"Deshalb ist es hier so tot!"

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Reise zum Mittelpunkt Berlins : Am Ruhepol
Idyll im Herzen der Stadt. Vom Turm der Jacobikirche blickt man über das Viertel zwischen Lobeck- und Alexandrinenstraße. Der Mittelpunkt Berlins befindet sich unmittelbar rechts hinter dem Sportplatz.
Idyll im Herzen der Stadt. Vom Turm der Jacobikirche blickt man über das Viertel zwischen Lobeck- und Alexandrinenstraße. Der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am besten ist das zwiespältige Gefühl, das dieses Viertel heute im Erstbesucher auslöst, vielleicht durch zwei winzige Bilder zu beschreiben: das des Kastenfernsehers, der vornüber im Grünstreifen hinter dem Sportplatz liegt, Glasscherben um Löwenzahn; und das des „Motz“-Verkäufers, der kurz vor Ladenschluss vor dem kleinen Kaiser’s steht, dem einzigen Supermarkt hier, Alexandrinen- Ecke Ritterstraße, Zeitung vor der Brust, und einigermaßen gut gelaunt ein Schwätzchen hält.

Es ist kein klassischer Brennpunkt, ergibt die Recherche, das Quartiersmanagement Wassertorplatz endet östlich der Lobeckstraße, und trotzdem färbt sich die Karte des Monitoring Soziale Stadtentwicklung rings um den Sportplatz meist rot bis dunkelrot: überdurchschnittlich viele Langzeitarbeitslose, überdurchschnittlich viele Sozialwohnungen, hoher Ausländeranteil. Laut Mietspiegel ist durchgehend „einfache Wohnlage“, unterste von drei Stufen. Aber wie wurde nun, was hier heute ist, in dem Viertel, wo zwischen Friedrichstraße im Westen und Kreuzberger Zentrum im Osten immer schon Durchgangsgegend, aber vor dem Krieg noch deutlich mehr Leben war?

„Die Katastrophe hier ist größer als die von Dresden. Nur fällt das in der Großstadt nicht auf.“ Der Kirchwart guckt von seinem Turm, St. Jacobi, gute Übersicht, 48 Meter über der Stadt, der Blick geht weit, bis in die Vergangenheit. „Wiederaufbau“, sagt der Kirchwart, „oben an der Otto-Suhr-Siedlung fing es an, 1957, und nach unten ging es weiter.“ Der Kirchwart zeigt über den Sportplatz, zum rechten der drei Wohntürme, Franz-Künstler-Straße 2, Ecke Alexandrinenstraße, die Mittagssonne fällt steil durch die Drahtmaschen des Turmgitters.

War also alles zerbombt, damit geht es schon mal los. Der Mitte von Groß-Berlin, der Mitte des Großdeutschen Reichs, wurde in den letzten Kriegsjahren auf schlimmste Weise ihre Lage bewusst, eingequetscht damals zwischen dem Zeitungsviertel am südlichen Ende der Friedrichstraße auf der einen und den Textilfabriken und den Metallverarbeitern auf der anderen Seite, die Butzke-Werke lagen direkt um die Ecke, Ritterstraße 26. Es blieb nicht viel übrig, nicht vom Viertel und nicht von St. Jacobi, wo nur die Außenmauern überlebten und – wie durch ein Wunder – das Jesus-Mosaik hinter dem Altar.

Andreas Korn, Kirchwart der evangelischen Kirchengemeinde St. Jacobi Luisenstadt, 1 650 Glieder, Tendenz sinkend, ist ein 52 Jahre alter Berliner mit gemütlich-stämmiger Figur, Kinnbart und auf die Haare geschobener Brille. Zum grünen Pulli trägt er Jeans und Nike-Schlappen mit schwarzen Socken. „Es war hier einigermaßen vermurkst“, sagt Korn, der die Gegend, die Gemeinde schon länger kennt als seit seinem Amtsantritt vor 25 Jahren. Am Hermannplatz ist er aufgewachsen, sind nur drei Stationen, 200 Meter von hier liegt der Moritzplatz, wo die Geschäftigkeit Kern-Kreuzbergs losgeht.

„Die Flächen sind alle vorgehalten worden für den Innenstadtring. Die Idee war: Wenn man hier mal eine Auffahrt bauen will, reißt man einfach die Sportplätze weg. Deswegen ist der Bereich so tot.“ Andererseits gibt es deshalb auch heute noch so viel Platz für all die Bäume, „das hier ist unsere grüne Mitte“, sagt, lachend, der Kirchwart. Korn ist in seinen Schilderungen nun schon weit in der West-Berliner Nachkriegsgeschichte, der Kirchwart geht die paar Schritte zur Nordseite und zeigt auf eine Häuserzeile, vielleicht 200 Meter entfernt. „Da hinten, wo das orangene Haus ist, da war schon die Mauer. Sehen Sie’s?“

St. Jacobi ist eine wunderschöne Kirche, 1844/45 von Friedrich August Stüler erbaut, dem großen preußischen Baumeister, eine Backstein-Basilika, romanisch angehaucht, ein Stück Toskana mitten in Kreuzberg, an der Kirchenwand wächst Wein. Das Problem ist nur: Die Kirche nimmt trotzdem kaum jemand wahr. Pfarrer Volker Steinhoff sitzt in seinem Büro im Seitenflügel und sagt einen dieser Sätze, die Journalisten gerne hören: „Ich kann ihnen ja mal was verraten.“

Steinhoff, der mit seinem grauen Stoppelbart und Halstüchlein ein bisschen aussieht wie eine Kreuzberger Version des Survival-Spezialisten Rüdiger Nehberg, spricht mit der Gelassenheit des designierten Pensionärs. Seit Anfang des Jahres ist er 65, aber er wirkt so fit, als wäre er 45. Den Sommer wird er in Brasilien verbringen, ein bisschen Fußball gucken, das Land genießen, zwei Monate bleibt er da, es gibt sicher schlechtere Orte, um in den Ruhestand zu starten.

Pfarrer Steinhoff verrät jetzt also was: „Die Willkommensbriefe“, sagt er, „die wollen wir am liebsten gar nicht mehr losschicken.“ Denn die Austrittserklärung der Zugezogenen kommen meist postwendend, mit bestem Dank, dass Sie uns erinnert haben. Voll sei die Kirche nur an Heiligabend, sagt Steinhoff, dann aber bei allen drei Gottesdiensten.

„Die Lobeckstraße war lange eine unsichtbare Grenze“, sagt der Pfarrer und steigt damit gleich tief in die Thematik ein, die der Gemeinde St. Jacobi zu schaffen macht. Die Deutschen, die hier wohnen, sind alt, sie sterben langsam weg, und die, die in den letzten Jahren hergezogen sind, türkische, arabische Familien, die von jenseits der unsichtbaren Grenze, aus dem sich rasant verteuernden Altbau-Kreuzberg herüberkommen, sind – logisch – nicht unbedingt die klassische Zielgruppe einer evangelischen Kirchengemeinde.

Steinhoff erzählt von Hausbesuchen in der Otto-Suhr-Siedlung, in denen „die Alten“, also die alten Deutschen, die kleinen Beamten, die hier teils seit 50 Jahren leben, davon erzählen, wie das nun so ist mit den Migranten von drüben. Was mitschwingt, zwischen den Zeilen: wie fremd sich diese beiden Welten, die sich nach dem Krieg so ganz und gar unabhängig voneinander entwickelt haben, noch immer sind.

Die Verschlafenheit der Gegend hier ist aber die gleiche geblieben, es gibt kein Zentrum, keine ernsthafte Infrastruktur außer ein paar Emma-Läden, die Nachbarschaft lag schon immer im toten Winkel zwischen Oranienstraße, Prinzenstraße und der U1-Trasse im Süden. „Wenn die Geschäfte zumachen, ist es ein Dorf“, sagt Kirchwart Korn. Hochzeitsfeiern in den Räumen der Gemeinde? Undenkbar. Ab 22 Uhr ist Ruhe, und die wird auch durchgesetzt von den lieben Nachbarn. Es ist ruhig, und es wird immer ruhiger. „Früher haben sie am 1. Mai noch die Randalierer ins Viertel getrieben“, sagt der Kirchwart, das ist aber auch schon lange vorbei. Sein Auto muss heute keiner mehr umparken.

Es verändert sich was, das schon, nur bislang nicht zugunsten der Kirchengemeinde. „Der ganze Grenzstreifen wird zugebaut mit Luxuswohnungen“, sagt der Pfarrer und deutet vage zur Wand seines Büros, hinter der die Oranienstraße liegt und dann das alte Mauergebiet, dahinter der Ostteil der Stadt, der hier, der räumlichen Nähe zum Trotz, mal so gar kein Thema ist. „Das Problem ist nur, die gehören alle zu Marien, nicht zu uns.“ Schallend lachender Pfarrer. Was will man machen? „Wobei, das kann sich ändern“, schiebt der Kirchwart kämpferisch ein, „wenn wir Zuzugsgebiet werden und die ganzen Familien kommen.“ Ist also gar keine so schlechte Sache, die Gentrifizierung, so rein aus Gemeindesicht.

Gelassen im Wandel. Kirchwart Andreas Korn und Pfarrer Volker Steinhoff erleben in der Jacobikirche, wie die Zahl der Gemeindemitglieder stetig schrumpft - und sich das Haus zum Kulturort entwickelt.
Gelassen im Wandel. Kirchwart Andreas Korn und Pfarrer Volker Steinhoff erleben in der Jacobikirche, wie die Zahl der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Grundproblem aber bleibt: Die Berliner haben mit der Kirche nicht mehr viel am Hut. „Aber wenn wir hier Paul Lincke spielen“, sagt Steinhoff, „dann sitzen 90 Leute im Garten“. Der Ausblick des Pfarrers weist auf eine eher profane Zukunft hin: „Wir werden immer stärker zur Kulturkirche.“ Der Stüler-Bau sei „toll geeignet“ für Ausstellungen, eine starke Konzertarbeit habe man hier ohnehin seit Jahren. Das wollten sie weiter ausbauen.

500 Meter die Alexandrinenstraße hinunter sind sie, was das angeht, schon deutlich fortgeschritten.

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