"Ohne Beschneidung ist jüdisches Leben in Deutschland nicht möglich"

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Beschneidungs-Verbot : "Das dient nicht dem Kindeswohl"

Rabbiner Yehuda Teichtal von der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft Chabad Lubawitsch sieht die Politik in der Pflicht. „Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung Rechtssicherheit schafft durch eine Rechtsverordnung oder durch ein Gesetz, das die Beschneidung aus religiösen Gründen erlaubt“. Sie sei einer der zentralen Grundsätze im Judentum. Wenn es diese Möglichkeit nicht gäbe, wäre jüdisches Leben in Deutschland nicht denkbar. „Dann wären alle Bemühungen umsonst gewesen.“

Es gibt in der Stadt auch nichtreligiöse Berliner, die aus hygienischen Gründen im Kindesalter beschnitten wurden. Laut Bernd Tillig, Ärztlicher Leiter des Vivantes-Klinikums Prenzlauer Berg sowie Chefarzt und Direktor im Klinikum Neukölln, wurde „die rituelle Beschneidung bislang als Akt der Religionsausübung im Rahmen der Glaubensfreiheit im gesellschaftlichen Konsens toleriert, da aus diesen religiös motivierten Verhaltensweisen auch ein gewisser sozialer Nutzen für die Kinder entsteht“. Zudem sahen die Ärzte „ihre Aufgabe bisher darin, die Kinder vor Komplikationen durch nicht fachgerecht durchgeführte Beschneidungen durch Nichtmediziner zu schützen und den Eingriff lege artis durchzuführen“.

Yadollah Moazami-Goudarzi, iranischstämmiger Kinder-, Unfall- und Wiederherstellungschirurg aus Zehlendorf, sagte, er berate Eltern stets über Vor- und Nachteile der Beschneidung in der modernen Gesellschaft. Sie sei vor Jahrtausenden wegen der mangelnder Hygiene eingeführt worden, mindere aber Schutz und Sensibilität des Geschlechtsorgans. Es gibt auch Studien, nach denen der Eingriff vor Krebs schütze, HIV-Risiken senke. Einen Eingriff würde er nur mit Anästhesie im Krankenhaus vornehmen, damit die Kinder kein Trauma erleiden.

Anlass für das aktuelle Urteil war ein Fall, bei dem die Kölner Uniklinik die Polizei eingeschaltet hat, nachdem eine Mutter ihren vierjährigen Sohn nach einer Beschneidung mit Nachblutungen in die Klinik gebracht hatte. Die Richter sprachen den Arzt frei, da er es nicht habe besser wissen können.

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