Erinnerung an Hellmuth Karasek : Marcel Reich-Ranicki, Billy Wilder und sonnengelbe Chucks

Hellmuth Karasek ist tot, unser früherer Herausgeber und Autor. Eine persönliche Erinnerung mit Blick auf Marcel Reich-Ranicki, Billy Wilder und das Bayerische Viertel.

Klaus Wowereit, Helmut Karasek und Andrew Ranicki bei der Enthüllung der Gedenktafel für Marcel Reich-Ranicki in Berlin-Wilmersdorf.
Laudator Hellmuth Karasek, Klaus Wowereit und Andrew Ranicki schauen sich noch einmal den genauen Ablauf bei der...Foto: dpa

Wenn meine Mutter daheim im Ruhrgebiet um die Jahrtausendwende herum den Leuten erklären wollte, für welche Zeitung ihr Sohn da in Berlin eigentlich arbeitet, dann sagte sie: "Das ist die, bei der der Karasek schreibt." Zuletzt traf ich Hellmuth Karasek, den früheren Herausgeber und Autor des Tagesspiegels, als er vor einem Jahr bei uns im Berliner Kiez über Marcel Reich-Ranicki sprach. In der Güntzelstraße, wo Reich-Ranicki in den Dreißigerjahren gewohnt hatte, wurde eine Gedenktafel enthüllt.

Nach Klaus Wowereit und Andrew Ranicki, Sohn Marcel Reich-Ranickis, hielt Hellmuth Karasek eine Rede über seinen langjährigen Partner im Literarischen Quartett, aber auch - passend zum Bayerischen Viertel - über Billy Wilder, der 1927/28 am Viktoria-Luise-Platz gelebt hatte. Bei einem Berlin-Besuch gingen Wilder und sein Biograph Karasek an den Ort, an dem das im Krieg zerstörte Wohnhaus des Regisseurs gestanden hatte. Schon von weitem fiel Billy Wilder auf, dass an dem Nachfolgebau eine Gedenktafel hing. "Das hättest Du mir doch mal erzählen können", sagte Wilder - bevor sich herausstellte, dass die Gedenktafel nicht ihm sondern dem Komponisten Ferruccio Busoni galt. Noch zu Lebzeiten bekam dann Wilder ebenfalls dort seine Gedenktafel, mit der leicht ironischen Aufschrift, dass hier "auch" Billy Wilder gelebt habe.

Fröhlich und frei gesprochen

Ich fragte Karasek, ob ich die Rede im Kiezblog veröffentlichen dürfe und das Manuskript haben könne. Er sagte, da habe er nichts gegen, aber leider gebe es kein Manuskript. Der Achtzigjährige hatte fröhlich und frei gesprochen.

Vor dem Ereignis hatte ich mich gefragt, was ich anziehen soll. Ich bin nun einmal am liebsten mit Chucks und Polohemd unterwegs, entschied mich dann aber doch für Jackett und schwarze Lederschuhe. Und was trug Hellmuth Karasek zum feierlichen Anlass? Sonnengelbe Chucks ohne Schnürsenkel.

Marcel Reich-Ranicki und seine Familie
Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September 2016 im Alter von 93 Jahren. Sein Sohn Andrew Ranicki pflegte das Andenken seines Vaters und seiner Familie bis zu seinem Tod im Februar 2018. Er sammelte Texte und Bilder, von denen wir einige hier in unserer Online-Bildergalerie veröffentlichen dürfen. Los geht es mit einer Zeichnung, die das nicht immer einfache Verhältnis des Kritikers zum Rhetorikprofessor zum Thema hat. Andrew Ranicki war sehr interessiert herauszufinden, von wem die Zeichnung ist, die seinem Vater so gut gefiel, denn sie "hing mindestens 30 Jahre lang in seinen Arbeitszimmer zu Hause in Frankfurt". Nach kurzer Facebook-Diskussion war klar: Das Porträt der beiden Tänzer hat Hilke Raddatz für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Copyright: Hilke Raddatz
18.09.2018 10:40Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September 2016 im Alter von 93 Jahren. Sein Sohn Andrew Ranicki pflegte...

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Markus Hesselmann.

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Redaktion Tagesspiegel Leute und lebe im Bayerischen Viertel. Hier im Kiezblog geht es vor allem um Historisches zu diesem einst jüdisch geprägten Stadtquartier zwischen Schöneberg und Wilmersdorf.