Berliner Verkehrsbetriebe : Keine Namen für Straßenbahnen

In Ulm fahren Straßenbahnen mit Namen von Prominenten wie der Knef. In Berlin gibt es das nicht – aber warum eigentlich?

Künftig heißt du Erkner. Peter Buchner (links), Geschäftsführer der S-Bahn Berlin, taufte 2014 einen Zug auf den Namen der Stadt.
Künftig heißt du Erkner. Peter Buchner (links), Geschäftsführer der S-Bahn Berlin, taufte 2014 einen Zug auf den Namen der Stadt.Foto: dpa

Mit Hildegard Knef in der Straßenbahn nach Hause fahren – in Ulm ist das möglich. Auf eine Fahrt mit Marlene Dietrich oder Harald Juhnke müssen Fahrgäste in Berlin dagegen weiter verzichten. Während die Ulmer – wie auch andere Verkehrsbetriebe – ihren Straßenbahnen Namen verpassen, verzichtet die BVG auf dieses Schmankerl. Der Hauptgrund: Die BVG habe so viele Fahrzeuge, dass es schwierig wäre, alle nach einem einheitlichen System zu benennen, sagt Sprecherin Petra Reetz.

In Ulm dagegen ist das Netz überschaubar und die Zahl der Fahrzeuge klein. Das „Netz“ besteht derzeit aus einer Linie, eine zweite soll noch in diesem Jahr eröffnet werden. Dafür reichen 14 Fahrzeuge, acht weitere sind bestellt. Eine Bahn wurde vor wenigen Wochen auf der Innotrans in Berlin ausgestellt – mit dem klangvollen Namen Hildegard Knef versehen.

Die Ulmer haben sich entschieden, ihre Bahnen nach Persönlichkeiten zu benennen, die irgendwie mit der Stadt an der Donau verbunden waren. Und Hildegard Knef ist schließlich dort geboren. Auch bei Albert Einstein oder Sophie und Hans Scholz ließ sich ein Bezug zu Ulm finden.

Bezirksnamen für Berliner Bahnen

Aber auch in Berlin und Brandenburg fahren nicht alle Bahnen namenlos. Die S-Bahn tauft seit 2014 einen Teil ihrer Züge. 18 Doppelwagen, Viertelzug genannt, haben nach Angaben von Sprecherin Sandra Spieker inzwischen einen Namen erhalten. So fahren seither Berliner Bezirke und Gemeinden aus dem Umland über die Gleise. Fast alle sind direkt ans Netz der S-Bahn angeschlossen – von Ahrensfelde bis Teltow. Eine Ausnahme macht Velten, das bis 1983 S-Bahn-Anschluss hatte und jetzt den Wunsch nach einer Rückkehr der S-Bahn wenigstens optisch auf einem Viertelzug untermauert. Zahlen müssen die Namensgeber nach Spiekers Angaben dafür nichts.

Nach verschiedenen Kriterien erhalten seit 1998 neue Straßenbahnen in Potsdam einen Namen. Erst waren jene Städte an der Reihe, die wie der Verkehrsbetrieb in Potsdam (ViP) Combino-Bahnen des Herstellers Siemens beschafft hatten. Später kamen Städte hinzu, die die Entwicklung der Straßenbahn vorangetrieben hatten. Auch „Ulm“ fährt seit diesem Jahr durch die Stadt. Und schließlich wurden die Namen von Partnerstädten auf den Bahnen angebracht. Inzwischen tragen auch einige alte Fahrzeuge einen Namen; benannt nach Städten, die von Potsdam gebrauchte Tatra-Fahrzeuge gekauft haben oder wo die alten Typen zuletzt modernisiert worden sind, nämlich in Prag.

Der Martin-Luther-ICE

Städtenamen erhalten seit 2002 auch die ICE-Züge der Deutschen Bahn. Dabei sollen die Verbundenheit zur Bahn, die Einwohnerzahl und eine regionale Ausgewogenheit berücksichtigt werden. Den Anfang hatte Berlin gemacht. Aus der Region dabei sind neben Potsdam auch Brandenburg/Havel, Cottbus, Frankfurt (Oder), Eberswalde, Elsterwerda, Falkenberg, Jüterbog, Lübbenau, Nauen, Neuruppin, Prenzlau, Rathenow, Rheinsberg und Templin. Aber auch Weltberühmtheiten wie Castrop-Rauxel rauschen über die Gleise.

Die Züge der neuesten Generation sollten Namen von Personen erhalten. Der erste ICE 4 lief als „Martin Luther“. Nachdem der für einen anderen Zug vorgesehene Name „Anne Frank“ auf heftige Kritik gestoßen war, entschied sich die Bahn um und will die weiteren Züge nach deutschen Regionen, Flüssen oder Bergen benennen.

Der Name „Anne Frank“ war umstritten, weil die Bahn in der Nazizeit wesentlich an den Deportationen der jüdischen Bevölkerung in die Konzentrationslager beteiligt war. Und Anne Frank, Autorin des berühmten Tagebuchs, wurde nach der Entdeckung ihres Verstecks 1944 mit dem Zug ins Konzentrationslager gefahren und schließlich in Bergen-Belsen umgebracht. Die Verbindung von Anne Frank und Zug wecke Assoziationen mit der Verfolgung und Deportation der Juden in der NS-Zeit, schrieb das Anne-Frank-Haus. Bei den Menschen, die die Deportationen erlitten hätten, würde die Namensgebung „erneut Schmerzen“ auslösen.

Und so heißt der erste Zug nach dem neuen Konzept nun ganz unverfänglich „Freistaat Bayern“.

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