Berliner Jusos zur Groko : Der kleine Anfang der großen Kevin-Kühnert-Tour

Erst Tempelhof-Schöneberg, dann ganz Deutschland: In seinem eigenen Kreisverband Tempelhof-Schönberg startet der Juso-Chef seine Werbetour gegen die Groko.

Markus Lücker
Der Juso Bundes-Vorsitzende Kevin Kühnert neben der Kreisrätin Victoria Hiepe
Der Juso Bundes-Vorsitzende Kevin Kühnert neben der Kreisrätin Victoria HiepeFoto: Markus Lücker

Die Kreissprecherin der Jusos Tempelhof-Schöneberg Victoria Hiepe sorgt gerade noch für die sozialdemokratische Gemütlichkeit. Das hässliche Flipchart mit aufgezeichneten Sitzplänen verhängt sie mit einem großen toten Banner. Aufschrift: "Der Geist ist schärfer als die Klinge." Es ist die Jahresversammlung des Kreisverbandes, 30 bis 40 SPD-Jungmitglieder werden an diesem Donnerstagabend in dem kleinen Versammlungsraum erwartet. Manche sind gerade erst beigetreten. Unter dem Aufwind der Koalitionsverhandlungen hat der Verband die Marke von 600 Neu-Mitgliedern geknackt.

Und Kevin Kühnert soll kommen, der Juso-Bundesvorsitzende und Star der Anti-GroKo-Bewegung. Es ist sein Verband. Er ist SPD-Bezirksverordneter in Tempelhof-Schönberg, und als er schließlich mit 15 Minuten Verspätung eintrifft, bleibt jegliche Aufregung im mittlerweile gefüllten Raum aus. Kein demütiges Händeschütteln, keine Selfies, nicht mal ein paar Schnappschüsse aus der Ferne.

Erst die Wahl der neuen Kreissprecherinnen

Fast geht Kühnert in dem kleinen Büro unter, reiht sich im schwarzen Kapuzenpulli ein neben Politik- und Jurastudenten. Eigentlich sollen an diesem Abend neue Kreissprecherinnen gewählt werden. Eine junge Frau aus dem Plenum flüstert Kühnert von der Seite an: "Warst du eigentlich schon mal Kreissprecher?" – "Nein niemals, das mach ich dann am Schluss."

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Nur manchmal kriegt er den Kopf vom Smartphonebildschirm hoch, lacht, wenn der Raum lacht. Gedanklich ist der Kühnert bereits sichtbar bei den nächsten paar Wochen. Die Jahresversammlung der Jusos Tempelhof-Schöneberg ist für ihn auch der inoffizielle Start seiner Werbetour gegen die große Koalition. Am Tag danach soll es zunächst ins sächsische Pirna gehen, dann nach Leipzig und anschließenden noch in andere Städte.

Zehn Minuten will er über den Koalitionsvertrag an diesem Abend sprechen. Doch auch ein Kevin Kühnert steht nicht über der Juso-Tagesordnung. Da ist er als angekündigter Überraschungsgast bislang nicht vermerkt, weshalb auch er erstmal durch das offizielle Prozedere muss.

Die Tagesordnung muss geändert werden

Ein Antrag auf Änderung der Tagesordnung für ein Grußwort vom Bundesvorsitzenden soll gestellt werden. Jemand aus dem Publikum spottet "muuuuss das sein?" und meint damit nicht das Abstimmungsprozedere, sondern den Redebeitrag von Kühnert. Also: Abstimmung mit Händeheben, keine Gegenstimmen, keine Enthaltung. Kühnert darf loslegen.

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"Ist es okay, wenn ich sitzen bleibe? Wenn ich stehe, wird auch nicht viel mehr daraus", beginnt er seine Rede. Eigentlich genieße er es ja, auch mal wieder zu Hause Politik machen zu dürfen, "aber das sind nicht ganz übliche politische Zeiten in denen wir hier zusammenkommen". Deshalb kommt er auch schnell zu seiner NoGroKo-Tour.

Ab nach Sachsen

"Pirna ist natürlich nicht der erste Ort, der einem für eine Großveranstaltung einfällt,“ erläutert Kühnert. Doch die AfD sei hier stärkste Partei geworden, und die SPD hat es auf knapp neun Prozent gebracht. "Es geht ja nicht einfach ums Wohlfühlen und wie es der SPD besser gehen kann."

Die eigentliche Frage sei, warum sich die Leute "auf die Suche nach einer vermeintlichen Alternative machen und nicht mehr in uns die Alternative zu einer Kanzlerin sehen, die keine Antworten auf die Fragen der Zukunft hat". Zum Abschluss bekommt so viel Applaus, wie man von einer Gruppe aus knapp 40 Menschen bekommen kann. Dann verschwindet er wieder in der Menge. Nur ein Juso unter anderen Jusos. Weiter mit der Tagesordnung.

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