• Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli: "Der Nahostkonflikt ist Teil meiner Identität"

Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli : "Der Nahostkonflikt ist Teil meiner Identität"

Sie ist Muslimin und Staatssekretärin für Internationales: Sawsan Chebli über Antisemitismus und Trumps Jerusalem-Entscheidung. Ein Gastbeitrag.

Sawsan Chebli
Sawsan Chebli, Berliner Staatssekretärin für Internationales
Sawsan Chebli, Berliner Staatssekretärin für InternationalesFoto: Tsp/Thilo Rückeis

Ich habe mich sehr deutlich zu den durch nichts zu rechtfertigenden Hassparolen und dem Antisemitismus auf unseren Straßen geäußert. Für mich ist klar: Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch der Kampf der Muslime sein. Ebenso wie Muslime wollen, dass die Gesellschaft ihre Stimme hebt, wenn sie als Minderheit angefeindet und diskriminiert werden, so ist es ihre Pflicht, sich für Juden einzusetzen und gegen Antisemitismus zu kämpfen.

Deutsche Muslime sind zudem Teil der deutschen Gesellschaft, die noch lange nicht damit fertig ist, die Verbrechen der NS-Zeit aufzuarbeiten. Und als Deutsche haben Muslime eine Verantwortung, gegen das Vergessen und gegen diejenigen einzustehen, die einen Schlussstrich ziehen wollen. Für diese Forderungen gab es auch aus der muslimischen Community Zuspruch. Ich bin mir sicher, dass wir die meisten der jungen Muslime, die antisemitische Parolen skandiert haben, erreichen können.

Weil ich in den letzten Tagen aber immer wieder gefragt wurde, wie ich zu der Entscheidung von Trump zu Jerusalem und zum Nahostkonflikt stehe, hier eine sehr persönliche Antwort.

Der Traum von der Zweistaatenlösung

Ich habe Politik studiert, weil ich als Kind palästinensischer Flüchtlinge erlebt habe, wie viel Einfluss politische Entscheidungen auf das Leben meiner Eltern und damit auch auf meines haben. Ich dachte und denke immer noch, der beste Weg, etwas zum Besseren zu verändern, ist, sich politisch zu engagieren.

Im Mittelpunkt stand für mich damals vor allem die traurige Lage der Palästinenser. Mein Traum war es, in einem unabhängigen Staat Palästina, ausverhandelt im Rahmen einer Zweistaatenlösung, mit den Vereinten Nationen Aufbauhilfe zu leisten. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht als Frieden zwischen Israelis und Palästinensern.

Im Laufe der Zeit habe ich realisiert, wie mein Traum in immer weitere Ferne rückt. Ich sah kaum einen Weg, dass er so bald in Erfüllung geht, als dass ich mein Leben danach ausrichte. Ich begann mich stattdessen auf die Arbeit in und für Deutschland zu konzentrieren, unter anderem auf den Austausch und die Begegnung zwischen Juden und Muslimen hierzulande. Ich wollte nicht, dass der Konflikt dort ihr Leben hier bestimmt.

Gänsehaut beim Anblick des Felsendoms

Als Trump die Entscheidung getroffen hat, hatte ich meine Mutter am Telefon. Sie weinte. Es kam vieles hoch. Für sie und für mich. Unser Leben in Unsicherheit und Armut, meine Diskussionen mit Lehrern, die nichts mit meinem Status als Staatenlose anfangen konnten, das Reiseverbot wegen dieses Status, meine erste Reise als dann Eingebürgerte ins libanesische Lager, in dem meine Eltern zwei Jahrzehnte gelebt haben, der Besuch Haifas und das Gefühl, an dem Ort zu sein, an dem meine Mutter geboren wurde.

Ja, und ich musste auch an meine erste Reise nach Jerusalem denken, das unendliche Glücksgefühl, die Faszination für den Ort, an dem so viele Religionen so dicht beieinander leben und an die Gänsehaut beim Anblick des Felsendoms.

All das war plötzlich so präsent. Ich bin nicht sicher, ob es in Nahost jemals eine Zweitstaatenlösung mit Jerusalem als Hauptstadt zweier Staaten geben wird. Ich fürchte aber, ebenso wie die Bundesregierung, die EU und die Mehrheit der Mitglieder des UN-Sicherheitsrates, dass die Entscheidung Trumps den Weg zum Frieden noch viel schwerer macht. Umso mehr bewundere ich die Menschen in Israel und in Palästina, die nicht aufgeben und vor Ort weiter für Frieden und Versöhnung kämpfen.

Wenn es den Machtinteressen dient

Sie leisten Großes, während andere, externe Akteure sich vor allem dann für Jerusalem interessieren, wenn es ihren Machtinteressen dient: Um Wählerstimmen zu gewinnen oder von eigenen Problemen abzulenken. Das hilft weder Israelis noch Palästinensern, aber es schränkt den Bewegungsspielraum derer immer weiter ein, die für ein friedliches, respektvolles Zusammenleben zwischen zwei Völkern arbeiten. Deren Stimmen sind es aber, die wir brauchen.

Die Geschichte des Nahostkonflikts ist Teil meines Lebens, Teil meiner Identität. Wer ich bin und wofür ich stehe, hat mit dem Schicksal meiner Eltern zu tun und mit meinen palästinensischen Wurzeln. Und es hat auch etwas mit meinem Vater zu tun, der Zeit seines Lebens für Gerechtigkeit kämpfte, zu hassen nicht in der Lage war, stattdessen immer mit offenem Herzen durchs Leben zog.

Das hat mich geprägt. Mein tiefer Wunsch nach Versöhnung, der ständige Versuch, Brücken zwischen Menschen zu schlagen, Vorurteile abzubauen, Hass zu überwinden, dafür stand mein Vater. Dafür stehe ich.

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