Jüdisch-muslimische Begegnung : „Ich habe nichts gegen Dich persönlich, ABER...“

Die Berliner Jüdin Chagit G. berichtet von ihrer morgendlichen Begegnung mit einem palästinensischen Israeli in der U-Bahn. Vom Versuch eines Dialogs.

Chagit G.
Tauben fliegen vor dem Fernsehturm in Berlin.
Tauben fliegen vor dem Fernsehturm in Berlin.Berthold Stadler/ddp

Chagit G. ist gebürtige Israelin. Sie ist 38 Jahre alt und wohnt seit 17 Jahren in Deutschland, seit drei Jahren in Berlin. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Wie jeden Morgen steige ich in die U6 in Richtung Arbeit. Ich bin eine gebürtige Israelin, die in Berlin lebt. Wie jeden Morgen lese ich arbeitsrelevante Zeitungsartikel zum Thema Jüdisch-muslimischer Dialog. „Muslime werben für friedlichen Islam“, ruft der heutige Titel.

U-Bahn-Station Kochstraße. Eine Frau mit Kopftuch setzt sich vor mir hin. Ich frage mich, ob sie auf unserer Seite ist. Dann frage ich mich selbst: „Was meinst du eigentlich mit ‚unserer Seite‘? Und können manchmal nicht alle recht haben und gleichzeitig falsch liegen? Und überhaupt: Gibt es nicht auf jeder Seite unendlich viele Argumente und… und… Seiten?“ Mein Artikel hat auch viele Seiten. Ich muss weiterlesen.

Station Stadtmitte. In drei Minuten bin ich am Ziel. Ein südländisch aussehender Mann setzt sich neben mich. Erst wandern seine Augen zu meinem Artikel. Dann ziemlich schnell auch seine Finger, mit denen er entlang der Überschrift meiner Zeitung streicht.

Ich ahne schon, was jetzt kommt. Das war‘s mit dem Lesen. Zeit für Dialog.

Er liest den Titel laut vor und fragt mich auf Deutsch in einem vorwurfsvollen Ton: „Und was ist mit dem Christentum und dem Judentum?“ Es folgt ein Mini-Vortrag, der sich in etwa so zusammenfassen lässt: Alle Religionen haben einen guten und friedlichen Kern. Sie alle werden jedoch von der Politik genutzt, um uns Menschen zu manipulieren und gegeneinander aufzuhetzen.

So weit, so gut. Denke ich. Jetzt sieht er mich ein wenig anders an und fügt mit leuchtenden Augen hinzu: „Schau Dir mal das Judentum und den Zionismus an!“ Ich bin erwischt worden. Er weiß Bescheid. Wir Indianer aus dem Nahen Osten (wie mein Papa jüdische und muslimische Israelis nennt) haben Antennen füreinander. Die Frau mit dem Kopftuch guckt uns beide an. Ich fühle mich in der Minderheit.

Station Französische Straße, noch zwei Minuten Fahrt. Die Frau mit dem Kopftuch steigt aus, mein Dialogpartner setzt sich um. Nun sitzt er vor mir und fragt, wo ich denn herkomme. In der Hoffnung, es werde gutgehen, sage ich die Wahrheit. „Ich auch und ich wusste, Du kommst aus Israel!“, antwortet er – diesmal auf Hebräisch.

Es folgt der zweite Monolog. In meiner Muttersprache schießt er los. Er habe nichts gegen mich persönlich, ABER „die jüdischen Israelis sind klar die Bösen in diesem israelischen-palästinensischen Konflikt. Israel ist ein faschistisches Land, das gerne in der Opferrolle aufgeht“ (Gedanke: Gehört er zu denjenigen, die bei jedem Terroranschlag auf israelischen Zivilisten jubeln?).

„Ja, die Palästinenser ‚übertreiben‘ auch manchmal mit ihrer Reaktion, aber grundsätzlich sind wir, die Palästinenser, genauso wie die Aborigines in Australien“ (Ok, er ist eventuell nicht einer der Jubelnden, rede ich mir ein. Er gibt es ja zu. Sie „übertreiben“. Manchmal.)

„Die Juden in Israel, diese Hurensöhne, die töten uns!“ Er ist ein wenig aufgeregt, jedoch nicht aggressiv, und lächelt mich die ganze Zeit an. „Ihr seid doch mit den Schiffen gekommen! Deine Familie zum Beispiel, woher kommt die?“ – „Ursprünglich aus Auschwitz, antworte ich trotzig. „Und warum müssen wir dafür den Preis zahlen, für das was Euch die Nazis angetan haben?“, schießt er zurück.

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U-Bahnhof Friedrichstraße: noch eine Minute.

„Aber warte mal!“ Die Gedanken rasen in meinem Kopf, während mein Gesprächspartner im Hintergrund seine Klageschrift vorträgt. Du ignorierst den gesamten geschichtlichen Kontext. Und was ist mit euren „Brüdern“ in der arabischen Welt? Sie unterstützen Euch nur mit Waffen und benutzen Euch als Einwegfiguren für ihre politischen Schachzüge in ihrem blutigen Spiel gegen Israel. Und außerdem seid Ihr doch Euer eigenes Opfer, wenn Ihr Fanatiker an die Regierungsspitze wählt! Und und und überhaupt! Ich habe noch so viele Gedanken, ich habe so viele Antworten, ich habe so recht und so wenig Zeit!

Das Donnern in meiner Seele mündet in einem Lächeln. Irgendwann schwebe ich nur noch über uns beiden. Unten sehe ich keine jüdische Israelin und keinen muslimischen palästinensischen Israeli. Ich sehe nur zwei Menschen, die in dem Ozean der Argumente, Rechtsverständnisse und Gefühle um Luft ringen. Ich weiß, es würde nichts bringen, meine Gedanken zu verbalisieren.

Meine Versuche, ein paar Wörter einzufädeln, wurden sowieso ständig unterbunden. Ich höre zu. Ich höre einfach zu. Nein, ich nehme nichts persönlich. Ich bin am Ziel: Oranienburger Tor. Ich stehe lächelnd auf und gehe zur Tür. „Ihr seid mit Schiffen gekommen, vergiss es nie“, steinigen mich seine Worte. Ich bin dort geboren, denke ich, und steige aus.