Als sich die Familie nicht mehr hinaustraut, plant sie die Flucht

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Jüdische Nachbarn im Bayerischen Viertel : Nach 72 Jahren: Heimkehr eines Vertriebenen

Vor vielen Berliner Häusern sind kleine, golden schimmernde Plaketten ins Pflaster eingelassen, sogenannte „Stolpersteine“. Sie erinnern an jüdische Bürger, die deportiert wurden. Schulz und Pfaff schwebt etwas anderes vor. Sie werden Teil einer Arbeitsgruppe, die sich auf eine lange Suche begibt. Schulz’ Recherche beginnt mit einem Blick in das alte Berliner Adressbuch. In den Listen stehen immer nur der Name des Familienoberhaupts und dessen Beruf. Schulz sitzt an seinem Wohnzimmertisch, fährt mit dem Zeigefinger durch die Namensreihen und liest das Schicksal seiner Vormieter an drei Zeilen ab:
– „1939: Rothholz, E., Kaufmann“.
– „1940: Rothholz, E., kaufmännischer Angestellter“.
Schulz macht eine Pause.
– „1941: Rothholz, E. Israel, Tiefbauarbeiter“.
Der Eintrag im Jahr 1942 fehlt. Auch ein anderer Name ist verschwunden, der jahrelang unter derselben Adresse verzeichnet war: „Landsberger, R., Apotheker“.

Es ist das Jahr 1933, als Richard Landsberger, seine Frau Johanna, der Sohn Kurt und seine jüngeren Zwillingsgeschwister in die Apostel-Paulus-Straße ziehen. So recherchiert es die Arbeitsgruppe. Die Landsbergers wohnen im zweiten Stock links, schräg gegenüber der Familie Rothholz. Dem Vater gehört eine gut laufende Apotheke, die Mutter umsorgt die Familie. Kurt Landsberger, der ältere Sohn, geht auf das Hohenzollern-Gymnasium in der Nachbarschaft. Die Landsbergers sind Familienmenschen. Oft unternehmen sie gemeinsame Spaziergänge, jeden Freitag kommt der Onkel der Kinder zum Abendessen. Wenn alle satt sind, spielt er einige Stücke auf dem Klavier. Die Kinder sind Mitglieder in einem jüdischen Sportverein, spielen Fußball, Handball und Tennis. Kurt Landsberger erinnert sich, wie sie mit Freunden Eis essen am Bayerischen Platz, die Polizeiautos beobachten, die mit Sirenen aus der Wache an der Apostel-Paulus-Straße rasen, an der anderen Straßenecke gibt es einen Kuhstall und frische Milch. Er ist damals elf Jahre alt.

Leben im Bayerischen Viertel
Die Stadtführerin und Autorin Gudrun Blankenburg auf dem Bayerischen Platz.Weitere Bilder anzeigen
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17.05.2011 14:18Die Stadtführerin und Autorin Gudrun Blankenburg auf dem Bayerischen Platz.

Dann werden erste Gesetze und Verbote erlassen, die Landsbergers Leben ändern sollen: Juden dürfen nicht mehr im Strandbad Wannsee baden oder in Gruppen wandern gehen, sie werden aus Vereinen ausgeschlossen. Bald werden Berufsverbote ausgesprochen. Richard Landsberger gibt seine Apotheke 1936 auf – ein Zwangsverkauf, weit unter dem eigentlichen Wert des Geschäfts. Für seine Kunden richtet er sich im Hinterhof des Wohnhauses ein provisorisches Labor ein, wo er Verdauungstees mischt.

Einmal, Kurt Landsberger darf in der Schule schon nicht mehr an Theaterproben teilnehmen, wird er nach dem Unterricht von Mitschülern verfolgt, rennt nach Hause und verschanzt sich hinter der Tür, bevor sie ihn erreichen können. Nun sind es nicht mehr nur Verbote, die den Landsbergers das Leben schwer machen. Eine Klassenkameradin kündigt der Schwester die Freundschaft. Das Mädchen ist verstört. Kurz darauf wechseln die Geschwister auf die jüdische Leonore-Goldschmidt-Schule am Hohenzollerdamm.

Die Landsbergers tragen den Judenstern, das Einkaufen wird zur Qual. Sie trauen sich nicht länger an Orte, an denen sie unerwünscht sind. Stattdessen planen sie die Flucht. Im April 1938 reisen die Eltern nach Detroit, wo sie Verwandte haben und mit deren Hilfe Visa organisieren.
Doch zurück in Berlin wird Richard Landsberger verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Ein Nachbarsjunge beobachtet, wie zwei Gestapo-Männer den Apotheker aus dem Haus zerren. Es ist das Touristenvisum aus den USA, das ihn rettet. Die Nazis lassen ihn frei – unter der Bedingung, dass er Deutschland binnen vier Wochen verlässt.

Ein letzter Blick. Familie Landsberger ließ 1939 kurz vor ihrer Odyssee ein Bild von sich machen. Kurt, der ältere Sohn, blickt direkt in die Kamera.
Ein letzter Blick. Familie Landsberger ließ 1939 kurz vor ihrer Odyssee ein Bild von sich machen. Kurt, der ältere Sohn, blickt...Foto: privat

Vor seiner Abreise machen die Landsbergers noch einen Termin beim Fotografen, für ein letztes Familienbild. Die Eltern sitzen vorne, die Gesichter einander zugewandt. Sie lächeln. Die Zwillinge im Hintergrund blicken auf ihre Eltern herab, Kurt Landsberger ist der Einzige, der direkt in die Kamera blickt. Er hat schwarzes Haar, ein längliches Gesicht, markante Brauen. Er ist 17 Jahre alt und weiß nicht, ob er seinen Vater noch einmal wiedersehen wird. Am 7. Januar 1939 lässt Richard Landsberger seine Familie in Berlin zurück. An seiner Stelle zieht sein Bruder Franz in die Wohnung ein. Er ist Jurist und darf nicht mehr in seinem Beruf arbeiten.

Nachdem Richard Landsberger fort ist, nimmt die Drangsalierung durch die Nazis neue Dimensionen an: Am Bayerischen Platz dürfen Juden nur noch die gelb markierten Sitzbänke benutzen, einkaufen nur am Nachmittag zwischen 16 und 17 Uhr, sie müssen Schmuck und Silber abgeben und können grundlos ihrer Wohnung verwiesen werden.

Die Nationalsozialisten schließen auch die jüdische Schule, auf welche die Geschwister gewechselt waren. Kurt Landsberger arbeitet von nun an als Lehrling für eine jüdische Firma und repariert Motoren. Als das Geschäft an einen „Arier“ verkauft wird, kann er trotzdem bleiben. Im Februar 1940 erhalten Johanna Landsberger und ihre drei Kinder die beantragten Visa und flüchten. In New York ist die Familie schließlich wieder vereint.
Nur Franz Landsberger, der Onkel der Kinder, bleibt zurück. Er wohnt jetzt bei Familie Rothholz. Angst um sein eigenes Leben hat er nicht, er war doch Frontsoldat im Ersten Weltkrieg. Drei Wochen nach der Abreise seiner Verwandten schreibt er einen Brief an seinen Neffen Kurt. Die Gestapo habe das Haus durchsucht, um ihn, Kurt, zu verhaften, berichtet er. Dann reißt der Kontakt nach Amerika ab. Im September 1942 wird er deportiert und stirbt in einem Konzentrationslager in Estland.

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Markus Hesselmann.

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Redaktion Tagesspiegel Leute und lebe im Bayerischen Viertel. Hier im Kiezblog geht es vor allem um Historisches zu diesem einst jüdisch geprägten Stadtquartier zwischen Schöneberg und Wilmersdorf. Schicken Sie gern Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik per Email an die Adresse [email protected] oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten! 

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