Berliner SPD : Heinz Buschkowsky und der Stammtisch

Neuköllns Ex-Bürgermeister kritisiert seine Partei, vergreift sich aber im Kampf um Aufmerksamkeit mächtig im Ton. Ein Kommentar.

Um direkte Worte nie verlegen: der Ex-Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD).
Um direkte Worte nie verlegen: der Ex-Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD).Foto: Matthias Balk/dpa

Trotz der markigen Sprüche, die Heinz Buschkowsky selbst im Ruhestand am Fließband produziert, hat es der frühere Neuköllner Bezirksbürgermeister bisher immer noch geschafft, im Rahmen des breit gefächerten sozialdemokratischen Kanons zu bleiben. Jetzt aber sagen nicht nur linke Genossen, dass er in einem Interview zur schlimmen Lage der eigenen Partei eine rote Linie überschritten habe.

In der Berliner SPD, sagte Buschkowsky im rüden Stammtischjargon, seien „viele Kranke unterwegs“. Und er wettert 29 Jahre nach dem Mauerfall, dass die Sozialdemokraten „den SED-Fritzen“ die Stadt auf dem silbernen Tablett servierten. Gemeint sind die Linken, die längst auch von konservativen Christdemokraten als demokratisch verfasste und gewählte Partei akzeptiert werden.

Auch für einen Buschkowsky, der noch nie unter Sprachhemmungen litt, scheint es schwieriger geworden zu sein, in Zeiten des Verfalls von Sprache und politischem Anstand in der Öffentlichkeit durchzudringen. Also muss er immer noch eins draufsetzen, koste es, was es wolle. Seit Kurzem spielt der Sozialdemokrat als Experte in einer RTL-Show mit, in der sich die Zuschauer daran ergötzen dürfen, wie Hartz-IV-Empfänger auch dann noch am Leben zerbrechen, wenn sie einen Koffer voll Geld geschenkt bekommen.

Buschkowsky denkt, er sei des Volkes wichtigste Stimme

Das passt: Ein „Wir schaffen das“ war von Buschkowsky nie zu hören. Während seiner langen Kiez-Karriere stand er stets für griffige und realitätsnahe Beschreibungen des Scheiterns, des sozialen Elends und der angeblich wachsenden Bedrohung durch fremde Kulturen. Mit der populären (oder populistischen?) Einschätzung, dass „Multikulti gescheitert ist“, eroberte der – bis dahin wenig bekannte – Bezirksbürgermeister 2004 die deutschen Talkshows.

Auch der Verkaufserfolg seines Buches „Neukölln ist überall“ bestätigte Buschkowsky offenbar in der Einschätzung, dass er des Volkes wichtigste Stimme ist. Dass die langjährige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) den Bestseller des SPD-Manns als „Groschenroman mit fatalen Wirkungen“ einschätzte, war ihm egal.

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Eines hat Mr. Neukölln mit der jüngsten Tirade bewirkt: die SPD in der Überzeugung zu einen, dass sie alle Kräfte braucht, um sich aus dem Elend zu befreien – mit Ausnahme von Buschkowsky. Was bleibt ihm? Man kann den Ex-Bürgermeister im Schloss Britz als Trauredner buchen. Preis auf Anfrage.

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