• Nachbarschaft

    Hans-Peter Hubert, 58, ist Politikwissenschaftler und Organisator von leiser-bergmannkiez. Eine Kiezbewohnerin bezeichnet ihn auch als „Kopf und Herz“ der 2012 gegründeten Initiative, die sich für Verkehrsberuhigung, gegen Lärm und Luftverschmutzung einsetzt.

    Um welchen Lärm geht es Ihrer Initiative leiser-bergmannkiez?

    Im Fokus unserer Initiative ist der Verkehrslärm. Der Bergmannkiez ist besonders betroffen von der dynamischen Entwicklung Berlins seit der Jahrtausendwende, mit einer erheblichen Zunahme des motorisierten Verkehrs. Ein großer Teil davon nutzt unseren Kiez als Durchfahrtsstrecke in Nord-Süd-Richtung zwischen Berlin-Mitte und der Autobahnauffahrt Tempelhof – inzwischen fahren sogar die Flixbusse durch unseren Kiez. Dadurch ist die Lärmbelastung für die Anwohner*innen in einem unerträglichen Maße angestiegen – was durch die zahlreichen Kopfsteinpflasterstraßen im westlichen Bergmannkiez noch verstärkt wird.

    Gab es einen konkreten Auslöser für die Gründung der Initiative?

    Als 2012 einzelne Kiezbewohner*innen von der Bürgerbeteiligung zum Lärmaktionsplan 2013-2018 für das Land Berlin erfuhren und zur Diskussion in den Wasserturm einluden, zeigte sich, wie viele Anwohner*innen inzwischen „die Ohren voll“ hatten und nicht mehr bereit waren, Schlafstörungen und ähnliche Probleme hinzunehmen. Wir stellten dann fest, dass bislang keine unserer Kiez-Straßen Bestandteil des Lärmaktionsplans waren, nicht einmal die Route Zossener-/ Friesenstraße. Aus den Wasserturm-Treffen entstand dann unsere Initiative mit der Forderung einer Sperrung für den durchfahrenden motorisierten Individualverkehr. Unsere Sperrungs-Forderung lehnte der Senat zwar ab, aber immerhin: Seitdem ist der Bergmannkiez mit der Friesenstraße Teil des Lärmaktionsplans. Was wir damals nicht wussten: Dadurch konnte der Senat EU-Fördermittel für die bald geplante Asphaltierung der Friesenstraße beantragen.

    Wer engagiert sich bei leiser-bergmannkiez?

    Anwohner*innen aus dem Bergmannkiez. Wir organisieren uns einerseits als Orga-Team, das derzeit aus sieben Personen besteht und für alle offen ist, die sich längerfristig engagieren wollen. Zweitens laden wir – wenn wichtige Themen anstehen – zu Verkehrsgesprächen in den Wasserturm ein. Beim letzten Mal waren immerhin rund 100 Personen anwesend. Dazwischen informieren wir über einen Mailverteiler und unsere Webseite.

    Auf der Website steht, Mitglieder von Leiser-bergmannkiez haben „in Eigeninitiative Lärm-Messungen durchgeführt. Handelt es sich dabei nicht um sehr aufwendige Verfahren? Wie sind Sie da herangegangen?

    Natürlich ersetzen unsere Messungen nicht flächendeckende Erhebungen. Aber es gibt in unserem Team auch Experten, die sich beruflich mit Verkehrsplanung beschäftigen. Mit ihrem Wissen haben wir zum Lärmaktionsplan stichprobenartige Erhebungen gemacht. Und: Für einen rbb-Abendschau-Beitrag war der Vorsitzende des Arbeitsrings Lärm der DEGA, Herrn Jäcker-Cüppers, unser Gast. Mit seinem Hand-Messgerät hat er an der Friesenstraße bei Tempo-30-Verkehr bis zu 85 Dezibel (Anm.: über 80 heißt „sehr laut“) gemessen. Dadurch konnten wir immerhin nachweisen, dass Handlungsbedarf besteht, was von offizieller Seite dann ja auch bestätigt wurde. In aktuellen Lärmkarten ist die Zossener- und Friesenstraße inzwischen mit „Alarmstufe rot“ eingezeichnet.

    Was steht aktuell an?

    Aktuell sind von Senats- und Bezirks-Seite für den Bergmannkiez folgende Verkehrsmaßnahmen in Planung: Die für dieses Frühjahr geplante Asphaltierung der Friesenstraße, die für den Herbst geplante Einführung der Parkraumbewirtschaftung und die geplante Testphase zur „Begegnungszone Bergmannstraße“. Aber: All das löst nicht das Kernproblem des Verkehrslärms in unserem Kiez. Daher setzen wir uns als Initiative auch weiterhin für unsere Forderung nach Sperrung für den Durchgangsverkehr ein. Und: In den vergangenen Jahren haben wir gelernt, wie wichtig eine echte Bürgerbeteiligung ist, an der die Bürger*innen nicht nur alibimäßig beteiligt werden. Auf unsere Anregung hin wurden im Bergmannkiez Gesprächsrunden mit der Bezirks- und Senatsverwaltung zum Thema Verkehrsgestaltung etabliert. Gerade sind wir dabei, diese Ebene mit dem Bezirksstadtrat und weiteren Akteuren im Kiez auszubauen.

    Interview: Corinna von Bodisco

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

der 1. Mai naht, und mit ihm die alljährlichen Kampfansagen aus allen politischen Richtungen. Besonders kampflustig gibt sich dieses Jahr die CDU: Sie will mit einer Kundgebung auf dem Oranienplatz gegen linke Gewalt demonstrieren. „Wir erleben im Bezirk eine massive Zunahme von Gewalt gegen alles, was neu ist, wie das Hotel Orania oder Gewerbetreibende“, sagte mir der Kreuzberger CDU-Abgeordnete Kurt Wansner, der die Veranstaltung angemeldet hat. Das sei ebenso wenig hinnehmbar wie die fortschreitende Gewalt gegen die Polizei. Ob Wansners Veranstaltung allerdings genehmigt wird, ist keineswegs sicher: In der Vergangenheit hatte die CDU bereits mehrmals versucht, einen Infostand auf dem MyFest anzumelden, der aber wegen Drohungen gegen Wansner nie genehmigt wurde.

Wansner gilt als Hardliner, der sich in der linken Szene Xhains besonders durch seinen massiven Protest gegen das Geflüchteten-Camp auf dem Oranienplatz unbeliebt gemacht hat. Sowohl Wansners Privathaus in Britz als auch sein Friedrichshainer Wahlkampfbüro wurden in der Vergangenheit bereits mehrfach von Linksextremen beschmiert und beschädigt. Aber in Xhain ist eben auch die CDU nicht ganz so obrigkeitshörig wie anderswo: Trotz des Verbots der Polizei war Wansner so gut wie immer mit einem Info-Stand auf dem MyFest vertreten. „Kreuzberg ist mein Bezirk, da lasse ich mich nicht weggentrifizieren“, sagt Wansner. Ob er auch dieses Jahr wieder ohne Genehmigung in Kreuzberg steht, ist allerdings noch offen: „Wir stehen in Kontakt mit der Polizei und werden sehen, wie sich die Sicherheitslage entwickelt“, so Wansner. In den vergangenen Jahren habe man die Zelte stets abgebrochen, bevor die „Revolutionäre 1. Mai-Demo“ startete.

Wahrscheinlich eine ganz gute Idee: Schließlich sind die Mitglieder der Demo nicht gerade für ihre Friedfertigkeit bekannt; auch dieses Jahr wollen die Demonstrierenden wieder bewusst ohne Anmeldung protestieren. Und auch sonst sind die Linken ziemlich auf Krawall gebürstet: Die Veranstalter*innen der Demo kritisierten, dass das Mayfest erstmals durchorganisiert im Görlitzer Park stattfindet; der Bezirk lasse „von einem privaten Eventveranstalter ein Fest für Yuppies ausrichten“, so ein Sprecher am Donnerstag. Man werde das „thematisieren“ und am Görli „schauen, was die Lage hergibt.“

Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann (Grüne) zeigte sich „überrascht“ über die heftigen negativen Reaktionen. „Wir machen das nicht, weil das Bezirksamt so gern seine eigene Rave-Party ausrichten möchte. Unser Ziel ist es, eine friedliche und nicht-kommerzielle Feier im Görlitzer Park für alle zu ermöglichen.“ Hoffen wir mal, dass das klappt.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Kinder wachsen schnell – angesichts der begrenzten Halbwertszeit ist es weder in ökonomischer noch ökologischer Hinsicht besonders sinnvoll, ihnen ihre Klamotten neu zu kaufen. Im kinderreichen Graefekiez (nicht umsonst als Prenzlauer Berg Kreuzbergs bekannt) gibt es diverse Secondhand-Läden mit Kindersachen – ein besonders gut sortierter findet sich fast direkt am Ufer des Landwehrkanals: „Anna och Larson“ verkauft nicht nur gut erhaltende Kinder-Kleidung und -Schuhe aus zweiter Hand, sondern auch Spielsachen, Bücher, Lauf- und Fahrräder, Buggys und Kinderwagen. Wühlen muss man nicht: Trotz des charakteristischen, leicht miefigen Second-Hand-Geruchs im Laden sind die Pullis, Hosen, Jacken und Bodys übersichtlich nach Größe sortiert und hängen ordentlich auf Bügeln, anstatt in Grabbelkisten auf entdeckungswütige Wühler zu warten. Sowohl die Klamotten als auch Spielzeuge und Bücher sind in einem ordentlichen Zustand und kosten im Schnitt rund die Hälfte ihres ursprünglichen Preises. Graefestraße 1, Mo. – Fr. 11 – 18 Uhr, Sa. geschlossen.

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