• Berlins schmutzige Wäsche: „Sie glauben nicht, wie viele ältere Herrschaften sich in Schokolade setzen“

Berlins schmutzige Wäsche : „Sie glauben nicht, wie viele ältere Herrschaften sich in Schokolade setzen“

Seit 30 Jahren betreiben die Brüder Jovan und Dragan Davcik eine Reinigung in Kreuzberg. Ein Leben an der Nahtstelle von Hoffnung, Lügen und Perchlorethylen.

Seit 30 Jahren nehmen Jovan (links) und Dragan Davcik in Kreuzberg Schmutzwäsche entgegen.
Seit 30 Jahren nehmen Jovan (links) und Dragan Davcik in Kreuzberg Schmutzwäsche entgegen.Foto: Mike Wolff

Der eine ist Autolackierer, der andere fährt Brötchen aus, als bei einem Abendessen im Jahr 1989 das Angebot kommt, eine Textilreinigung im Kreuzberger Bergmannkiez zu übernehmen. Dass Jovan und Dragan Davcik zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Hemd gewaschen haben, ist dem Besitzer egal. Ihnen auch. Noch am selben Abend schlagen sie ein – seit dem 1. Januar 1990 führen die Davciks die Geschäfte.

30 Jahre und mehr als eine Viertelmillion Kleidungsstücke später ist aus der Schnapsidee eine Lebensaufgabe geworden. Die Brüder kennen den Kiez von jeder noch so schmutzigen Seite.

„Die Leute lügen. Natürlich sagt keiner: Ich habe jemanden abgestochen, wenn er mit Blutflecken in der Jacke bei uns auftaucht. Immer war es ein Unfall, ein Fahrradsturz, Glatteis. Jung Verliebte sagen, sie hätten Zahnpasta- oder Joghurt-Flecken im Schritt, wenn sie es nicht aus ihren Klamotten geschafft haben.

Und Sie würden sich wundern, wie viele ältere Herrschaften sich in Schokolade setzen. Selbstverständlich lassen wir das so stehen. Das Problem ist nur: Wenn wir nicht wissen, um was für einen Fleck es sich handelt, können wir ihn nicht angemessen behandeln.“ (Jovan)

Das Geschäft besteht aus einem Empfangsraum mit Tresen und einem schmalen Gang dahinter, links Kleiderstangen, rechts Bügelbretter. Oft müssen die Brüder die Stimme erheben, um das ständige Rauschen und Zischen der Maschinen zu übertönen. Sitzgelegenheiten gibt es nicht. Im Stehen erzählt Dragan, mit 54 der Jüngere der Brüder, wie sich die Nachbarschaft und das Geschäft gewandelt haben. Wenn sein Bruder Jovan, 55, im Vorbeilaufen einen Kommentar dazwischenwirft, rollt er die Augen.

„In Kreuzberg ist alles härter. Auch das Wasser.“

Vor 30 Jahren bestand die Bevölkerung hier größtenteils aus Arbeitern. Die haben eine ganz andere Garderobe abgegeben. Brachten uns ihre eine gute Hose, ihr eines gutes Jackett, das sie zum Ausgehen angezogen haben oder in der Kirche. Dann kamen mehr und mehr Geschäftsleute, die sitzen den ganzen Tag am Schreibtisch. Die tragen keine Latzhosen, sondern Oberhemden. Anfangs hatten die noch Frauen, die für sie gewaschen und gebügelt haben. Aber die Zeiten sind vorbei.

Heute haben wir viel mehr Designergeschichten. Sehen Sie mal, das Kleid, das die Dame gerade abholt. Das ist die Betreiberin des Restaurants in der Markthalle nebenan, die war auf irgendeinem Ball. Es gibt hier auch viele jüngere Menschen, die Musiker oder selber in der Modebranche sind und außergewöhnliche Textilien haben. Gerade habe ich wieder einen Fall, da kostet ein T-Shirt 350 Euro. Das darf nur mit einer bestimmten Flüssigkeit gereinigt werden.“ (Dragan)

Das Geschäft befand sich zunächst in der Zossener Straße. Seit vielen Jahren reinigen die Davciks in der Bergmannstraße 93.
Das Geschäft befand sich zunächst in der Zossener Straße. Seit vielen Jahren reinigen die Davciks in der Bergmannstraße 93.Foto: Mike Wolff

„Die Kundinnen tragen heute Seidenblusen. Den Fehler, die zu Hause zu waschen, machen die nur einmal. In Kreuzberg ist alles härter. Auch das Wasser. In den 90er Jahren trugen die Kreuzberger noch nicht Joop, aber sie haben ihre Sachen besser gepflegt.

Es gibt Kunden, da ekelt selbst uns das, wenn wir das Garderobenstück sehen. Neulich kam ein Kunde, der war nass geworden im Regen und fragte, ob wir seine Daunenjacke kurz in den Trockner schmeißen könnten. Die trug er seit 15 Jahren und hatte sie nie gewaschen. Der hatte ’ne junge Frau neben sich und ein kleines Kind, da habe ich überlegt, in was für Sachen müssen die schlafen?“ (Jovan)

„Im Viertel ist definitiv mehr Geld vorhanden als früher. Schick finde ich die Kreuzberger unterm Strich trotzdem nicht. Unser Ursprung ist im ehemaligen Jugoslawien, die Menschen verdienen weniger, aber sie sehen deutlich eleganter aus.

Vor 30 Jahren waren die Klamotten weniger exklusiv im Sinne von extravagant und hochpreisig, aber sie hatten eine andere Qualität. Wir haben ein paar Kunden, die bringen noch Sachen aus den 60ern. Sehen Sie mal dieses Tweedjackett: Das ist viel dicker, robuster. Unser Vater hatte Anzüge, da konntest du dran ziehen, die Dinger waren nicht kaputt zu kriegen. Heute müssen die Sachen nur so lange halten, wie die Gewährleistung reicht. Dann kann man dabei zusehen, wie sie kaputtgehen. Du kaufst dir einen Anzug von Armani und nach zwei Jahren glänzt der und die Nähte gehen auseinander.“ (Dragan)

„Dass Waschmaschinen Socken fressen, ist technisch unmöglich.“

Im Boden hinter dem Tresen ist eine Falltür. Jovan hebt sie hoch und steigt eine steile Holzstiege hinab. Im Keller stehen Plastikwannen und ein Tisch. Hier wird die Kleidung sortiert, werden Flecken vorbehandelt. Draußen über dem Eingang steht in großen Lettern: Vollreinigung. Das heißt, gezielte Fleckenbehandlung ist im Preis inbegriffen und darf nicht extra berechnet werden.

„Viele Menschen verstehen ja gar nicht, was eine Reinigung überhaupt ist: Klassisch kommt bei uns überhaupt kein Wasser zum Einsatz. Wir reinigen Textilien mit Perchlorethylen. Das ist schonender für das Gewebe, weil es die Faser nicht aufquellen lässt – Sie wissen schon, dieses Gitter, das man immer in der Waschmittelwerbung sieht. Waschpulver und Wasser spülen die Flecken weg. Aber wenn die Faser einmal aufquillt, schließt sie sich nie wieder so, wie sie aufgegangen ist. Sie verliert Farbe, verformt sich, läuft vielleicht ein. Das passiert bei der chemischen Reinigung nicht – dafür kriegen wir damit nur Flecken raus, die auf der Faser aufliegen.

Viele Kunden kommen erst, wenn sie zu Hause gescheitert sind. Das erschwert unsere Arbeit erheblich. Der erste Versuch ist der entscheidende. Wir haben einen gewissen Ehrgeiz, der ist mit der Zeit gewachsen. Und fünf Vorbehandlungsmittel, die wir selber gemischt haben. Sie dürfen das Material nicht beschädigen, die Farbe nicht beschädigen, aber Sie wollen, dass der Fleck rausgeht. Das ist jedes Mal ein Krimi.

Die meisten Hemden kann man ganz normal waschen, reine Baumwolle sogar auskochen. Die sehen wir hier aber immer seltener. Menschen wollen es bügelleicht und knitterfrei, also wird Polyester verarbeitet. Manchmal haben wir Pilotenkleidung von der Lufthansa, da ist fünf Prozent Gummierung dabei, damit sie nicht knautscht.

Die gravierendste Änderung der vergangenen 30 Jahre war die Anschaffung einer Waschmaschine.
Die gravierendste Änderung der vergangenen 30 Jahre war die Anschaffung einer Waschmaschine.Foto: Mike Wolff

Ein reines Baumwollhemd ist nie knitterfrei. Wer aber seine Maschine bis zum Anschlag vollknallt und bei 1.400 Umdrehungen schleudert, darf sich nicht beschweren. Ich schleudere grundsätzlich nur mit 800 Umdrehungen – alles, was darüber geht, zerbricht die Faser.

Weil immer weniger Menschen Lust und Zeit haben, sich mit so was zu beschäftigen, bieten wir neben der chemischen Reinigung mittlerweile auch Wäscheservice an. Im Grunde war das die gravierendste Veränderung in den zurückliegenden 30 Jahren: dass wir Waschmaschinen angeschafft haben, zwei Stück. Und bevor Sie jetzt fragen: Dass Waschmaschinen Socken fressen, ist technisch nicht möglich. Da ist vor dem Ablauf ein Filter. Wir können Ihnen sagen: Männer bringen uns tütenweise Hemden, und was fällt dann fast jedes Mal mit heraus? Eine einzelne Socke.“ (Jovan)

„Gelbe Blumen sind der Feind.“

Oben am Tresen legt gerade ein Kunde vier Hemden und eine Weste auf den Tresen. Jovan beugt sich darüber. „Was gab’s denn Leckeres?“

„Die häufigsten Flecken sind Tee, Kaffee, Essen, Soßen. Man kennt das: Das letzte Salatblatt rutscht von der Gabel. Öl geht aber gut raus, Fett überhaupt. Na klar stehen hier Männer mit Lippenstift am Hemdkragen und sind erleichtert, wenn wir sagen: kein Problem.

Vergessen Sie bei Rotweinflecken das Salz. Sprudel ist das Beste! Immer wieder nachkippen, zwei bis drei Stunden lang. Edding ist hartnäckig, bei Marker und Acrylfarbe gebe ich keine Versprechen. Heikel sind auch Cocktails mit grellen Farben und Früchten. Am allerschwierigsten aber ist gelber Blütenstaub, wenn der mit Wasser in Verbindung kommt, so was wird ja auch als Färbemittel benutzt. Gelbe Blumen sind der Feind.“ (Dragan)

Am Ende des schmalen Ganges mit den Bügelbrettern führt eine Tür in den Hinterhof. Im Gartenhaus haben die Brüder eine Bügelstation eingerichtet. Gerade zieht ein Mitarbeiter ein hellblaues Hemd über eine Art Schaufensterpuppentorso. Auf Knopfdruck wird wie mit einem riesigen Fön Luft in das Hemd gepustet.

„Ich schaffe ein Oberhemd in zwei Minuten.“

„Es gibt Luxusmaschinen mit Computersteuerung, die blasen dir ein Hemd in 45 Sekunden faltenfrei. Aber so was kostet 35.000 Euro. Das hier ist die abgespeckte Version, wir puppen nur vor, lockern die Faser 25 Sekunden lang, dann wird jedes Hemd von Hand nachgebügelt. Das schont die Nähte. Ich schaffe ein Oberhemd in zwei Minuten, mit Zuknöpfen, Kragen, Arm, Manschette. Bei schwieriger Baumwolle brauche ich etwas länger.

Damenblusen kosten mehr als Männerhemden, weil sie tailliert sind. Die müssen wir viel öfter drehen. Der Preis setzt sich ja aus mehreren Komponenten zusammen. Wenn ich sehe, dass jemand eine Hemdreinigung für einen Euro anbietet, kriege ich so ’nen Hals. Man muss schon einen gewissen Preis auffahren, um eine bestimmte Qualität umzusetzen.“ (Dragan)

Die saubere Wäsche kann man auf dem Bügel oder gefaltet im Paket abholen.
Die saubere Wäsche kann man auf dem Bügel oder gefaltet im Paket abholen.Foto: Mike Wolff

„Die Maschine für die chemische Reinigung hat ein Volumen von 20 Kilo, das sind etwa 20 Anzüge. Mit 15, 16 Kilo müssen wir die schon beladen – so eine Maschine zu starten kostet eine Menge Geld! Strom, Öl, Wasser – die Maschine braucht 400 Liter allein zum Kühlen. Das Perchlorethylen bewegt sich preislich zwischen vier und sechs Euro das Kilo. Die Maschine hat drei verschiedene Tanks. Allein die erste Charge zieht 40 Liter Perchlorethylen. Fünf Minuten wird vorgereinigt, dann kommt diese Brühe, durch die der Schmutz vom Gewebe runtergespült wird. Würden wir einen Anzug separat reinigen, müssten wir 150 Euro nehmen.

Früher wurde Wäsche lastwagenweise nach Polen gefahren. Da gab es Subventionen und geringe Personalkosten. Großwäschereien nehmen heute einen Kilopreis von 1,30 Euro. Hotelketten wie Hilton haben Tonnen von Handtüchern, da sind ein paar Cent, die man pro Kilo spart, viel Geld. Aber seit Polen in der EU ist, ist es da auch teurer geworden.“ (Jovan)

Feste Regeln, wie sie sich die Tage aufteilen, haben die Brüder Davcik nicht. Heute war Dragan um acht da, Jovan kam um 15 Uhr. Gleich will Dragan noch Wäsche an Partner ausfahren – Leder, Teppiche, Bettlaken und -bezüge, die gemangelt werden müssen, reichen sie an Spezialisten weiter.

Jovans elfjährige Tochter Katarina ist an diesem Nachmittag auch im Laden. Sie verbringt ihre Zeit oft hier bei ihrem Vater. Übernehmen will sie das Geschäft aber nicht. Auch Dragans 22-jährige Tochter möchte lieber Erzieherin werden. Begannen Anfang der 90er Jahre jährlich bis zu 25 Berliner eine Ausbildung zum Textilreiniger bei der Handwerkskammer, sind es in der ganzen Stadt aktuell nur noch zwei.

„Wenn das ins Grundwasser gelangt, landen wir beide im Knast.“

„Theoretisch kann jeder eine Reinigung eröffnen. Man braucht lediglich ein Zertifikat als Umweltfachmann. Wir hatten, als wir hier anfingen, das Glück, dass es eine erfahrene Mitarbeiterin gab. Die hat uns alles gezeigt. Ein bisschen was mitbringen sollte man aber schon: Vor allem Stehvermögen. Die Schuhe scheuern bei uns als Erstes durch. Wir haben mal eine neue Kollegin angestellt, die brauchte nach 20 Minuten die erste Pause, sagte, sie müsse sich hinsetzen! Das hat keinen Sinn. Viele junge Menschen sind heutzutage nach wenigen Stunden platt.“ (Jovan)

Im Raum Berlin sind laut der Textilreiniger Innung Berlin-Brandenburg 1.200 Menschen in Textilreinigungen beschäftigt. Eine Meisterpflicht ist seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr gegeben. Der Frauenanteil liegt bei über 90 Prozent. Die Zahl der Betriebe ist von 480 auf 70 zurückgegangen.

„Das hat auch mit Umweltauflagen zu tun. Wir stehen unter strenger Kontrolle. Perchlorethylen ist eine giftige Chemikalie, sie muss in der Maschine bleiben, in einem geschlossenen System. Wenn die in den Gulli gelangt, verpestet sie das Grundwasser, und wir landen beide im Knast.

Jede Maschine wird beantragt und registriert, neue werden kaum mehr genehmigt. Das Umweltbundesamt will uns aus der Stadt raushaben. Große Betriebe wie Sonnenschein, Topclean oder Kindermann haben heute lediglich Annahmestellen quer durch Berlin und reinigen irgendwo im Industriegebiet.“ (Jovan)

Jedes Garderobenstück bekommt eine Nummer. Öfter, als dass etwas wegkommt, finden sie etwas.
Jedes Garderobenstück bekommt eine Nummer. Öfter, als dass etwas wegkommt, finden sie etwas.Foto: Mike Wolff

Die Türglocke bimmelt. Eine Kundin gibt ihren gelben Abholschein ab. Jovan geht die Reihen mit den Kleidern ab, eine Minute später händigt er die gesuchten Stücke aus, ordentlich auf Drahtbügel gehängt.

„Wir finden Viagra und bündelweise Hunderter.“

„Die Bügel holen wir neu aus dem Karton. Die können wiederverwertet werden wie Eierpappen. Bisher bringt vielleicht nur jeder Sechste die Bügel zurück. Aber da verändert sich was im Bewusstsein, gerade in Kreuzberg. Wir fragen auch, ehe wir ein Stück in Schutzfolie hüllen. Nach dem Verpackungsgesetz dürfen wir die ab 2020 ohnehin nicht mehr gratis abgeben.

Dass ein Kleidungsstück wegkommt, ist wirklich selten. Jedes Stück, das hier reingeht, kriegt eine Nummer. Es kann nur etwas passieren, wenn jemand 22470 statt 22370 eintippt, dann wird das falsch deklariert und fällt aus dem System. Das Erstaunliche ist: Es gibt Kunden, die nehmen anstandslos ein Stück mit nach Hause, das ihnen nicht gehört. Für solche Fälle sind wir versichert. Ersetzt wird allerdings nur der Zeitwert, und es muss eine Rechnung organisiert werden. Sind die Sachen schon älter, wird Geld abgezogen.“ (Dragan)

„Öfter als dass wir etwas verlieren, finden wir aber etwas. Ketten, Schlüssel, Handys, Ausweise – da gähnen wir nur noch. Einmal flogen beim Sortieren abends bündelweise Hunderter durch die Gegend. Über 3.000 Mark! Das war der Umsatz des griechischen Restaurants um die Ecke. Am nächsten Morgen kam die Frau des Inhabers, ganz aufgeregt. Ein Mann war verzweifelt, weil er sein Viagra im Jackett vergessen hatte. Wir müssen routinemäßig alle Taschen kontrollieren und legen das dann beiseite. Wenn uns ein Kugelschreiber in die Maschine gerät, sind alle Sachen hin.“ (Jovan)

„Wenn ein Sakkoknopf irgendwo hängen bleibt und zerreißt was, da hat niemand Einfluss drauf. Da können wir uns nur noch entschuldigen und die Versicherung zahlt. Gleich in unserer Anfangsphase hat eine Kundin eine grüne Jacke gebracht. Die durfte laut Etikett mit Perchlorethylen gereinigt werden. Als sie aus der Maschine kam, war die ein einziger Klumpen. Die grüne Beschichtung hatte sich gelöst und haftete an sämtlichen anderen Textilien. Das war ein Schaden von weit über 6.000 Mark. Die Jacke hatte sie im KaDeWe gekauft. Zunächst hat unsere Versicherung alle geschädigten Kunden ausbezahlt. Dann hat sie sich die Summe komplett vom Kaufhaus wiedergeholt. Die haben es sich vom Hersteller wiedergeholt. Der muss für seinen Pflegehinweis garantieren.“ (Dragan)

Ursprünglich war Vater Grgo Davcik Mitinhaber. Er starb 2015.
Ursprünglich war Vater Grgo Davcik Mitinhaber. Er starb 2015.Foto: Mike Wolff

„Ich verstehe nicht, dass jemand seinen Anzug einfach hängen lässt.“

Unmittelbar hinter dem Schaufenster führt eine Holztreppe auf einen Zwischenboden. Dort werden unter anderem Textilien aufbewahrt, die nicht abgeholt wurden.

„Wir sind verpflichtet, Waren bis zu zwölf Monate aufzubewahren. Nach drei Monaten im Laden dürfte ich sie auslagern, aber wir haben kein Lager. Deshalb der Zwischenboden. Manchmal fragen Obdachlose nach einer Jacke oder Hose. Ein paarmal haben sich Bekannte was ausgesucht. Selber mag ich es nicht, gebrauchte Sachen zu tragen.

Pro Jahr machen wir mindestens fünf Säcke voll. Menschen sterben oder ziehen weg, ihr Geschmack ändert sich, ich weiß es nicht. Ich verstehe nicht, dass jemand seinen Anzug einfach hängen lässt.“ (Dragan)

Es wird Abend. Jovan geht ein paar Meter weiter Currywurst und Pommes Frites für sich und seine Tochter holen. „Ausnahmsweise!“ Dragan sieht auf die Uhr, er will aufbrechen, die Wäsche ausliefern, und dann nach Hause.

„Wenn wir hier vor die Tür gehen, kennen wir immer irgendwen. Gerade ältere Kunden suchen das Gespräch. Wer diesen Beruf macht, das ist vielleicht das Wichtigste, muss Menschen mögen. Mein Bruder scherzt gern, ich höre vor allem zu. Schön ist, wenn Erwachsene erzählen, dass sie schon als Kinder bei uns waren und ein Bonbon aus der Blechdose bekommen haben. Das gibt es bei uns bis heute. Nur fragen wir jetzt vorher die Eltern.

Ich fühle mich wohl im Kiez, aber wir haben tagsüber genug Kreuzberg. Darum wohne ich in Mariendorf. Mein Bruder wohnt in Tiergarten, wo wir aufgewachsen sind.

„Zu Hause wäscht meine Frau.“

In der Reinigung waschen wir mit Persil oder Ariel. Das kaufe ich auch für zu Hause. Wenn bei Lidl oder Aldi eine Großpackung im Angebot ist, fahren wir hin. Falls Sie noch einen Tipp für daheim wollen: Trockner sind Energieschleudern, und man muss damit umgehen können. Ich würde nie ein Kleidungsstück aus der Maschine holen und bis zum Schluss durchtrocknen. Ich trockne gerne an und lasse die Sachen dann über Nacht an der Luft hängen. Am nächsten Morgen noch mal für zehn bis 15 Minuten in den Trockner. Selbst Handtücher werden so butterweich.“ (Dragan)

„Ich wasche zu Hause grundsätzlich nicht. Das macht meine Frau. Die lässt sich da auch nicht reinreden.“ (Jovan)

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