"Ich sehe keine historische Monokultur."

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Gedenkstättenleiter zu Stolpersteinen : „Erinnerung mit Zwang funktioniert nicht“
"Alles, was erinnern hilft, ist gut." Johannes Tuchel, 57 (hier auf einem Archivbild), ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
"Alles, was erinnern hilft, ist gut." Johannes Tuchel, 57 (hier auf einem Archivbild), ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher...Foto: p-a/dpa

An wen richten sich die Stolpersteine eigentlich hauptsächlich? An die „Deutschen“ in ihrer Umgebung? Oder auch an die Hinterbliebenen von NS-Opfern in aller Welt?

Ganz eindeutig an beide Gruppen. Stolpersteine, Gedenktafeln, aber auch die seit 2011 bestehende Feier jeweils am 18. Oktober zur Erinnerung an die erste Deportation Berliner Juden ermöglichen es, dass nicht nur wir als Berliner bestimmter Ereignisse gedenken, sondern dass sich auch viele Hinterbliebene mit dem Schicksal ihrer ermordeten Verwandten auseinandersetzen können. Ich finde es sehr überzeugend, dass etwa zur Setzung von Stolpersteinen Hinterbliebene nach Berlin kommen, vielfach zum ersten Mal, und sich darüber freuen, dass in dieser Stadt an das Schicksal ihrer Angehörigen erinnert wird.

Stolpersteine: Es waren eine und einer und eine und einer und noch einer ...
Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den Nazis ermordet in Auschwitz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Mike Wolff
28.04.2014 14:15Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den...

Nun sind Stolpersteine in Berlin ja sehr etabliert, Bezirksämter helfen Initiativen und Initiatoren bei Recherche und Verlegung. Wie groß ist die Gefahr, dass es nun zu einer staatlich geförderten Monokultur des Gedenkens kommt?

Wir haben in Berlin nach der letzten Zählung fast 3.100 Gedenktafeln, die an historische Ereignisse erinnern, außerdem noch viele freistehende Denkmale. Im Bayerischen Viertel ist etwa das 80 Tafeln umfassende Denkmal „Orte des Erinnerns“  von Renata Stih und Frieder Schnock hervorzuheben. Da sehe ich die Gefahr einer historischen Monokultur nicht. Ich sehe auch keine Gefahr der Verbeamtung der Stolpersteinbewegung. Denn was die trägt, sind lokale und regionale Initiativen. Das sind Hausgemeinschaften, das sind Einzelne und Gruppen, die sich sehr stark für „ihre“ Stolpersteine engagieren. Dass das von der Verwaltung unterstützt wird, finde ich gut, denn hier ergänzt staatliches Handeln das Engagement.

Was aber, wenn dieses große Engagement überkippt in Feindseligkeit gegenüber anderen Formen des Gedenkens? Wenn etwa die israelische Künstlerin DESSA für ihre „Stolzesteine – Stones of pride“-Schau im Mitte Museum angefeindet wird, weil sie das Konzept „Stolperstein“ mit individuelleren Kunstwerken erweitert, kritisiert, verwirrt?

Gedenken kann immer nur dezentral funktionieren. Es kann nur funktionieren, wenn wir uns wirklich erinnern wollen. Und es kann nie nur über ein Medium funktionieren. Es muss künstlerische Formen der Erinnerung ebenso geben wie historische Gedenktafeln. Da kann ich wirklich nur sagen: Alles, was uns hilft, uns an die Berliner Geschichte zu erinnern, ist gut.

In diesem Kontext stellt sich natürlich auch die Frage nach einer erweiterten Dokumentation. Ein Stolperstein erzählt nur äußerst dürftig von einer Lebensgeschichte. Wir telefonieren hier im Rahmen einer Recherche, die die Geschichte hinter einem Stein erzählt - über Briefe, die die Berliner Jüdin Gertrud Kirsch an ihre nach England emigrierte Tochter geschrieben hat. Wie und wo sollten allgemein Geschichten hinter einzelnen Steinen verfügbar sein?

So etwas können sie längst nicht mehr zentral steuern. Es gibt so viele Schulprojekte, lokale Gruppen, Kiezspaziergänge, unterschiedlichste Formen, mit den Steinen umzugehen. Wichtig ist allein: Man sollte einen Stolperstein nie als einen isolierten Punkt betrachten. Er kann immer ein Ausgangspunkt sein. Und genau so, wie in einer Großstadt wie Berlin Erinnerung unterschiedlich funktioniert, kann es auch sein, dass man bei Stolpersteinen unterschiedlich in die Tiefe geht. Über viele der Personen, die mit Stolpersteinen geehrt werden, wissen wir ja fast gar nichts. Umso schöner ist es, wenn aus vielen Bereichen noch Lebensgeschichten erschlossen werden, die in einem lokalen Bezug stehen – sodass es für Gruppen vor Ort konkrete Anknüpfungspunkte gibt.

A propos Anknüpfungspunkte: Wir leben ja gerade in Zeiten, da Flucht und Vertreibung wieder sehr präsente Themen sind. Ist der Bezug zur Gegenwart etwas, was bei heutigem Gedenken eine explizite Rolle spielen sollte? Oder wird man damit der Geschichte nicht gerecht?

Wenn wir mit Erinnerungszeichen aller Art an Vergangenes erinnern, kann uns das helfen, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Aber es kann uns keine unmittelbaren Handlungsanweisungen für gegenwärtige Probleme geben. Stolpersteine erinnern an klare und eindeutige Menschenrechtsverletzungen, sie erinnern an Konzentrationslager, sie erinnern an Massenmord. Sie zeigen, dass wir in unserer gegenwärtigen Gesellschaft sehr vorsichtig und sehr sensibel auf politische Entwicklungen reagieren sollten. Wichtig ist aber: Allein, weil wir uns einen Stolperstein oder eine Gedenktafel angeschaut haben, sind wir nicht immun gegen totalitäre Herausforderungen.

Die letzte Frage bezieht sich noch einmal ganz konkret auf den Stoff unserer Recherche: Was wäre nun in Berlin ein guter Ort, Gertrud Kirschs Briefe zu archivieren und zugänglich zu machen?

Die Formen, wie man Materialien zugänglich machen kann, sind ja ganz unterschiedlich. Es gibt beispielsweise die Webseite stolpersteine-berlin.de, ich könnte mir vorstellen, die Briefe da in digitaler Form und natürlich mit einer Leseumschrift  zu veröffentlichen. Ob das Original hinterher im Landesarchiv oder im Jüdischen Museum liegt, ist zweitrangig. Und vielleicht ist ja auch der Onlinebereich des Tagesspiegels ein Ort, um solche Originaldokumente zu zeigen.

Mit Johannes Tuchel sprach Johannes Schneider. Eine gedruckte Doppelseite zum Thema Stolpersteine, zum Schicksal Gertrud Kirschs und zur Gedenkkultur im Bayerischen Viertel finden sie auf Mehr Berlin im gedruckten Tagesspiegel vom 7. November 2015.

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Markus Hesselmann.

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Redaktion Tagesspiegel Leute und lebe im Bayerischen Viertel. Hier im Kiezblog geht es vor allem um Historisches zu diesem einst jüdisch geprägten Stadtquartier zwischen Schöneberg und Wilmersdorf. Schicken Sie gern Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik per Email an die Adresse leute@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten! 

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