In den Büchern verpönt

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Berliner Unternehmergeist : Mehr Querdenker braucht die Stadt!
Magdalena Thiele
Im bundesweiten Vergleich schwächelt Berlin bei der Vermittlung ökonomischer Kenntnisse in den Schulen.
Im bundesweiten Vergleich schwächelt Berlin bei der Vermittlung ökonomischer Kenntnisse in den Schulen.Foto: Getty Images/iStockphoto

Ob Wirtschaft wirklich zum Thema gemacht wird, hängt in der Praxis also vom Profil der Schule, der Ausbildung und dem individuellen Engagement der Lehrer und nicht zuletzt vom Interesse der Schüler ab, erklärt der Vorsitzende des Geschichtslehrerverbands in Berlin, Peter Stolz. Er hält es für wünschenswert, wirtschaftliche Aspekte stärker in den Schulalltag zu integrieren. Das Bewusstsein dafür, dass ökonomische Überlegungen alle gesellschaftswissenschaftlichen Fächer prägen, müsse schon in der Lehrerausbildung stärker vermittelt werden, so stolz. Die Wirtschaft werde hier bisher nur stiefmütterlich behandelt.

Doch auch die Lehrmaterialien sind wenig hilfreich, wenn es darum geht, Berliner Schüler neugierig auf das Unternehmertum zu machen. Das liege wohl auch am schlechten Image, das der Marktwirtschaft in der Lehre immer noch anhaftet, glaubt Stolz. „Die Lehrbücher stellen Marktwirtschaft und Kapitalismus immer noch mehrheitlich als etwas Negatives dar“.

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine 2010 vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut durchgeführte und von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Auftrag gegebene Studie zur Darstellung von Marktwirtschaft und Unternehmertum in Schulbüchern in Deutschland und in der deutschsprachigen Schweiz. „Während Wirtschaftskundebücher oft sehr sachlich und ausgewogen sind, gilt dies insbesondere für Erdkunde- und Geographiebücher nicht. Hier zeigt sich deutlich eine marktkritische beziehungsweise marktfeindliche Grundhaltung, sowie eine tendenziöse und teilweise sachlich falsche Darstellung wirtschaftlicher Zusammenhänge. Die Geschichts-, Politik- und Gesellschaftskundebücher schwanken zwischen diesen beiden Polen“, heißt es in dem Papier.

Unternehmer oder Ausbeuter?

„Wenn man so destruktiv an die Materie herangeht, blocken viele Schüler natürlich ab", sagt Pädagoge Peter Stolz. Viel sinnvoller wäre es, Wirtschaftsthemen nicht ständig zu politisieren, sondern stattdessen mit den Schülern die Chancen und Möglichkeiten einer Marktwirtschaft sachlich zu diskutieren. Die Schüler hätten schließlich mehr davon, wenn sie anstatt seitenlangen Erörterungen über Karl Marx, Debatten über einen zeitgemäßen bewussten und kreativen Umgang mit dem Markt lesen könnten.

Ganz ähnlich sieht es auch HWR-Professor Sven Ripsas. „Berlin braucht ein positives Wirtschaftsbild im Unterricht. Die Schüler sollten lernen, dass selbstständige Personen – der türkische Schneider und die deutsche Bäckerin – keine kapitalistischen Ausbeutermonster sind, sondern Leute, die ihre Familien ernähren und diese Gesellschaft voranbringen.“

Unternehmer und Kapitalisten seien eben nicht das Gleiche, das war in der Historie eigentlich immer strikt getrennt. „Es gibt einen Markt für Kapital und einen für Ideen – da sind die Entrepreneure. Diese moderne ökonomische Theorie ist in den Schulen leider noch nicht angekommen“, bemängelt Ripsas.

Es geht ums Mutmachen

Wichtig sind letztlich aber vor allem persönliche Vorbilder - und denen begegnen Schüler nur in Projekten wie der IHK-Initiative „Ich mach mich selbstständig“. Mehr als 50 Berliner Unternehmer haben sich bereits den Fragen der Schüler gestellt, einer von ihnen ist Fabian Görres. „Natürlich wirken Begriffe wie Gewerbeanmeldung, Steuererklärung und Finanzamt auf junge Leute erst mal bedrohlich“, erzählt Fabian Görres. „Deswegen ist es so wichtig, dass man einen Ansprechpartner hat, der einen dabei an die Hand nimmt“.

Angefangen hat Görres als selbstständiger Fotograf. Heute leitet er die Veranstaltungsagentur Breakout Moments. Auch sein Start in die Selbstständigkeit war ein hartes Stück Arbeit: Am meisten habe er dabei aus den Fehlern gelernt, sagt Görres. Um anderen jungen Leuten die Angst vorm Fehlermachen zu nehmen und sie zu motivieren, eigene Pläne zu verfolgen, gehen er und Daniel Girl für IMMS in die Klassenzimmer und erzählen von sich. Das positive Feedback der Schüler bestätigt sie.

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