Prada in der Alexandrinenstraße? Kaum denkbar.

Seite 3 von 4
Reise zum Mittelpunkt Berlins : Am Ruhepol
Die neue Zeit. In der entweihten Kirche St. Agnes haben die Däninnen Kristina Siegel und Rhea Dall (r.) ihre Galerie „Praxes“ eröffnet. Sie schätzen die Ruhe – und den Überraschungseffekt für Besucher.
Die neue Zeit. In der entweihten Kirche St. Agnes haben die Däninnen Kristina Siegel und Rhea Dall (r.) ihre Galerie „Praxes“...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auf der Terrasse des Gemeindehauses von St. Agnes stehen Beck’s-Kisten unter einer Plastikplane. Die Überbleibsel der letzten Vernissage. Alexandrinenstraße 118–121, das ist mittlerweile eine feste Adresse in der Berliner Kunstszene. Vor gut zwei Jahren hat der Galerist Johann König die Gebäude der früheren katholischen Gemeinde gekauft. Seit Ende 2011 sind hier, zwischen den Sozialbauten der Alexandrinenstraße, die klangvollen Namen des neuen Berlin zu Gast: Fashion Week. Tanz im August. Berlinale. In die Gemeindegebäude sind Architekten eingezogen, Galerien, eine Kita, im Hof hat der „Kirchwirt“ seine Tische aufgestellt, rot-weiß karierte Tischdecken drauf, Holzstühlchen drum herum. Das klassische Retro-Vintage-Sechziger-Ding eben.

St. Agnes, 1967 eingeweiht, war damals ein experimenteller Neubau, der Kirchturm wirkt so, als habe ein Riesenbaby zwei seiner Bauklötze aufeinandergestapelt, einen länglichen und einen quadratischen. Nach zukunftsweisenden Maßstäben entstand hier die Gemeinde, die 60er, das war ein Aufbruchsjahrzehnt auch für die Kirchen, aber der Zeitgeist war noch ein bisschen schneller als gedacht, und die meisten Gläubigen nahm er gleich mit. Und dann kamen die Künstler.

„First we take Manhattan, then we take Berlin“, sagt Rhea Dall, und das ist natürlich auch ein bisschen ironisch gemeint. Ironie ist ja vielleicht das wichtigste Erkennungsmerkmal des beuteltragenden Klischee-Großstädters, und auf den ersten Blick sehen Dall und ihre Kodirektorin Kristine Siegel, untertassengroße Brillengläser die eine, blonder Cat-Power-Pony die andere, auch genau so aus, wie man sich junge Kunstschaffende in Berlin eben so vorstellt.

„Praxes“, steht auf den Visitenkarten, „Center for Contemporary Art“. Das Logo ist ein schlichtes X, ein umgekipptes Kreuz also. „Praxes“, das sind: zwei schlichte weiß gestrichene Räume mit niedrigen Decken, durch eine Holztreppe miteinander verbunden. Die gängige „New York in Berlin“-Ästhetik hätten sie bewusst abgelehnt, sagen Dall und Siegel, statt schmuddelig, rau, fabrikartig mit hohen Decken und Graffiti an den Wänden wollten sie es eher klassisch. Im Obergeschoss teilen sich die beiden ein winziges, vollgestelltes Büro.

Dall und Siegel kommen aus Dänemark, beide haben an der Uni Kopenhagen einen Lehrauftrag, der ihre Rechnungen bezahlt und ihnen den Rücken freihält, richtig kennengelernt aber haben sie sich in New York, daher das Leonard-Cohen-Zitat. Vor Berlin haben sie dort gearbeitet, wo alles in der Kunstwelt zusammenläuft, Siegel im MoMA, Dall im Guggenheim. Und jetzt sitzen sie in der Alexandrinenstraße, schräg gegenüber vom Sportplatz und dieser Plakette, die keiner kennt, und erzählen, wie die Techniker von O2 dreimal am Haus vorbeigefahren waren, bevor sie endlich diese neue Galerie gefunden haben, die doch – logisch, bei dem globalen Business – so dringend Internet brauchte.

Und es ist auch kein Zufall, dass sie gerade hier gelandet sind, mittendrin, perfekt erreichbar aus Neukölln, Kreuzberg, Mitte, aber doch am Rand von allem, in ruhiger Lage. Es ist das Ergebnis einer genauen Standortanalyse, eines, das immer noch manche überrascht. „Gerade unsere internationalen Besucher erwarten immer ein anderes Kreuzberg, als sie es hier finden“, sagt Siegel, die selbst in diesem „anderen Kreuzberg“ lebt, dem, das alle kennen, am Viktoriapark; da, wo was los ist.

Das Konzept von „Praxes“ ist auch eine Art Entschleunigung. Jedem der Künstler, die hier ausstellen, räumen sie einen Zyklus von sechs Monaten ein. Wie viele verschiedene Ausstellungen währenddessen gezeigt werden, entscheidet allein der Künstler. Kann sein: zehn. Kann sein: nur eine. In New York oder London, sagen sie, inmitten all der Hektik, würde das nicht funktionieren. „Die Künstler, mit denen wir arbeiten“, sagt Kristine Siegel, „sind nicht die, die gerade in aller Munde sind. Es geht uns darum, das Zentrum der Kunstwelt zu expandieren.“ Zur Not eben in den Schatten der Sozialtürme an der Alexandrinenstraße.

Dass sie dabei Teil der Gentrifizierung sind, die nun, mit ihnen, auch langsam hier anklopft, daraus machen die beiden Kuratorinnen keinen Hehl. Als Problem wollen sie das nicht verstanden wissen. „Die Gegend boomt nicht“, sagt Kristine Siegel. „Prada wird nicht in der Alexandrinenstraße einziehen, jedenfalls nicht mehr dieses Jahr.“ Erheiternde Vorstellung. Ein Problem werde es erst dann, sagt Siegel, wenn es nur noch um „Streamlining“ gehe, um Stromlinienförmigkeit. Das hier ist kein neues Brooklyn, noch nicht, hier schlägt noch der langsame Puls, in den sie sich damals, Anfang der Nullerjahre in anderen Teilen der Stadt verliebt haben. In Prenzlauer Berg. Oder in Mitte.

Schwer vorstellbar, trotz dieser Beispiele, dass es diesem Anti-Zentrum schon bald genauso gehen könnte wie jenen Kiezen, die sich in Zuzug und Aufwertung längst ein bisschen selbst verloren haben. Hier ist man doch noch, wer man ist. Oder?

Als habe ein Riesenbaby Bauklötze aufeinandergestapelt: St. Agnes in der Alexandrinenstraße.
Als habe ein Riesenbaby Bauklötze aufeinandergestapelt: St. Agnes in der Alexandrinenstraße.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nun ja. Hinten auf dem St.-Agnes-Campus zieht jetzt die New York University ein, die Kita muss weichen. Die NYU, sagen die „Praxes“-Macher, sei der größte Landbesitzer in Manhattan. Eine Information, die irgendwie nicht wirklich Mut macht beim Verlassen von St. Agnes, Ex-Kirche.

Aber jetzt noch mal ganz tief rein, zum Kern des Ganzen. Noch mal die Straße queren, den Fußweg hinein, an der Plakette vorbei und auf der anderen Seite auf das Gelände, das dem Mittelpunkt Berlins am nächsten liegt. Auf den Lobecksportplatz. Zum BFC Südring.

Renate und Eddy warten schon.

7 Kommentare

Neuester Kommentar