reichenberger Straße in Kreuzberg, seit 2006 aber ist der Firmensitz Hinterhof zwei, Höfe am Südstern.

Das Modell wird kontinuierlich weiterentwickelt. Kopf dieser technischen Innovation ist Anke, er hat die Ideen, er entwirft die Skizzen. Ein Zeichner sorgt dann für die Feinarbeit. „Aber bei uns ist alles Teamarbeit“, sagt Anke. Softwareentwicklung ist ja eine eigene Wissenschaft.

Die Kunden sitzen in Japan, Australien oder in Nashville, aber auch in China und Europa. „China ist ein wichtiger Markt“, sagt Dubach. Rund 70 bis 80 Prozent der Maschinen gehen ins Ausland, in Deutschland verkauft Plek nur fünf Prozent. Bekannte Firmen wie Düsenberg oder Thomann besitzen Plek-Maschinen. Zwölf Exemplare verkauft das Unternehmen jährlich, jede zwischen 70.000 und 130.000 Euro teuer. Lieferzeit zwischen drei und sechs Monaten.

Regelmäßig prüft der 69-Jährige selber, wie gut seine Maschinen arbeiten. Ein Gebäude weiter in seinem Hinterhof stand er vor Kurzem auf der Bühne und bearbeitete feinfühlig seine Gitarre, „plek-mäßig“ ganz auf ihn eingestellt. Es klang wunderbar, aber er hatte ja auch ein wohlwollendes Publikum: Seine Freunde. Anke feierte Geburtstag.

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