Berliner Wirtschaft : Taugt Marx als Wirtschaftssenator?

Das ganze Land feiert in diesen Tagen Karl Marx - aber wofür? Unser Autor hat in Berlin nach dem Erbe des Ökonomen gesucht: Er hat sich unter Sozialisten gemischt, mit einem Wirtschaftswissenschaftler gesprochen und den Senat befragt. Er stieß auf begeisterte Revoluzzer – und sehr viel Schweigen.

Gideon Böss
Illustration von Karl Marx.
Illustration von Karl Marx.

Wahrscheinlich wäre es mittlerweile einfacher die Namen derjenigen aufzuzählen, die sich im laufenden Karl-Marx-Jahr noch nicht über die Verdienste des deutschen Ökonomen geäußert haben. Denn 200 Jahre nach seiner Geburt überbieten sich Popstars, Politiker und Publizisten darin, die Erinnerungen an Marx lebendig zu halten. Selbst der oberste Repräsentant der katholischen Kirche in Deutschland, Kardinal Marx, ließ es sich nicht nehmen, die Verdienste seines Namensvetters zu lobpreisen. Das Kommunistische Manifest habe ihn „durchaus beeindruckt“, frohlockte er am vergangenen Sonntag im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ .

Ein Katholik erteilt Deutschlands bekanntestem Religionskritiker die Absolution? Bizarr? Nur auf den ersten Blick. Wer sich hingegen mit jenen trifft, die Marx’ Evangelium als Blaupause für das eigene Weltbild gewählt haben, wird schnell bemerken: Der Unterschied zwischen frommen Christen und orthodoxen Marxisten ist ein geringer.

Zu Besuch bei den Jüngern von Karl Marx

Die Ähnlichkeiten beginnen schon mit der Wahl der Feiertage. Während die Christenheit über das Osterwochenende der Kreuzigung und Auferstehung Jesu gedachten, versammelten sich bei den Berliner Sozialistentagen die Jünger von Karl Marx. Auch wenn sie nicht mit der körperlichen Wiederkehr ihres Vordenkers rechneten, so hoffen sie doch, dass er in Form einer marxistischen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik weiterlebt. Die marxistische Kathedrale allerdings, das Verlagsgebäude der ehemaligen SED-Postille „Neues Deutschland“, muss sich der katholischen Konkurrenz im direkten Vergleich geschlagen geben. Der betongewordene Alptraum am Berliner Franz-Mehring-Platz erweckt eher den Wunsch nach einer Abrissbirne, als das Sehnen nach der kommunistischen Revolution.

Dabei wäre die heutzutage so dringlich, wie zu Marx Lebenszeiten. Denn auch wenn sich die Welt in den zwei Jahrhunderten seit seiner Geburt verändert haben mag, ist sie im Grunde genommen die gleiche geblieben. Davon sind die Sozialisten an diesem Frühlingstag im Jahr 2018 überzeugt: „Wenn Marx heute durch Berlin laufen würde“, erklärt ein älterer Verkäufer am Büchertisch, „würde er Engels frage, ob er sich in Manchester befindet.“ Während der Alt-Sozialist den imperialistischen Kapitalismus beschreibt, ordnet er die real existierende Fachliteratur auf seinem Tisch, die für alle möglichen kommunistischen Weltrevolutionen Tipps und Tricks parat hat. Egal, ob man lieber eine marxistische, trotzkistische oder maoistische durchführen will, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Es sind Zustände, wie im Spätkapitalismus.

Aber genug der Polemik – was hätte Marx denn zur wirtschaftlichen Situation von Berlin zu sagen, möchte ich von einer jungen Teilnehmerin wissen.

„Er wäre nicht überrascht, er hat genau das vorhergesagt.“

„Was?“

„Na, die Verelendung.“

„Aber geht es uns denn heute nicht wenigstens ein kleines bisschen besser als den Menschen zu seiner Zeit?“

„Wir haben heute weltweit mehr Menschen, die im Elend leben als damals.“

„Und wenn wir uns nur Berlin anschauen?“

„Das hängt ja alles zusammen.“

„Hätte er zu Berlin sonst noch was zu sagen?“

„Er wäre für kostenlosen Nahverkehr.“

„Wäre Marx ein erfolgreicher Wirtschaftssenator in Berlin?“

Eine BVG-Fahrt für lau – ist es das, das Vermächtnis des großen deutschen Denkers Marx? Vielleicht. Auffällig ist jedenfalls, dass seine verbliebenen Jünger vage bleiben, wenn es darum geht, konkrete Lösungen für die ökonomischen Probleme der Gegenwart zu skizzieren. Das ist schade, denn derer gibt es zu genüge in der Stadt. Doch hier auf den Sozialistentagen denkt man nicht über das piefige Berlin nach, sondern weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Frage an einen ergrauten Sozialisten: „Wäre Marx ein erfolgreicher Wirtschaftssenator in Berlin?“ Antwort: „Die Welt muss sich aus dem Neoliberalismus lösen, das ist der erste Schritt!“ Dass Marx-Liebe keine Frage des Alters ist, beweist ein Student, der ebenfalls von der Revolution träumt. Und in die Gewänder des Klassenfeindes gehüllt ist. An seinen Füßen: schicke Nike-Turnschuhe. Über seiner Brust: ein Adidas-Pullover. Er könnte auch als Start-up-Gründer durchgehen, doch stattdessen verwendet er seine freie Zeit darauf, den Kapitalismus zu überwinden. „Marx würde den Neoliberalismus in Berlin stoppen und damit die Ausbeutung der Arbeitskräfte. Er wäre auf jeden Fall für ein bedingungsloses Grundeinkommen und für mehr Mitbestimmung der Menschen darüber, was in ihrer Stadt geschieht.“ Auf jeden Fall.

„Wie stehen denn die Chancen, dass die Ideen von Marx bald realisiert werden?“

„Besser als viele glauben. Die Menschen merken doch, dass der Kapitalismus in der Krise ist, dass sie sich all das nicht mehr leisten können, was in den Geschäften angeboten wird.“

„Und da hoffen sie auf Marx?“

„Ja, weil sie sehen, dass es nicht anders geht.“

„Betriebsrat ärgere dich nicht“

Ein paar Schritte weiter kann man die Revolution schon einmal durchspielen. Ein Händler bietet ein Brettspiel mit dem Namen „Betriebsrat ärgere dich nicht“ für fünf Euro feil, das selbst den Ansprüchen orthodoxer Marxisten genügen dürfte. Es würden damit nämlich „keine reaktionären Ideen vermittelt“, wie der Verkäufer wiederholt versichert, „das habe ich überprüft“.

Alles schön und gut, welche Bedeutung Marx’ Ideen für die Berliner Wirtschaft haben, wird man aber wohl auch mit diesem Spiel nicht herausfinden. Es hilft nichts, ein Experte muss her. Anruf bei Karl Brenke, seines Zeichens Volkswirt und Referent am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) in Berlin. Das allerdings, was Brenke über den Philosophen zu berichten hat, dürfte den Marx-Jüngern vom Franz-Mehring-Platz nicht gefallen. Denn mit dem Verstorbenen mag der Ökonom Brenke Vornamen und Profession teilen – seine volkswirtschaftlichen Überzeugungen hingegen nicht. „Für die heutigen Wirtschaftswissenschaften haben Marx’ Lehren keine Bedeutung mehr“, sagt er. Seine wichtigsten Annahmen hätten sich als falsch erwiesen: „Er ging davon aus, dass die Löhne nie das Existenzminimum überschreiten würden, womit er sich irrte.“ Es sollte nicht der einzige Irrtum bleiben: Marx prognostiziert zugleich, dass die Profite der Kapitalisten im Verlauf der zunehmenden Industrialisierung und dem damit einhergehenden Einsatz von Maschinen sinken würden. „Auch das ist nicht eingetreten“, sagt Brenke. Damit nicht genug der Marxschen Fehlannahmen: Nicht mal die Weltrevolution habe Marx korrekt vorhergesagt, lästert Brenke. „Selbst in Russland war es nicht die Arbeiterklasse, die für den Umsturz sorgte, sondern Soldaten und Intellektuelle.“

Eine wirtschaftswissenschaftliche Luftnummer?

Karl Marx – eine wirtschaftswissenschaftliche Luftnummer und ein historischer Dilettant also? Zumindest kann man auf diesen Gedanken kommen, wenn man sich mit Brenke unterhält.

Ganz anders sieht es hingegen die Berliner Landesregierung. Genauer noch: Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). „Wir leben bis zum Hals im Kapitalismus, das ist das Problem“, stellte sie im März des vergangenen Jahres fest. Es wäre darum interessant gewesen zu erfahren, ob ihrer Meinung nach die Ideen von Marx auch heute noch für die Berliner Wirtschaft von Bedeutung sein können. Aber die Pressesprecherin der Senatorin gibt sich schweigsam: Die Kapitalismus-Äußerungen von Frau Lompscher seien „nicht im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Senatorin gefallen“; man bitte daher um Verständnis, dass man hierzu keine weiterführende Informationen geben könne. Im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeiten als Privatperson Katrin Lompscher scheinen die Aussagen allerdings auch nicht gefallen zu sein. Wie sonst ist zu erklären, dass auch ihr persönliches Büro auf eine Tagesspiegel-Anfrage auf drei Arten reagiert: mit Schweigen, Schweigen und Schweigen nämlich.

Doch nicht nur die Linkspartei hält sich bedeckt, auch der kapitalistische Klassenfeind belässt es lieber beim Schweigen – wie ein Anruf bei einem großen Berliner Wirtschaftsverband zeigt. „Puuuh! Ein ganz gefährliches Thema!“, stöhnt der Pressesprecher auf der anderen Seite der Leitung. „Wenn wir uns heute politisch zu Marx äußern, bekommen wir morgen richtig Stress mit unseren Mitgliedern.“ Sie zählen also auch marxistische Unternehmer zu ihren Mitgliedern? „Nicht auszuschließen!“ Der Verbandssprecher fleht deshalb darum, nicht im Artikel aufzutauchen. „Bitte lassen Sie uns da raus – bitte, bitte, bitte!“

Wenn es aber in Berlin Wirtschaftstreibende gibt, die sich zu Marx bekennen, dann werden wir sie suchen. Und wo sonst könnte man sie treffen, wenn nicht auf der Karl-Marx-Straße? Diesem drei Kilometer langen Streifen, an dem sich Handyshops, Frisörsalons und Dönerläden dicht an dicht drängen. Doch auch hier fallen die Gespräche mit Ladeninhabern und Mitarbeitern ernüchternd aus. Die Gegenfrage „War das ein Dichter?“, gehörte noch zu den Antworten, die der Wahrheit näherkamen. Ansonsten wurde unter anderem spekuliert, ob das ein Maler, Bürgermeister oder Nationalspieler ist.

Und die Moral von der Geschicht’? Nichts Genaues weiß man nicht. Das Land und seine Hauptstadt mag derzeit der Marx-Mania erliegen. Wofür seine Theorien heute noch gut sind, mag hingegen niemand mehr so genau sagen.

Dieser Artikel erschien auf der wöchentlichen Sonderseite "Berliner Wirtschaft". Folgen Sie uns auf Twitter für Updates: @BRLNRwirtschaft

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