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    Nachbarschaft

    Silke Kirschning, Künstlerin und Soziologin.

    Frau Kirschning, Sie haben die Friedhofsmauer an der Plantagenstraße in Wedding mit einem 68 Meter langen Wandbild verziert. Was kann der Passant darauf erkennen? Meinem Mauerbild habe ich die Zeilen von Rainer Maria Rilke vorangestellt. Sie lauten: „…hab ich mich diesem Lichtraum angeboten, mein Schatten geht über das Haus der Toten, sein Wandeln zähmt mich sonderbar.“ Diese „sonderbare Zähmung“ hat mich zu einer schlichten Formensprache geführt und einem sehr bewussten, reduzierten Einsatz der Farbe (Dunkelblau und Rostrot, sowie Weiß auf beigefarbenem Untergrund). Zwei Oneliner, also eine Strichführung als ob mit einem einzigen Pinselstrich ohne abzusetzen alle Motive gemalt worden seien, ziehen sich über die gesamte Länge des Bildes.

    Das Mauerbild kann gelesen werden wie eine Schriftrolle. Nicht alle Motive erschließen sich ohne Hintergrundwissen, aber sie werden Assoziationen auslösen und vielleicht Interesse für den Ort wecken. Das Wandbild setzt sich aus 26 Elementen zusammen. Jeweils einem Element zur Einleitung und zum Abschluss und dann noch 24 Elementen, die mit jeweils 8 Motiven 3 Phasen mit Bezug zum Krematorium und zum Urnenfriedhof wiedergeben. Meine Auseinandersetzung mit der Bestattungskultur führte mich von der Gegenwart durch die Geschichte bis ins Alte Ägypten. Auf meiner Homepage erkläre ich demnächst alle Motive.

    Wie haben Sie die Nachbarschaft in die Gestaltung mit einbezogen? In Kooperation mit dem Quartiersmanagement Pankstraße bot ich für die Anwohner „kreative Friedhofspaziergänge“ an und eine kostenfreie Führung durch das ehemalige Krematorium. Aushänge an den Haustüren und Informationen auf der Homepage luden dazu ein. Eine Handvoll Leute nahmen teil. Ihre zeichnerischen Skizzen und schriftlichen Notizen nutzte ich für den Entwurf des Wandbilds, so dass ihre und meine Impressionen einflossen. Sie griffen z.B. die optische Gliederung des Friedhofs durch die Urnengräber und das Kolumbarium auf, in dem die Urnen aufgestellt sind. Sie bemerkten, dass dort auffallend viele Urnen mit chinesischen Schriftzeichen stehen. Eine weitere Teilnehmerin zeichnete eines der vielen Plastikherzen und eine andere machte Skizzen zur tröstenden Wirkung von Musik.

    Wie hat sich unser Umgang mit dem Tod in den vergangenen Jahren Ihrer Meinung nach verändert? Das ehemalige Krematorium enthält noch etliche Hinweise auf seine Geschichte, als es zur Feuerbestattung Verstorbener diente. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeweihte Trauerhalle wird heute als Veranstaltungssaal genutzt. Die Urnennischen sind in dem Innenraum immer noch deutlich sichtbar. Um die Jahrtausendwende war das Krematorium zum modernsten Europas umgebaut worden.

    Gegenwärtig befindet sie sich wieder in Bau. Die riesige Leichenhalle wird ein internationales Ausstellungszentrum. Bei unserem Besuch der unterirdischen Baustelle sahen wir die Reste der technischen Ausstattung. Die Toten wurden nicht mehr wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Menschen transportiert. Das erledigten nun Roboter, die sie auf Schienen durch die Halle manövrierten. Die Angehörigen kamen kaum noch mit den Toten in Kontakt. Die Trauergesellschaften wechselten in einem vorgegebenen Takt. Gerade mal 20 Minuten durfte jede Abschiedsfeier dauern, dann folgte schon die nächste. In dieser Hochleistungsphase wurden 10.000 Leichen pro Jahr kremiert.

    Ich war schockiert. Mir ging ein Vergleich von moderner Bestattungskultur und Massentierhaltung durch den Kopf. Gleichbehandlung auf ganzer Linie, alles geordnet, rational durchorganisiert und ökonomisch kalkuliert. Verhältnisse, die man meist nicht genauer erkennen will. Man hält sie nur aus, wenn man sich distanziert. Denn das Wahrnehmen von Gefühlen könnte die Akzeptanz verringern und Unruhe schaffen.

    Foto: Laura Hofmann

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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Laura Hofmann. von Laura Hofmann tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Mitte,

Personalienkarussell in Mitte: Nachdem im Oktober offiziell bestätigt wurde, dass Sandra Obermeyer (parteilos, für die Linke) von der Bezirks- auf die Senatsebene wechseln und ab dem 1. Dezember die Abteilung für Wohnungsbau in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung leiten wird, hatten die Linken in Mitte den langjährigen Bezirksverordneten Sven Diedrich für die Nachfolge als Stadtrat für Jugend, Familie und Bürgerdienste nominiert. In der Bezirksverordnetenversammlung im Dezember sollte er gewählt werden, das galt als sicher.

Doch jetzt hat der 54-Jährige seine Bewerbung zurückgezogen – zum zweiten Mal. Eigentlich sollte er schon nach der Wahl 2016 Stadtrat werden, damals traute er sich den Posten aber nicht zu. Der erneute Rückzieher hat jetzt andere Gründe: Die Parteiführung hat Diedrich, der in der Öffentlichkeitsarbeit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung  arbeitet, den Rückzug dringend empfohlen. Das bestätigte Diedrich auf Tagesspiegel-Anfrage. Zuerst hatte die „Berliner Woche“ darüber berichtet.

Hintergrund ist Diedrichs Vergangenheit: Er ist wegen Steuerschulden und nicht gezahlter Sozialabgaben in seiner Zeit als Inhaber des Restaurants „Luxemburg“ im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz vorbestraft. Zwar hat er daraus nie ein Geheimnis gemacht und für den Job als Stadtrat wäre das aus beamtenrechtlicher Perspektive auch kein Hindernis, doch die Partei hat Angst vor einer zweiten „Causa Holm“.

„Natürlich bin ich enttäuscht“, sagte Diedrich mir am Telefon. Zum einen, weil er sich auf die Tätigkeit gefreut hatte. Außerdem, weil es „in unserer bigotten Gesellschaft“ so schwer für Amtsträger sei, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Da wird mit zweierlei Maß gemessen.“ Er gesteht aber ein, die politische Bewertung seiner Nominierung ein Stück weit vernachlässigt zu haben. „Ich habe tatsächlich Schwarzarbeit geduldet, aber nicht, um mich persönlich zu bereichern, sondern um ein Unternehmen weiterführen zu können und Mitarbeitern entgegen zu kommen“, sagt er.

Statt Diedrich soll nun Ramona Reiser als neue Stadträtin nominiert werden. Die 32-Jährige ist erst seit 2016 Bezirksverordnete für die Linken in Mitte und arbeitet hauptberuflich in der Bundesgeschäftsstelle der Bahnhofsmissionen Deutschlands.

Der Stadtentwicklungsexperte Andrej Holm war 2016/17 kurzzeitig Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen der rot-rot-grünen Landesregierung gewesen.  Ein falsch ausgefüllter Fragebogen an der Humboldt-Universität zu seiner jugendlichen Stasi-Tätigkeit kostete ihn Glaubwürdigkeit und schließlich sein politisches Amt.

Laura Hofmann arbeitet in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Ihre erste Berliner Wohnung war im Wedding, hierher kehrt sie immer gerne zurück. Heute wohnt sie an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte, den Fernsehturm immer fest im Blick. Schreiben Sie ihr eine Mail oder folgen Sie ihr auf Twitter oder Facebook.

Laura Hofmanns Tipp für Sie

Vom 12. November bis 31. Dezember zeigt die Organisation „Care“ im Roten Rathaus die Ausstellung „Azraq Kunstgalerie“. Gezeigt werden vierzig Gemälde aus der gleichnamigen Kunstgalerie, die sich im Flüchtlingscamp Azraq in Jordanien befindet. Die Galerie wird selbständig von syrischen Geflüchteten betrieben. Keines der ausgestellten Werke ist im Heimatland Syrien entstanden, alle wurden im Rahmen von „Care“-Projekten im Flüchtlingscamp erarbeitet, wo die Künstlerinnen und Künstler leben. Die Kunstgalerie ist ein Stück Normalität im Leben der Geflüchteten, die meist alles verloren haben. Und sie bringt wortwörtlich Farbe in den oft tristen Alltag. Für die Künstlerinnen und Künstler ist der Ort die einzige Möglichkeit, ihre Kunstwerke auszustellen – und zu verkaufen.

Die Idee zu der Ausstellung im Roten Rathaus geht auf den Besuch des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller in der „Azraq Kunstgalerie“ während seiner Reise als Bundesratspräsident ins Königreich Jordanien zurück.

Porträt: Moayed Ibrahim Al – Abd

Rotes Rathaus, Rathausstraße 15, 10178 Berlin. Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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