Berlins Brauereien : Neues Leben für das alte "Bärenquell"-Areal

Eine Ruine bekommt wieder eine Zukunft: In Schöneweide will ein Investor Millionen in die alte „Bärenquell“-Brauerei an der Spree stecken.

Das Areal der ehemaligen Bärenquell-Brauerei an der Schnellerstraße 137 in Niederschöneweide: Bis 1994 wurde hier gebraut.
Das Areal der ehemaligen Bärenquell-Brauerei an der Schnellerstraße 137 in Niederschöneweide: Bis 1994 wurde hier gebraut.Foto: Thilo Rückeis

Eine der ältesten und größten Zeitzeugen der Berliner Brauereigeschichte steht vor seiner Wiedererweckung: Die Bärenquell-Brauerei in Niederschöneweide soll zu einem Büro, Gastronomie- und Einzelhandelsstandort ausgebaut werden. Vor wenigen Wochen sind die ersten Bauanträge eingegangen, bestätigte Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD). Das Projekt in Treptow-Köpenick steht allerdings noch ganz am Anfang, weil parallel zur Baugenehmigung der Bebauungsplan geändert werden muss. Bislang waren auf dem Areal nur Fachmärkte erlaubt.

2013 stand die Baumarktkette Bauhaus bereit, die Brauerei zur neuen Filiale auszubauen, dann ging die Konkurrenz von Max Bahr pleite, und Bauhaus kippte seine Pläne, um stattdessen den Bahr-Standort zwei Blöcke weiter zu übernehmen. Ein herber Rückschlag für die Stadtplaner im Rathaus, für den Denkmalschutz aber möglicherweise ein Gewinn, einige Gebäude direkt an der Schnellerstraße hätten damals einem Parkplatz weichen sollen. Jetzt sollen in den Backsteinhäusern Büros und größere Restaurantflächen entstehen.

Damit knüpfen die Bauherren zumindest teilweise an die Tradition der Brauerei an, denn hier wurde auch viel Bier getrunken, in einem großen Biergarten an der Spree. An der östlichen Umfassungsmauer sind noch Teile einer Felsen- und Grottenarchitektur erhalten sowie Überreste eines Aussichtsturms mit Gastwirtschaft. Die Gasträume sollten an eine romantische Bergwelt erinnern.

Bislang sollen vier Gebäude saniert werden

Die Bauanträge der Investoren umfassen bislang nur vier gut erhaltene Gebäude, die für rund zehn Millionen Euro saniert und ausgebaut werden sollen. Für Einzelhandel ist eine Fläche von rund 1150 Quadratmetern im ehemaligen Maschinen- und Sudhaus vorgesehen, 1250 Quadratmeter sollen als Eventfläche und rund 2000 Quadratmeter für Büros hergerichtet werden. Was für Events hier stattfinden können, ist unklar. eine Kulturnutzung habe der Investor angekündigt, so Hölmer.

Nach Tagesspiegel-Informationen gehört das Areal einer Objektgesellschaft der Activum SG Capital Management (Firmensitz in Saint Helier, Hauptstadt des Steuerparadieses Jersey im Ärmelkanal). Mit der Entwicklung ist die Berliner Firma HCM Home Center Management betraut worden. Auf Anfrage äußerte sich die HCM bislang nicht.

Klar ist, dass das bislang hermetisch abgeriegelte Brauereigelände geöffnet wird, um Wege von der Schnellerstraße zum Spreeufer zu schaffen, nebenan wurde bereits der neu gestaltete Uferweg geöffnet. Die Geschichte des Fabrikstandorts begann 1882, als die Unternehmer Meinert und Kampfhenkel die Borussia-Brauerei gründeten, aus damaliger Zeit sind noch Beamtenwohnhaus und Verwaltungsgebäude erhalten. Der Standort lag unweit der Keimzelle Niederschöneweide, der nicht mehr existierenden Ausflugsgaststätte Neuer Krug.

Bis 1994 wurde hier Bier gebraut

Laut Landesdenkmalamt ist das Beamtenwohnhaus das älteste erhaltene Gebäude Niederschöneweides. 1898 übernahm die Schultheiss AG die Brauerei und baute sie aus. Bis 1994 wurde am Standort Bier gebraut, zuletzt unter dem Namen Bärenquell, damals war der Standort noch eine der „Big Four“-Brauereien Berlins, neben Berliner Kindl, Berliner Pilsener und Schultheiss.

Seit 1994 verfiel die Anlage langsam. Viele Jahre lang machten sich Jugendliche einen Spaß, in den Ruinen herumzuklettern, es gab wilde Partys und Brandstiftungen, zeitweise übernachteten Wanderarbeiter aus Osteuropa in den Häusern. Ein Sicherheitsdienst und neue Absperrungen machten diesem Treiben dann ein Ende.

... und was wurde aus den anderen Brauereien?

Brauerei Friedrichshagen. Die Brauerei Berliner Bürgerbräu an der Spree in Friedrichshagen ist die älteste, noch existierende Brauerei der Stadt, errichtet 1869. Bis 2010 wurde hier noch Bier produzierte, dann gab die Brauereifamilie Häring den Standort auf und verkaufte die Gebäude an den Berliner Projektentwickler Dirk Germandi. Der will vor allem Wohnungen und ein wenig Gewerbe in die alten Mauern hineinoperieren.

Schultheiss-Brauerei Moabit. Bis 1980 wurde hier noch Bier gebraut, dann siedelten sich Händler an. Nach mehreren Jahren Bauzeit wurde im September 2018 das Schultheiss-Quartier eröffnet, als moderne Shoppingmall. Das älteste Gebäude, das Sudhaus, stammt von 1872. Die Brautradition begann hier schon um 1827.

Mälzerei Schöneberg. Der Schweizer Immobilienkaufmann Frank Sippel hat das 1914 bis 1917 von der Schultheiss-Brauerei erbaute Industriedenkmal, die Malzfabrik, zum Kultur- und Kreativzentrum entwickelt. Bis 1996 war das Gelände noch als Malzfabrik in Betrieb, dann zog der Kitkat-Club mit Lack- und Leder-Partys ein, inzwischen wird hier vor allem tagsüber gefeiert.

Tivoli-Brauerei Kreuzberg. Am Südhang des Kreuzbergs öffnete 1829 ein Biergarten namens Tivoli. 1857 begannen die Eigentümer eine Brauerei aufzubauen. Bis 1873 entstanden umfangreiche Fabrikgebäude und ein großer Veranstaltungssaal. Die Schultheiss-Brauerei übernahm 1891 die Tivoli-Brauerei und erweiterte das Gelände, 102 Jahre später wurde das letzte Bier gebraut. Seit 1999 sind auf dem Gelände Wohnungen, Ateliers und Büros in der alten Bausubstanz und in Neubauten entstanden.

Brauereien in Prenzlauer Berg. Die meisten Brauereien gab es früher in Prenzlauer Berg, inzwischen haben die alten Hallen neue Liebhaber gefunden, etwa Georg Näder, Chef des Prothesenmultis Otto Bock, der die 1864 gegründete Bötzowbrauerei an der Prenzlauer Allee saniert. Nach einem Masterplan von Star-Architekt David Chipperfield entstehen Flächen für Hightech-Unternehmen, Gastronomie und Kunst.

Schultheiss in Spandau. Die beiden gut erhaltenen „Schultheiss“-Leuchten erinnern noch heute an die Vergangenheit an der Neuendorfer Straße. Die Brauerei war schön, aber die Technik ganz schön alt – und somit ohne Zukunft. 1992 verloren 255 Menschen ihre Arbeit. Auf dem Gelände entstand Neues: „Centro Vital“, Wellness, Wohnungen – ein neuer, ruhiger Kiez direkt am Havelufer. Auch das Stadion des großen Spandauer SV nebenan wurde abgerissen und bebaut.

Engelhardt in Charlottenburg. Anwohner im engen Charlottenburger Kiez zwischen Schlossstraße und Stadtautobahn erinnern sich noch an den Geruch in den Straßen. Die Süße kam aus dem Hinterhof der Engelhardt-Brauerei, in der das „Charlottenburger Pilsener“ gebraut wurde (die Ur-Engelhardt-Brauerei liegt woanders, auf der Halbinsel Stralau). 1998 war auch hier Schluss –Abriss, Neubau, Platz für junge Firmen. Das große, gelbe „Engelhardt“-Schild hängt aber immer noch an der Fassade. mit AG

Zwölf Newsletter, zwölf Bezirke: Unsere Leute-Newsletter aus allen Berliner Bezirken können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper testen + 50 % sparen!

Autor

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben