Eine Berliner Jüdin erzählt aus ihrem Leben : „Die Perestroika brachte mich nach Deutschland“

Nora Gaydukova kam mit ihrer russisch-jüdischen Familie aus St. Petersburg nach Berlin – über Bad Pyrmont und Hannover. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Nora Gaydukova in Berlin.
Nora Gaydukova in Berlin.Falko Siewert / Jenny Posener im Auftrag des Zentralrats der Juden

Dr. Nora Gaydukova kam vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in St. Petersburg, damals Leningrad, zur Welt. Sie wuchs in einer bürgerlich-akademisch geprägten jüdischen Familie auf. Nach der Perestroika verließ ihre Familie in den frühen 1990er Jahre die Sowjetunion. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin lebt heute in Berlin. Sie leitet eine bilinguale Kunst- und Literaturwerkstatt.

Haben Sie Diskriminierung erfahren?
Beschimpft wurde ich nie, aber diese subtile Form des Antisemitismus erlebte ich in der Sowjetunion ständig. Es gab in der UdSSR den staatlich verordneten Antisemitismus von oben. In meinem Pass – daran erinnern sich viele von uns Immigranten – stand unter der Spalte 5 als Nationalität „Jüdisch“.

Dieser Eintrag hat mir beruflich immer wieder Probleme bereitet. Es gab eine klare gesellschaftliche Reihenfolge: Russen, Bewohner der sonstigen Ost-Blockstaaten oder Ausländer und zuletzt wir jüdischen Bürger. „Jude“ war in der UdSSR in der Nachkriegszeit ein Schimpfwort.

Die erste deutliche Ausgrenzung erfuhr ich nach dem Examen meines Urbanistik-Studiums. Trotz glänzender Noten und der Unterstützung meines Professors bekam ich immer wieder Absagen von der Universitäts-Leitung. Statt meiner bekamen Kommilitonen mit slawischen Namen die Stelle. Nach fünf negativ verlaufenden Versuchen wollte ich aufgeben.

Da ergab sich plötzlich doch noch eine Möglichkeit – ich bekam einen Platz als Doktorandin in der Architekturabteilung in Leningrad. Mein Promotionsthema: Siedlungen in Sibirien, in den Städten mit Gas- und Ölproduktion in Surgut, Nadim und Novij Urengoj.

Im Alter von 30 Jahren war ich promovierte Stadtplanerin, aber während meine Kollegen Karriere machten und finanziell höhergestellt wurden, wurde mir die Beförderung stets verwehrt und meine Arbeit immer wieder torpediert. Eine internationale Konferenz, die ich organisiert hatte, wurde kurzerhand abgesagt. Ich sei nicht kommunistisch genug, so die Anschuldigung. Erst nach der Prestrojka wurde meine wissenschaftliche Arbeit voll anerkannt.

Welches Lebensereignis hat Sie sehr geprägt?
Diese Diskriminierungen hinterließen Spuren. Ich hasste den Sozialismus – ich empfand ihn als einen Alptraum. Auch im Alltag war das Leben in der UdSSR ein Kampf: Allein die Organisation der Verkehrsmittel. Wir warteten meistens eine Stunde auf den Bus oder die Tram und in St. Petersburg ist es oft kalt und windig. Ich litt unter chronischer Entzündung der Atemwege.

Ich wohnte mehrere Jahre in einer Wohngemeinschaft (Kommunalka). Die Wohnungen waren marode, es stank, es war schmutzig. Ich gehörte zwar zur absoluten sozialen Elite, trotzdem lebten wir am Existenzminimum. Das Geld reichte meistens gerade für das Nötigste.

Gaydukova wuchs in der ehemaligen Sowjetunion auf. Kurz nach der Wende kam sie nach Berlin.
Gaydukova wuchs in der ehemaligen Sowjetunion auf. Kurz nach der Wende kam sie nach Berlin.Privatarchiv von Frau Gaydukova

Meine familiäre Prägung ließ sich mit der sozialistischen Denkart nur schwer vereinbaren. Ich bin Jahrgang 1949. Seit fünf Generationen lebte meine Familie in Leningrad/St. Petersburg. Eine Familie mit akademischer Tradition: Alle meine Vorfahren waren Ärzte, meine Mutter und mein Vater und meine Großeltern, mein Vater war Professor der Medizin.

Mein Vater lebte seine jüdische Religion nicht, war aber ein glühender Zionist. Er studierte in der Sowjetunion Hebräisch und zog nach der Perestroika nach Israel. Dort blieb er 30 Jahre bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr mit 94 Jahren. Er wurde dort begraben.

Wie fühlte sich der Start in Deutschland an?
Auch mein Leben veränderte sich mit der Perestroika und brachte mich schließlich nach Deutschland. Zuvor hatte ich mich in St. Petersburg als Immobilienberaterin selbständig gemacht. Mein Geschäftsmodell: Ich suchte für wohlhabende Kunden anlagegünstige Immobilien, die die alte Pracht St. Petersburgs widerspiegelten, und sanierte sie schlüsselfertig.

Damals ein lukratives Geschäft, aber offensichtlich zu lukrativ. Die Konkurrenz versuchte mich auszuschalten – auf russische Art jener Epoche, es waren wilde 90er Jahre mit hoher Kriminalität. Ein gewalttätiger Übergriff gab den letzten Anstoß, 1997 auszuwandern.

Ich siedelte mit meinem Mann, einem Tataren, und unserer dreijährigen Tochter zunächst nach Pad Pyrmont um. Meine ältere Tochter blieb in St. Petersburg zurück, kam allerdings zehn Jahre später – nach der Geburt ihres ersten Kindes – ebenfalls nach Deutschland.

Ich kannte das europäische Ausland von mehreren Wissenschaftskongressen, an denen ich teilgenommen hatte. Deutsch hatte ich seit meinem vierten Lebensjahr in der Schule und später an der Universität gelernt, daher fanden wir uns schnell zurecht. Nach der Ankunft lebten wir einen Monat in einer Flüchtlingsunterkunft, fanden dann aber sehr schnell eine Wohnung und mein Mann einen Job in Hannover. Er arbeitete dort als Mediziner in einer Klinik, ich besuchte die Universität in Dortmund und pendelte.

In Deutschland kam mir am Anfang alles perfekt vor: Es herrschte im Vergleich zu St. Petersburg ein gutes Klima, es gab Sicherheit, die Lebenskosten waren günstig. Ich erinnere mich an das Wochenend-Ticket, damit fuhren wir für wenig Geld als Familie mit der Bahn durch Deutschland. Ein Traum!

Was war schwer für Sie?
Mein Mann verlor nach vier Jahren seine Anstellung und ein neues Angebot brachte uns nach Berlin. Ich habe diese Stadt am Anfang gehasst. Wir fanden keine Wohnung. Im Vergleich zu der gut etablierten Bürgerlichkeit in Hannover waren die Menschen hier schlecht gekleidet, ungemütlich. Die Stadt fand ich schmutzig und chaotisch – einen Moloch.

Nora Gaydukova leitet seit 2008 eine Kunst- und Literaturwerkstatt.
Nora Gaydukova leitet seit 2008 eine Kunst- und Literaturwerkstatt.Falko Siewert / Jenny Posener im Auftrag des Zentralrats der Juden

Aber es gab auch gute Seiten: Meine Tochter profitierte von dem guten Schulniveau in Hannover und kam hier in Berlin sofort auf das Gymnasium. Und ich selbst fand den Weg über eine Berliner Bekannte zurück in die jüdische Gemeinde.

Welche Rolle spielt für Sie Religion?
Inzwischen eine große. Für mich ist die Religion sehr wichtig für die Lebensanschauung geworden. Sie hilft mir, wenn Chaos im Kopf und um mich herum herrscht, wieder Ordnung herzustellen. Ich besuche freitags, samstags und an Feiertagen die Synagoge in der Joachimsthaler Straße. Das tut mir sehr gut. Ich treffe dort Freunde, genieße die Gemeinschaft und die mentale Unterstützung unseres Rabbis Ehrenberg.

Nach dem Tod meines Mannes im Jahre 2011 half er mir über den Schmerz. Ein paar Jahre später stellte er mir meinen jetzigen Lebenspartner vor. Meine Berliner Synagoge ist besonders, denn es sind dort einige, die eigentlich per Geburt keine Juden sind, aber zum Judentum konvertieren wollen. Normalerweise wirst du als Jude geboren, d. h. du hast quasi kein Entkommen – das ist etwas sehr Spezielles. Aber unsere Gemeinde sieht das anders: Wir sprechen von einer „jüdischen Seele“, die es zu akzeptieren gilt.

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Ist Religion für Sie im Alter wichtiger geworden?
Ja, auf jeden Fall. Als junges Mädchen spielte Religion für mich faktisch keine Rolle. Religiosität erlebte ich bei meiner Großmutter. Sie zelebrierte alle jüdischen Feste, es gab gedeckte Tafeln bei ihr im Esszimmer, zum Beispiel Gefilte Fisch, was mich als kleines Mädchen natürlich beeindruckt hat.

Aber in der Sowjetunion war es nicht wirklich möglich, Religion auszuüben. Die Synagoge war zwar nicht zerstört worden, aber sehr runter­gekommen, sehr ungepflegt, ich weiß nicht mehr, ob dort Schabbat-Gottesdienste stattfanden. Im Gegensatz zu heute: Ich fahre regelmäßig nach St. Petersburg und besuche dort die Große Choral-Synagoge, die drittgrößte Synagoge der Welt. Eine US-amerikanische Familie namens Sofra hat die Sanierung finanziert und ein Juwel daraus gemacht. Jüdische Russen haben im heutigen Russland nicht mehr die Probleme wie zu Sowjetzeiten.

Was geben Sie an ihre Kinder und Enkel weiter?
Mir ist wichtig, dass sie studieren, dass sie ihre eigenen Ziele verfolgen. Und ich wünsche mir natürlich, dass sie heiraten und Kinder bekommen und ihr Judentum leben. Ich mache mir allerdings Sorgen um die Zukunft unserer Gemeinden in Deutschland. Ein kleines Hobby von mir ist es, Bekannte nach ihrer Einschätzung zu fragen: Wie viele Menschen jüdischen Glaubens leben in Deutschland?

Die Antworten sind oft kurios, liegen meist zwischen einer bis sogar zehn Millionen. Doch in Wirklichkeit liegt die Zahl bei knapp 150.000. Ich gehe davon aus, dass die Zahl leider sinken wird. Vollkommen unverständlich ist für mich, dass derzeit immer mehr Menschen in Deutschland denken, von uns Juden ginge eine Bedrohung aus.

Dieses Gespräch stammt aus dem Buch „Mutige Entdecker bleiben“. Darin berichten fünf jüdische und fünf muslimische Seniorinnen und Senioren über ihr Leben und ihre Perspektiven auf den jüdisch-muslimischen Dialog. Das Buch, das am 17. Dezember 2019 im Verlage Hentrich & Hentrich erscheint, ist Teil der jüdisch-muslimischen Dialogreihe des Zentralrats der Juden in Deutschland „Schalom Aleikum“.

Das Buch wird am 22. Dezember 2019 von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz (CDU), die das Projekt fördert, auf dem Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Berlin vorstellt. Bestellen unter ISBN 978-3-95565-369-9. Zum Projekt: www.schalom-aleikum.de.

Das Interview führte Verena Schulemann im Auftrag des Zentralrats der Juden.