Fleischesser, Pelzmäntelträger - Wer so zum "Street Food Thursday" kommt

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Zu Besuch in der Markthalle 9 in Kreuzberg : Zwischen Buletten-Historikern und Bionade-Gentrifizierern
Buntes, geschäftiges Markttreiben: Jeweils freitags und samstags von 10 bis 18 Uhr verkaufen Händler aus Berlin und Brandenburg ihre Waren in der Markthalle IX in Kreuzberg, auch Eisenbahnmarkthalle genannt. Ein Rundgang in Bildern.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.02.2014 12:04Buntes, geschäftiges Markttreiben: Jeweils freitags und samstags von 10 bis 18 Uhr verkaufen Händler aus Berlin und Brandenburg...

Unter den Besuchern viele Fleischesser, unironisch getragene Pelzmäntel und über viele Jahrzehnte erkennbar kostspielig gecremte Gesichter aus anderen Stadtteilen. An den Ständen ein Wettbewerb der Garzeiten: 12-16 Stunden das Fleisch im BBQ-Sandwich, 16 Stunden bei 85 Grad das Hirschfleisch, neun Stunden Nacken, Bauch und Rippe im Ofen des Franzosen. Auch das eine Veredelungstechnik, für die eigentlich weniger guten Fleischstücke. Hinter dem Bierstand liegt das Büro der Betreiber. Alle drei sitzen an riesigen Schreibtischen vor dem gewaltigen Tresor, der von Schlecker übrig blieb.

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Unterwegs im Görli
Unterwegs in Kreuzberg

Zwei aus dem Trio kennen sich, seit sie 16 sind. Florian Niedermaier und Bernd Maier aus Augsburg, ein Kulturwissenschaftler und ein Physiotherapeut, haben schon immer von Markthallen geschwärmt. Denn egal, wo sie hinkamen, „in Bangkok, Vietnam, München, Florenz – der Markt war immer echt“. 2008 lasen sie in der Zeitung, dass die Halle in der Eisenbahnstraße verkauft werden sollte. „Wir waren noch naiv,“ sagt Bernd Maier. Sie sprachen beim grünen Bürgermeister Schulz vor: „Wir finden, dass Markthallen wie die Bundesbahn in die öffentliche Hand gehören.“ Aber der Liegenschaftsfond wollte verkaufen. Und so boten sie halt mit. Der Bezirk machte eine gute Figur, als er die Halle nicht einfach an den Meistbietenden abgab, sondern einen Konzeptwettbewerb mit Bürgerbeteiligung ausschrieb. Mit Büros und Wohnungen hatten die beiden nichts am Hut. „Aufgeweichte Mischkonzepte gibt es viele – wir wollen der beste Lebensmittelstandort Berlins werden.“ 

Die richtige städtische Mischung geht nur mit "Aldi"

Anfangs wollten sie so schnell wie möglich die Filialisten raus haben. Schlecker starb eines natürlichen Todes, der Nachfolger Drospa ging im vergangenen Herbst. Aber dann sehen sie, dass die städtische Mischung durch Aldi eigentlich erst verursacht wird. Dass so nicht nur die Foodies kommen, sondern echte Begegnungen stattfinden. „Das mussten wir auch erst lernen“, sagt Driessen, der Betriebswirt. „Ich habe früher auch nur bei Aldi eingekauft.“

Die Lebensmittelpolitiker waren ja Bernd Maier und Florian Niedermaier, die ehemaligen Besitzer der Meierei im Prenzlauer Berg. Driessen dagegen ist nun selbst das beste Beispiel für Erziehung durch ständigen Kontakt. Da fliegt die Tür auf. Ein Bregenzer steht drin. Alle zwei Wochen fährt er die Irrsinnsstrecke nach Österreich und karrt seinen Käse für den Marktverkauf heran. Der Bregenzer will auch nur seinesgleichen als Verkaufspersonal einstellen. Er fürchtet, sonst nicht glaubwürdig zu sein, wenn andere als Bregenzer den Bregenzer Käse über die Theke reichten. Biografie ist die Währung. Deshalb hat er alle Aushilfen eingeladen, seine Wiesen zu besichtigen, und die Kühe, aus deren Milch der Käse hergestellt wird. Er winkt zum Abschied, bevor er ins Auto steigt, und alle freuen sich daran, dass es zu allem immer eine Geschichte zu erzählen gibt. Der Bregenzer hat für sein Berliner Engagement nämlich einen Job bei der Sparkasse aufgegeben.

Jetzt ist es gleich halb zehn Uhr am Abend. 70 000 Liter Heizöl hat sie die Halle im letzten Jahr gekostet, „und es war trotzdem nicht warm“. Draußen brodelt noch immer der Thursday. Man öffnet die Bürotür zur Halle: Wie eine Wand steht da die dichte Partyatmosphäre. Feuchte Luft, aufgekratzte Stimmung. Es ist die Stimmung einer Küchenparty, nur, dass die Küche 2800 Quadratmeter hat und darin Dutzende Herde heizen.

Würde er jeden Tag so einen Umsatz machen wie am „Street Food Thursday“ mit seine Getränken, könne er gut existieren, hatte Werner gesagt. Und Inge hatte gesagt, dass sie sich etwas einfallen lassen müsse, um in der neuen Zeit mitzuhalten.

Und wo sind sie jetzt? Bei Inge und Werner baumelt donnerstags ein buntes Schild: „Berlin Beef Balls“. Zwei junge Typen wenden Fleischkugeln in einer Pfanne. Beef Balls? Verdammt, hießen die nicht gestern noch Buletten?

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

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