Schauspieler kann man beschäftigen - oder gleich heiraten

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Berliner Wurzeln : Keine ganz normale Familie: Die Wölffers, Theaterclan vom Ku'damm

„Ich habe viel gespielt, wenn Juhnke unpässlich war“, sagt der Ex-Direktor, selbst ausgebildeter Schauspieler, der bis zur Übernahme des Boulevardtheaters nur klassische Rollen annahm. Wenn der Chef nun auf der Bühne auftauchte, wusste natürlich niemand, dass Juhnke bei ihm zu Hause auf dem Sofa lag, um auszunüchtern. Vorher hatte er noch Wölffer seine Rolle abgehört.

Die Familie hat ja ein osmotisches Verhältnis zu ihren Schauspielern, alle Direktoren haben eine geheiratet. „Man muss seine Chancen wahren“, hat ihm sein Vater immer gesagt. Und das eher unternehmerisch gemeint.

Jürgen Wölffer erinnert sich an eine Fahrstuhlfahrt mit seinem Vater zu einer wichtigen Geschäftsverhandlung. „Wir haben alle Trümpfe in der Hand. Jetzt wirst du mal sehen, wie man damit umgeht.“ Auf dem Weg zurück standen sie im selben Fahrstuhl. „Aber Papa, du bist ja gar nicht zu Wort gekommen!“ – „Meine Waffe ist meine Bescheidenheit“, habe er da gesagt.

Seine Söhne waren aus anderem Holz

Seine Söhne waren aus anderem Holz. Christian war der kleine Bruder, der immer älter ausgesehen hat und mit Grit Böttcher zusammen war. Er hat selbst Regie geführt und auch mit seinem Bruder auf der Bühne gestanden. Er hat noch Geschäftsanteile am Theater und ein Kapitänspatent.

Jürgen Wölffer spielte auch selbst an seinem Theater
Auf offener Bühne. Jürgen Wölffer sprang ein, wennn Harald Juhnke zu betrunken war.Foto: promo

„Mein Vater war eine Respektsperson. Ich habe mich immer als Kollegen verstanden“, sagt Jürgen Wölffer. Er konnte mit den Leuten reden und war stolz darauf, nie einen Anwalt zu brauchen. Aber sein diplomatisches Meisterstück war privater Natur. Er hat seinem Schauspieler Wolfgang Spier die Frau ausgespannt. Nicht nur, dass es ohne Rechtsanwalt abging, noch besser: Spier bewies Größe und war Trauzeuge bei seiner Hochzeit mit der Schauspielerin Christine Schild. „Ich habe keine Feinde, weil ich keinen Charakter habe“, seufzt Jürgen Wölffer.

„Es fühlte sich ganz natürlich an“, sagt die erste Generation Wölffer auf dem Dahlemer Sofa über das Theater ihres Lebens. „Es ist ein Glück“, sagt die zweite. „Ein Irrsinn, eigentlich“, sagt die dritte.

Martin Woelffer, der nun seit zehn Jahren Direktor ist, haderte lange mit dem Theater, das Programm fand er verpupt. Und das „oe“ ist jetzt kein Tippfehler. Um von der Familie unabhängig zu werden, unternahm er mehrere Dinge. Er ging nach Madrid, um dort zu studieren. Er gründete 1990 eine kleine eigene Bühne, das „Magazin“. Und er behielt als Einziger das oe statt des ö in „Wölffer“, das die Familie einer alliierten Schreibmaschine ohne Umlaute zu verdanken hatte.

„Aber man kann vor der Lebensaufgabe, die ja eigentlich die ganze Zeit da liegt, nicht weglaufen.“ Auch MartinWoelffer, dritte Generation, 50, sitzt deshalb nun im Restaurant Dressler, eingeklemmt zwischen den Bühnen, seit mehr als 90 Jahren von der Familie bespielt. Niemand würde heute mehr ein Theater eröffnen, sagt Woelffer. „Irrsinn – ein derartiges Risiko. Weil das Projekt nicht auszurechnen ist.“

Boulevard hört sich ja immer so leicht an. Aber das Theater ist ein Riesentanker, den der Direktor irgendwo zwischen Markt und Muse manövrieren muss. Und am Steuer steht kein ausgebildeter Wirtschaftsfachmann, sondern ein Künstler, der auch die unternehmerischen Entscheidungen fällt.

Dass auch er sich da hineinwerfen musste, wurde Martin Woelffer klar, als 1988 plötzlich sein kleiner Bruder starb. Der schlaue, vielversprechende Junge, Michael, den man tot in einem Wiesbadener Hotelzimmer fand. Martin überbrachte seinem Vater die Nachricht und sagte noch draußen auf der Treppe, dass der nun auf ihn zählen könne.

Die Familie, sagt Martin Woelffer, rückte enger zusammen. Sechs Jahre später starb seine Mutter in ihrer Wohnung in New York, merkwürdig unglücklich gestürzt. Freunde kamen ums Leben. Da hatte sich die ganze Familie auf das leichte Fach spezialisiert – aber das Leben hinter den Kulissen war von einem Lustspiel weit entfernt. Irgendwann kam Martin Woelffer zur Gestalttherapie, „weil ich anfing, mit dem Tod zynisch umzugehen“. Er machte eine Familienaufstellung und hat diese Arbeit neben seiner Tätigkeit als Theaterdirektor verfolgt. Bis zum Zertifikat. Heute bietet er selbst Aufstellungen an.

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