Korrekt ohne Correctness

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Reise zum Mittelpunkt Berlins : Am Ruhepol
Die Dinge zusammenhalten. Renate Reiche und Edmund Will (dahinter) schmeißen beim BFC Südring den Laden. Integration funktioniert bei ihnen gelegentlich mit harter Kante - und immer ganz nebenbei.
Die Dinge zusammenhalten. Renate Reiche und Edmund Will (dahinter) schmeißen beim BFC Südring den Laden. Integration funktioniert...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Viertel werden zerbombt, ganze Städte eingemauert, aber Sportvereine überleben. Und so ist es wohl kein Zufall, dass der Mittelpunkt dieser Stadt näher am Grundstück eines Fußballclubs liegt als an irgendetwas anderem.

Vor bald 80 Jahren haben sie den BFC Südring gegründet, aber eigentlich ist er noch älter, den Vorgängerverein SpVgg Fichte hatten die Nazis aufgelöst. Direkt nach dem Krieg haben sie immerhin Berliner Stadtliga gespielt, vor zehn Jahren noch Landesliga. Heute kämpfen die „Roten Teufel“ vom Südring um den Klassenerhalt in der Kreisliga A. Anders als, um hier Verwechslungen vorzubeugen, der BSC Eintracht Südring, seit 1950 abgespalten, der seine Landesliga-Spiele an der schicken Bergmannstraße in Kreuzberg 61 austrägt.

„Wen wir hier so haben? Ausländer, hauptsächlich.“ Renate Reiche, erste Vorsitzende des BFC Südring, 602 Mitglieder, Tendenz sinkend, ist eine groß gewachsene Frau, die nicht um die Dinge herumredet: „Ich bin so ein Mensch: 44 Jahre beim Finanzamt, 44 Jahre Konto bei der Sparkasse, 37 Jahre verheiratet. Ich bin niemand, der sich laufend irgendwo anders orientiert. Was mich stört, versuche ich zu ändern.“

Seit 28 Jahren engagiert sich Reiche, Trainingsjacke über grüner Bluse, hier im Verein, im Prinzip jeden Tag, unter der Woche ab sechs abends, am Wochenende ganztags, da sind ja die Spiele. Als „Vollbetreuerin“ bezeichnet sie sich selbst, um die erste A-Jugend kümmert sie sich auch noch, inklusive Trikots waschen, ansonsten macht sie alles, was so anfällt: „Sozialarbeit, Einkaufen. Gestern habe ich hier hinterm Tresen sauber gemacht, weil mir das nicht so gefallen hat.“

Die Geschäftsstelle ist gleichzeitig Vereinsgaststätte und Konferenzzimmer, es gibt nur den einen Raum, dunkles Holz an den Wänden, Silberpokale auf Regalbrettern, hier wird auch abends um acht noch Kaffee getrunken, aus Henkeltassen natürlich und pechschwarz. Von den Kanten der Pressholztische blättert die Beschichtung.

Der BFC Südring, echter Berliner Verein, ist chronisch klamm. „Aber schuldenfrei“, sagt Renate Reiche. Ein Großteil der Mitgliedsbeiträge, 13 Euro pro Monat, ermäßigt zehn, komme ja ohnehin direkt vom Amt. Achselzuckende Renate Reiche: „Da staunt man, mit was die hier so vorgefahren kommen, und die sind dann Hartz IV.“

Aber was soll man sich da groß aufregen? Es ist, wie es ist. Sicher, sie bräuchten dringend ein paar mehr Ehrenamtliche, es wäre auch schöner, wenn die Eltern der Jugendspieler sich öfter zeigen würden, abends, am Wochenende, „aber die sitzen eben lieber in der Teestube“.

Die Puderschicht der Political Correctness brauchen sie hier nicht, sie gehen ja auch so korrekt und anständig miteinander um, dafür sorgt schon die Vorsitzende. „Herr Reiche, nehmen wir mal die Schuhe vom Tisch. Wir haben Besuch!“ Ein lautes Lachen hinterher, das entkrampft vieles, und Renate Reiches Sohn, ein erwachsener Mann, nimmt seine Töppen vom Tisch. Kurz darauf kommt ein A-Jugend-Spieler herein und gibt allen höflich die Hand. „Ich nehm’ mir kurz den Ball, ja?“ – „Ja, du kannst ihn dir auch länger nehmen.“ Lachen. Gute Laune auf der Geschäftsstelle.

„Wir haben uns sehr viel Vertrauen erarbeitet“, sagt Renate Reiche. Deshalb hörten ihnen die Kinder und Jugendlichen zu, sagt sie, egal aus welchem Elternhaus sie kämen. Zwei geistig Behinderte haben sie auch, große Konzepte braucht es nicht, die Integration passiert hier einfach so, fast nebenbei. Indem sie alle dazugehören, als Betreuer, egal als was, Hauptsache dabei und nicht alleine in der Ecke. „Es ist nicht immer heile Welt“, sagt Renate Reiche, „ab und zu muss man auch eingreifen und die Stimme erheben.“ Und dann bringt sie die Bilanz der letzten 28 Jahre in einen Satz: „Das ist hier die Oase. Hier ist Friede. Jeder kann sich sicher wiegen.“

Draußen auf dem Hauptplatz macht sich die erste Mannschaft warm. „Vollgas, Männer, komm, komm, komm“, Trikots von Barcelona, Chelsea, Real Madrid und den Füchsen Berlin. Sami Khediras goldene Rückennummer löst sich ab.

Eddy geht die Mannschaft durch. „Arab, also arabischer Herkunft, das sind ja viele verschiedene Länder, türkisch, halb deutsch, halb Italiener, deutsch komplett, polnisch, und ... ach, wat is denn eigentlich der Sami, der heute mittrainiert? Ex-Jugoslawien, glaub’ ich.“

Edmund Will, genannt Eddy, zweiter Vorsitzender, trägt beigefarbene Sommerjacke über Karohemd, ist mit 30 Jahren noch zwei länger im Club als Renate Reiche und lacht noch ein bisschen öfter als sie. Fast jeder seiner Sätze endet mit einer Pointe. Eddy wohnt in einem der 16-Geschosser, Franz-Künstler-Straße 2, Ecke Alexandrinen, 13. Etage, 50 Quadratmeter, 400 Euro warm, mit Blick auf den Platz. „Mischbevölkerung“, so nennt Eddy die Bewohner seiner Platte, von denen er aber kaum einen kennt, hat ja jeder seine eigene Tür und seinen eigenen Balkon. Wenn Eddy sich auf seinem über die Brüstung lehnt, dann sieht er links das Rote Rathaus und rechts die Radarstation von Tempelhof. „Mein Panoramablick“, sagt er. Aber dass das hier der absolute Mittelpunkt der Stadt sein soll, davon hat er auch erst erfahren, als sie damals die Marmorplatte montiert haben. Geändert hat der kleine Stein ja eh nichts.

„Hier waren schon immer nur Wohnungen“, sagt Eddy. „Kiez, das ist Yorckstraße, Bergmannstraße, Marheineke, 36, Kotti. Hier ist zwar Neubau, aber kein richtiger Kiez.“ Es ist hier, wie es ist. Man bleibt auf dem Boden. Was willst du auch noch höher hinaus, wenn du eh schon im 13. Stock wohnst, mit Blick über die halbe Stadt?

Renate Reiche sagt: „Wir haben schon eine Menge Träume, die sich aber nie erfüllen werden.“

Eddy wünscht sich: „Dass der Verein so geführt wird wie jetzt, mit Schwerpunkt auf die Jugend.“ Der Rest? Ergibt sich. „Mal steigt man auf, mal steigt man ab.“ Achselzucken. Kaffeeschluck.

„Wir haben eine gute Truppe, erste Männer, von denen versprechen wir uns einiges“, sagt Renate Reiche. „In Zukunft.“ Aber erst mal nicht absteigen jetzt. Bis die Zukunft da ist, leben sie ihr Leben, ein erfülltes, kleines, gutes Leben, 100 mal 70 Meter groß, und der eine Torwart sieht immer den Fernsehturm.

Aus dieser Perspektive, das Vereinsheim im Rücken, scheint alles aus dem grünen Band der Bäume zu wachsen: der Campanile von St. Jacobi, Eddys Turm und, viel größer, als man sich das vorgestellt hätte, eben der Fernsehturm, im Ostteil der Stadt, der hier kein Thema ist, blinkend im Abendlicht, ewiger Bezugspunkt für fast alle in dieser Stadt und von hier aus gesehen die größte Eckfahne der Welt.

Es ist ein echter Berliner Horizont.

Und so ist dann dieser sympathisch-verratzte Anti-Kiez rings um den Lobecksportplatz am Ende doch die treffendste Metapher auf den so gern zum Mysterium aufgeblähten Scheinriesen Berlin. Diese Stadt ist wie ihr Mittelpunkt: ein halb verborgener Raum mit ein paar Träumen und viel Alltag, ein bisschen grün, ein bisschen grau, ein bisschen Lincke, ein bisschen Vernissage, ein Ort, an dem Migranten und Deutsche, Junge und Alte nebeneinander herleben, in den gleichen Türmen, Tür an Tür, meist friedlich und ein bisschen auch zusammen, ein Ort, der sich immer noch mehr wälzt als wandelt.

Berlin, das ist ein grüner Park mit Blick auf den Fernsehturm, der von Weitem riesig wirkt.

Berlin, das ist ein Kreisligaclub im Zentrum der Welt.

Und so ist es dann fast ein bisschen schade, dass man hier wieder wegmuss, die Lobeckstraße rauf, am Wäscherei-Bungalow vorbei, über die Oranienstraße zum lauten Moritzplatz und runter in die U-Bahn-Station, wo schon ein gelber Zug wartet, der einen wieder mitnimmt, zurück in die Stadt.

Johannes Ehrmann hat dieser Tage den Theodor-Wolff-Preis gewonnen. Mit einer Essay-Reportage über den Wedding. Der Text über den Mittelpunkt Berlins erschien - ebenso wie der Wedding-Essay - in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.