Besuch in der Ermündigungswohnung : Im Reich der hundert Helferlein

Seit 2014 gibt es in Berlin die „Ermündigungswohnung“. Sie soll demonstrieren, wie selbstbestimmtes Leben im Alter möglich ist. Wir haben sie testen lassen von einer, die zur Zielgruppe gehört: der 74-jährigen Astrid Schilling aus Marzahn.

Julia Bernewasser
Funktional und trotzdem schick: Blick in die Ermündigungswohnung.
Funktional und trotzdem schick: Blick in die Ermündigungswohnung.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Astrid Schilling ist sprachlos. Tatsächlich. Dazu muss man wissen, dass die 74-Jährige ansonsten nicht auf den Mund gefallen ist. Nach einigen Sekunden sagt die Seniorin dann ein einziges Wort: „Irre.“

Astrid Schilling ist an diesem Tag mit dem Fahrstuhl in den sechsten Stock eines Gebäudes in Marzahn gefahren. Die Wohnung, die sie soeben betreten hat, ist vollständig eingerichtet: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche und Bad. Es handelt sich um eine so genannte „Ermündigungswohnung“, die lediglich zu Ausstellungszwecken genutzt wird. In der Bezeichnung steckt das Wort „mündig“. Die Initiatoren des Wohnungsprojekts wollen zeigen, wie selbstbestimmtes und damit mündiges Leben auch im hohen Alter möglich sein kann. Wie Senioren auch mit kleineren und größeren Gebrechen in ihrer eigenen Wohnung bleiben können – und dabei auf (fast) keine fremde Hilfe angewiesen sein müssen. 2014 wurde die Wohnung von OTB, einem Dienstleister in der Gesundheitsbranche, mit 50 Partnern aus Forschung, Industrie und Dienstleistung eingerichtet. Eine Traumwohnung für Senioren, so lautet das Versprechen. Aber ist sie wirklich so praktisch wie angekündigt? Erfüllt sie alle Wünsche? Und: Sind die Alltagshelfer auch bezahlbar? Astrid Schilling will das herausfinden.

Zentimeter um Zentimeter fährt die Matratze in die Höhe

Kaum ist sie oben angekommen, darf sie es sich schon bequem machen. In dem Schlafzimmer mit der türkisblauen Gardine steht ein – auf den ersten Blick – herkömmliches braunes, aus Holz gefertigtes Doppelbett. Astrid Schilling legt sich flach darauf. Anja Schlicht, die Mitarbeiterin bei OTB, die sie heute durch die Wohnung führt, drückt einen der Knöpfe an der Fernbedienung auf dem Nachttisch. Schon fahren Kopf- und Fußteil langsam nach oben. Lag die Dame mit der beigen Weste und der farblich abgestimmten Schirmmütze eben noch in der Waagerechten, so sitzt sie nun kerzengerade auf der Matratze. Und dann passiert das, was ihr ein zweites „Irre“ entlockt: Zentimeter um Zentimeter fährt die Matratze samt Astrid Schilling in die Höhe. Wie auf einem Thron sitzt sie nun da und schwebt über dem Bettgestell. „Jetzt fehlt nur noch der Fernseher“, sagt sie, als sie wieder zu ihrer gewohnten Gesprächigkeit gefunden hat. Auf Knopfdruck dreht Anja Schlicht die Matratze nun zur Bettkante und fährt Astrid Schilling so weit runter, dass sie das Bett ganz leicht verlassen kann – so als würde sie von einem Stuhl aufstehen. Wer seinen Partner zu Hause pflege, könne ihn über diese Funktion einfacher ins Bett bringen, erklärt Anja Schlicht. Während in der Regel ein Pflegebett zusätzlich zum Ehebett ins Schlafzimmer gestellt werde oder aber im Wohnzimmer Platz finden müsse, muss bei dieser Anfertigung nur die Matratze ausgetauscht werden. Der Bettkasten bleibt erhalten. Astrid Schilling findet das mehr als praktisch: „Das packe ich doch gleich ein“, sagt sie und lacht. Als Anja Schlicht den Preis verrät, muss Astrid Schilling dann aber doch schlucken: 9000 Euro. „Aua!“ Bei entsprechend nachgewiesenem Bedarf würden die Kosten eventuell von der Kasse übernommen, sagt Schlicht. Astrid Schilling hat da wenig Hoffnung. Sie hat aber bereits vorgesorgt und sich ein Bett mit höherem Einstieg geholt. „Für mich als kleine Person ist das optimal.“

Astrid Schilling ist nie um eine Antwort verlegen.
Astrid Schilling ist nie um eine Antwort verlegen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Astrid Schilling ist nicht nur eine kleine Person, sondern eine sehr lebensfrohe und gewitzte. „Wenn es mal zwickt, sage ich mir: Reiß dich am Riemen!“ Im September will sie ihren 75. Geburtstag groß feiern – mit ihren Kindern, den Enkeln und ja, sogar Urenkeln. Und trotzdem ist sie niemand, die nicht auch ernste Themen ansprechen kann. Dass die Zukunft nicht bloß aus Geburtstagfeiern besteht, weiß die Frau mit den kurzen grauen Haaren sehr gut. 2013 hatte sie einen Eingriff am Knie. Bis vor zwei Jahren sei sie nur mit Krücken unterwegs gewesen. Inzwischen gebe es Tage, an denen sie gut laufen könne, an anderen hinke ihr Bein hinterher. An ihrer rechten Hand trägt sie eine Bandage. Arthrose. „Besser wird das jetzt nicht mehr“, sagt sie. Kurz vor ihrer Operation war die gebürtige Wilhelmsruherin in ihre neue Wohnung in Marzahn gezogen. 71 Quadratmeter mit Balkon, 1. Stock, ohne Fahrstuhl. Hier lebt sie alleine, ihr Mann sei schon vor Jahrzehnten verstorben, ihre drei Söhne wolle sie nicht immer um Hilfe bitten. Nicht selten fragt sich Astrid Schilling: Wie kann ich auch noch in zehn Jahren in meiner eigenen Wohnung leben? Und welche Hilfsmittel können das Aufstehen, Anziehen und Waschen erleichtern? Bisher ist Astrid Schilling vor allem erfinderisch geworden. Zu Hause habe sie bloß eine Badewanne und Angst, auf der rutschigen Oberfläche zu stürzen. Bevor sie in die Wanne steige, lege sie diese mit Frotteetüchern aus und mache sie nass, bis sie am Wannenboden haften blieben.

Dass das ja alles viel einfacher gehe, zeigt ihr Anja Schlicht nebenan. Hier im beige gefliesten Badezimmer bittet Anja Schlicht sie, in der Badewanne Platz zu nehmen. Statt über das Becken zu steigen, muss Astrid Schilling nur die gläserne Tür öffnen, ebenerdig eintreten und sich dann auf einem speziellen schwarzen Wannenstuhl niederlassen. Von da aus geht es dieses Mal nicht in die Höhe, sondern – wieder per Knopfdruck – an den Boden der Wanne. Einziges Manko nach dem Bad: Das Wasser muss vollständig abgelaufen sein, erst dann kann die Tür wieder geöffnet werden.

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