Der Brief trägt den Stempel: "Abgereist, ohne Angabe der Adresse"

Seite 3 von 3
Jüdische Nachbarn im Bayerischen Viertel : Nach 72 Jahren: Heimkehr eines Vertriebenen

70 Jahre später blättert Peter Schulz durch einen Ordner, in dem er seine Recherchen dokumentiert hat. Sie führten ihn und seine Nachbarn ins Stadtarchiv, die Geschichtswerkstatt, die Jüdische Gemeinde und zum Friedhof in Weißensee, in die Landesarchive von Berlin und Potsdam, zu Gedenkbüchern und jüdischen Nachrichtenblättern und nach Yad Vashem, der weltweit größten Holocaust-Gedenkstätte mit wissenschaftlichem Archiv in Jerusalem. Sie schickten Namen an den internationalen Suchdienst ITS, veröffentlichten Anzeigen beim Berliner Senatsportal und suchten Verwandte auf Facebook. Sie fanden Deportationslisten, Entschädigungsanträge von Überlebenden, Passagierlisten von Flüchtlingen, Einbürgerungsdokumente, Vermögenserklärungen. Todesanzeigen verrieten Namen von Nachfahren.

Sie haben die Suche nach den jüdischen Vormietern begonnen: Peter Schulz und seine Freundin Stefanie Arnold wohnen im ersten Stock des Hauses.
Sie haben die Suche nach den jüdischen Vormietern begonnen: Peter Schulz und seine Freundin Stefanie Arnold wohnen im ersten Stock...Foto: Georg Moritz

Den Dielenboden im Flur hat Peter Schulz in der Zwischenzeit renoviert. Dabei findet er unter dem Parkett Pfennigstücke aus den 30ern, ein winziges grünes Plastikpferd und einen Spielzeugelefanten. „Die Spielsachen müssen Wolfgang Rothholz gehört haben“, sagt Schulz. Aus den Akten hat er erfahren, was aus ihm wurde.

Es ist ein Montag, der 1. März 1943, als die Gestapo die restlichen Mieter in ihren Wohnungen zusammentreibt und abtransportiert. Wolfgang Rothholz ist mit elf Jahren der Jüngste. Früh am Morgen müssen er und seine Eltern zum Bahnhof Moabit, zum 31. Osttransport, Auschwitz. 1719 weitere Personen fahren mit diesem Transport. Rund 150 Männer von ihnen kommen als Häftlinge in das Lager, der Rest wird in den Gaskammern umgebracht – auch Eduard, Hertha und Wolfgang Rothholz.

Vor der Deportation verfasst die Familie einen Brief an den Bruder von Eduard Rothholz, der in Australien lebt. „Wir werden wohl unsere Adresse verändern – jetzt arbeite ich in einer Fabrik“, berichtet Frau Rothholz. In unbeholfener Schreibschrift steht unter dem Text: „Viele Grüße, Wolfi“. Der Bruder antwortet, der Brief vom Juli 1943 schafft es nach Berlin, dann bekommt er eine grün-weiße Marke mit dem Stempel „Abgereist, ohne Angabe der Adresse“.

Peter Schulz fand Brief und Umschlag zwischen vergilbten Akten im Entschädigungsamt, wo Rothholz’ Bruder nach dem Krieg Geld für den Tod seiner Verwandten einforderte. Hier ist auch das Datum der Deportation vermerkt. Nach jahrelangem Warten wurden den Erben 6480 Deutsche Mark zugestanden – die Summe entspricht dem Verdienstausfall des Bruders in den Jahren 1937 bis 1945. Peter Schulz blickt auf die Entschädigungssumme auf dem Papier, die Zahl ist doppelt unterstrichen. „Sechstausend Mark für drei Menschenleben“, sagt er, „das ist erbärmlich.“

An der Hausfassade hängt jetzt eine Gedenktafel, die an die ehemaligen jüdischen Mieter erinnert.
An der Hausfassade hängt jetzt eine Gedenktafel, die an die ehemaligen jüdischen Mieter erinnert.Foto: Annika Sartor

Drei Jahre hat die Spurensuche gedauert. Die Arbeitsgruppe hat sich schließlich dafür entschieden, die Namen der jüdischen Vormieter im Treppenhaus aufzulisten. Eine weitere Gedenktafel soll in die Fassade des Hauses eingelassen werden – „untrennbar mit dem Gebäude verbunden“. Darauf steht: „Den 28 Nachbarn, Frauen, Männer und Kinder, die in diesem Haus lebten und von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.“

Bevor die Widmung enthüllt wird, will Kurt Landsberger noch einmal seine alte Wohnung sehen. Der Aufstieg in den zweiten Stock fällt ihm schwer, mit der rechten Hand stützt sich Landsberger auf das hölzerne Treppengeländer. Nach mehr als 72 Jahren betritt er sein altes Zuhause: 130 Quadratmeter, knarrende Dielen, Balkon zur Straße. Hier feierte er seine Bar Mitzwa. Zögernd blickt er in jeden Raum, seine beiden Töchter folgen ihm. „War das das Wohnzimmer?“, fragt eine von ihnen im größten Raum der Wohnung mit Bücherregalen bis zur Decke. „I guess so“, sagt Landsberger, „vermutlich“. „Welches war dein Zimmer?“ Achselzucken. „Wo stand das Klavier?“ Landsberger deutet unsicher mit dem Zeigefinger in eine Ecke.

Er ist den jetzigen Bewohnern seines alten Hauses dankbar für ihre Suche. In den USA hat er ein neues Leben begonnen, mit zehn Mark in der Tasche und holprigem Schulenglisch. Zunächst finanzierte er in New York das Leben seiner Eltern und Geschwister, arbeitete in allen Jobs, die er bekommen konnte, montierte Spiegel, reparierte Lüfter, saß an Maschinen, die Männersocken strickten. Dann wurde er 1944 in die Armee eingezogen, musste nach England, Frankreich, Belgien – und Deutschland. Nach dem Krieg fand er einen Job in der Plastikindustrie, den er 45 Jahre lang behielt. Er führe ein schönes Leben, sagt Landsberger. Florida im Winter, im Sommer New Jersey.

Er ist mit gemischten Gefühlen hier nach Berlin gekommen. Seine Schwester hat die Reise verweigert. Bevor er die Treppen wieder hinabsteigt, deutet Landsberger auf einen schweren Ledersessel am Fenster vor dem Balkon. „We had a sessel like this, too“, sagt er diesmal und nickt.

Auf dem Weg nach unten geht er an der alten Wohnungstür der Familie Rothholz vorbei. Aber an die Nachbarn erinnere er sich nicht, sagt er. An keinen von ihnen. Dann dreht er sich um und geht zurück auf die Straße, in der er als Zehnjähriger Fahrradfahren lernte.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an: [email protected]

Autor

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Markus Hesselmann.

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Redaktion Tagesspiegel Leute und lebe im Bayerischen Viertel. Hier im Kiezblog geht es vor allem um Historisches zu diesem einst jüdisch geprägten Stadtquartier zwischen Schöneberg und Wilmersdorf. Schicken Sie gern Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik per Email an die Adresse [email protected] oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten! 

17 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben