Berliner Wirtschaft und der Brexit : Abwarten und Tee trinken

In elf Wochen steht der Austritt der Briten aus der EU an. Berliner Unternehmer sind gespalten zwischen Trübsal und Euphorie.

Jan-Philipp Hein
Der Countdown bis zum Brexit läuft.
Der Countdown bis zum Brexit läuft.Foto: imago

Der Countdown läuft: In 79 Tagen will Großbritannien die Europäische Union verlassen. Der Schritt wird schwere makroökonomische Folgen für den europäische Binnenmarkt haben, aber auch ganz konkrete für die Unternehmen in der deutschen Hauptstadt. Welche genau, ob positiv oder negativ, darüber sind sich indes noch nicht alle einig.

Wer sich etwa in der Berliner Start-up-Szene umhört, bekommt neben dem Bedauern über den Abgang der Briten recht häufig auch Töne der Freude zu hören. So darf Julian Grigo, der beim Digitalverband Bitkom für Finanzdienstleistungen zuständig ist, nach eigenem Bekunden jetzt öfter an sein Telefon gehen, um Fintechunternehmen aus der ganzen Welt zu erklären, wie man nach Deutschland, insbesondere nach Berlin kommen kann. Grigo: „Berlin ist eine weltweit gehypte Stadt.

Chris Bartz ist Chef einer dieser Fintechfirmen. Er und sein Unternehmen gehören bereits zu den Glücklichen, die in der gelobten Stadt arbeiten dürfen. Elinvar, so heißt die Firma, unterstützt Traditionsbanken auf ihrem Weg in die digitale Welt. 70 Mitarbeiter beschäftigt Bartz in Prenzlauer Berg. Brexit? „Nicht gut“, sagt der einstige Banker, der seinen alten Kollegen bei den Finanzplatzhirschen nun in die Zukunft hilft.

Verhalten optimistisch. Fintech-Chef Chris Bartz.
Verhalten optimistisch. Fintech-Chef Chris Bartz.Foto: Elinvar

„Der Ausstieg der Briten aus der EU wird den europäischen Markt schwächen. Gerade für junge und stark wachsende digitale Firmen ist das schlecht, weil die sich im einheitlichen europäischen Binnenmarkt viel schneller entwickeln können.“ Aber: „Berlin profitiert vom Brexit. Die Stadt wird neben London einer der zentralen Techstandorte werden.“ Man merke bereits jetzt deutlich, dass sich Leute aktiv von London nach Berlin orientieren oder Leute aus der ganzen Welt sich nicht mehr in London, sondern gleich in Berlin umschauen.

Auch Sascha Schubert, Vizevorsitzender des Bundesverband Deutsche Start-ups, sieht Berlin im Aufwind: „Definitiv werden sich junge Gründerinnen und Gründer aus der EU zweimal überlegen, ob sie ihr neues Start-up in London oder nicht doch eher auf dem Kontinent gründen wollen. Hier gibt es einen klaren Vorteil für Berlin und Deutschland.“

Jede dritte Firma befürchtet Einbußen

Nun gehört leicht exaltierter Optimismus zur Berliner Start-up-Szene wie die Queen in den Buckingham Palace. Kein Wunder also, dass die Euphorie recht schnell verflacht, wenn man in etwas traditionelleren Branchen den Brexit anspricht. So sagt Joachim Brückmann, Bereichsleiter Stadtentwicklung und Internationale Märkte bei der Industrie- und Handelskammer: „Wir haben über 400 Unternehmen identifiziert, die in einem signifikanten Umfang Geschäftstätigkeiten mit Großbritannien unterhalten.“

Die Kammer zähle 120 Berliner Unternehmen mit Niederlassungen in Großbritannien und umgedreht 70 Niederlassungen britischer Unternehmen in der deutschen Hauptstadt. 37 000 Beschäftigte seien für Berliner Firmen in UK tätig, die britischen Unternehmen beschäftigen laut IHK in Berlin rund 13 000 Leute.

In einer Umfrage der Handelskammer unter der eher traditionellen Berliner Unternehmerschaft zeigen sich Befürchtungen: Mehr als jede dritte Firma glaubt im Zuge des Brexits an eine Verschlechterung ihrer Geschäftsbeziehungen mit den Briten. Besonders besorgniserregend sei die mangelnde Erfahrung vieler derzeit in Großbritannien tätiger Unternehmen im Handel mit Drittstaaten. Sollte es Ende März – und das gilt derzeit als durchaus wahrscheinlich – zu einem ungeregelten Ausstieg des Königreichs aus der Europäischen Union kommen, wäre die Insel ein solcher Drittstaat.

Der Brexit bereitet schlaflose Nächte

Was das bedeutet, versucht sich auch Paul Kündiger klarzumachen. Kündiger ist Gründer und Geschäftsführer der Hauptstadtader GmbH, die eine Aufkleberdruckerei namens DeineStadtKlebt.de betreibt. Einer der Großkunden des mittelständischen Unternehmens sitzt auf der Insel und vertraut den Berlinern wegen ihres besonderen Know-hows und der kurzen Lieferfristen. Kündiger: „Der Kunde ist Veranstalter in England und bekommt von uns jeweils ganz kurz vor seinen Events personalisierte und fälschungssichere Aufkleber für die Innenseite von Autoscheiben, die als Eingangskarten zu Events dienen.“

In Sorge. Agenturgründer Paul Kündiger.
In Sorge. Agenturgründer Paul Kündiger.Foto: promo

Sollten in den kommenden Wochen die Europäische Union und Großbritannien keine Regelungen treffen, die es den Berliner Aufkleberdruckern und dem britischen Veranstalter ermöglichen, die Zusammenarbeit fortzusetzen, steht die Beziehung vor einer großen Belastungsprobe. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, Teile unserer Produktion nach UK zu verlagern“, sagt Kündiger. Doch das sei für einen einzigen Großkunden noch keine Option. Der Gedanke an Zollformalitäten und drastisch steigende Lieferzeiten bereitet Kündiger schlaflose Nächte.

Ob groß oder klein, namhaft oder unbekannt – der Brexit stellt so ziemlich jeden Unternehmer mit Auslandsgeschäft vor Herausforderungen. Der Flugzeugturbinenhersteller Rolls-Royce plant, seine Sparte zur Zulassung großer Flugzeugmotoren nach Dahlewitz im Berliner Umland umzusiedeln. Sicher ist sicher.

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