Berliner Nahverkehr : Die U1 soll weiter schrumpfen

Die durch ein Musical weltberühmt gewordene U 1 wird seltener fahren. Dafür soll die U 3 bis Warschauer Straße verlängert werden.

Als das Musical "Linie 1" entstand, stand noch die Mauer. Die Oberbaumbrücke lag im Grenzgebiet; die U-Bahn kann erst seit 1995 wieder fahren.
Als das Musical "Linie 1" entstand, stand noch die Mauer. Die Oberbaumbrücke lag im Grenzgebiet; die U-Bahn kann erst seit 1995...Foto: Paul Zinken/dpa

Das Grips-Theater hat das Stück von Volker Ludwig in aller Welt bekannt gemacht. Jetzt will die BVG der „Linie 1“ erneut an den Kragen. Um die Züge der U 3 aus Krumme Lanke, die bisher im Bahnhof Nollendorfplatz enden, bis zur Warschauer Straße fahren lassen zu können, soll es auf der U 1 zur Uhlandstraße weniger Fahrten geben.

Bereits 1993 hatte die BVG die Linienführung verändert. Seither kann das Mädchen vom Land nicht mehr wie im Theaterstück am Bahnhof Zoo in den Zug der Linie 1 einsteigen; hier fährt seither die U 2.

U 1 fuhr einst von Ruhleben bis Schlesisches Tor

Als Ludwig sein 1986 uraufgeführtes Stück von dem Mädchen, das in der U-Bahn seinen Schwarm sucht, schrieb, verkehrte die Linie 1 noch zwischen Ruhleben und Schlesisches Tor. 1993, nachdem die durch den Mauerbau entstandene Lücke im Netz zwischen den Bahnhöfen Gleisdreieck und Potsdamer Platz wieder geschlossen war, hatte die BVG schon einmal die „Linie 1“ geschrumpft.

Mit dem Lückenschluss war die Verbindung von Pankow nach Ruhleben mit den wichtigen Zwischenstationen Alexanderplatz und Zoologischer Garten zwar die bedeutendste im Netz, sie wurde aber doch nur zur U 2. Die „Linie 1“ sollte zumindest auf ihrem Hauptabschnitt weiter durch Kreuzberg fahren – wie im Musical. So verbunden war die BVG immerhin mit Volker Ludwigs Werk. Im Westen allerdings mutierte die Strecke zur Krummen Lanke dafür von der U 2 zur U 1. So konnten immerhin die „Wilmersdorfer Witwen“ umsteigefrei mit der „Linie 1“ nach Kreuzberg fahren und das ihren Märchenprinzen suchende Mädchen erschrecken. Zumindest theoretisch.

30 Jahre "Linie 1" - Bilder eines Welterfolgs
Innenansicht. Seit 30 Jahren spiegelt "Linie 1" unverändert aktuell das Berlin-Gefühl wider. Zehn Schauspieler schlüpfen in der Revue in 90 Rollen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: David Baltzer/bildbuehne.de
30.04.2016 13:36Innenansicht. Seit 30 Jahren spiegelt "Linie 1" unverändert aktuell das Berlin-Gefühl wider. Zehn Schauspieler schlüpfen in der...

Praktisch war damit 2004 wieder Schluss. Seither fahren die Züge der U 1 von der Warschauer Straße zur Uhlandstraße. Die Züge von der Krummen Lanke müssen ihre Fahrt bereits am Nollendorfplatz beenden – als U 3. Die Planer der BVG wollten damals sparen; der dichte Takt auf der Strecke in Kreuzberg mit den Zügen der U 1 und der damaligen U 15, die von der Warschauer Straße zur Uhlandstraße fuhr, war für sie unwirtschaftlich.

Inzwischen sind die Züge aber viel voller geworden. Die BVG fährt bei den Fahrgastzahlen von Rekord zu Rekord. Nach dem Knacken der Milliardengrenze im Jahr 2016, als sie 1,045 Milliarden Fahrten zählte, waren es im vergangenen Jahr nach ersten Prognosen rund 1,06 Milliarden Fahrten.

U 3 bleibt U 3

Und so kamen die Planer jetzt auf die Idee, wieder mehr Züge auf die Hochbahn durch Kreuzberg zu schicken: In den Hauptverkehrszeiten sollen die Bahnen der U 3 alle fünf Minuten von der Krummen Lanke bis zur Warschauer Straße fahren. Dafür soll auf der U 1 zwischen Uhlandstraße und Warschauer Straße nur noch alle zehn Minuten ein Zug kommen. Auf dem nachfragestärksten Abschnitt zwischen Wittenbergplatz und Warschauer Straße, der von beiden Linien befahren wird, gibt es dadurch aber einen Drei- bis Vier-Minuten-Takt.

Weiterer Vorteil: Studenten an der Freien Universität, die in Kreuzberg oder Friedrichshain wohnen, erhalten mit der verlängerten U 3 wieder eine umsteigefreie Verbindung. Die U 3 soll nach den bisherigen Überlegungen nicht erneut umbenannt werden, auch wenn die U 1 nur noch alle zehn Minuten fährt – und damit so selten wie die Züge auf den nachfragearmen Linien U 4 (Nollendorfplatz–Innsbrucker Platz) oder U 55 (Brandenburger Tor–Hauptbahnhof).

Pläne könnten Anfang Mai umgesetzt werden

Sollte der Senat den Plänen zustimmen, könnten sie Anfang Mai umgesetzt werden, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Gegenargumente gibt es kaum, denn die Rechnung mit dem Verkürzen der Fahrten zum Nollendorfplatz ist nicht wie erwartet aufgegangen. Weil die Züge dort rangieren müssen, befinden sich meist zwei Einheiten gleichzeitig in der Kehranlage – und fallen für den Fahrgastbetrieb aus.

Fahren sie weiter bis zur Warschauer Straße, wären sie effizienter unterwegs, auch wenn sie mehr Kilometer absolvieren. Und die Irrungen und Wirrungen im Bahnhof Nollendorfplatz hätten auch ein Ende. Ortsunkundige Fahrgäste wissen oft nicht, wie sie ihre Fahrt fortsetzen können, wenn sie den Zug aus Krumme Lanke verlassen müssen, weil dieser seine Fahrt mitten im Netz beendet.

Dass der nächste Zug der U 1 wenige Minuten später auf dem gleichen Gleis ankommt, teilt die BVG nur ganz klein geschrieben auf der elektronischen Anzeigetafel mit. Dass dann auch eine U 3 durch Kreuzberg rollt, werden die Fans der „Linie 1“ wohl verschmerzen. Und das Erfolgsstück muss nicht umgeschrieben werden. Wie oft die Züge auf der „1“ fahren, hat auch Volker Ludwig nicht gezählt.

Lesen Sie hier ein Interview mit Grips-Chef Volker Ludwig anlässlich seines 80. Geburtstages.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

30 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben