Leben mit der Geschichte

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Update
102-jährige Doktorin aus Berlin-Pankow : "Ich habe noch Lust aufs Leben"

Das Haus hat sich seither nur wenig verändert. In der Küche hängen noch die einfachen alten Holzschränke mit den Schiebetüren an der Wand, der Garderobenspiegel wird eingerahmt von kleinteiligen schwarzen und grünen Fliesen. Ingeborg Rapoport wohnt inzwischen allein in der Kuckhoffstraße. Ihr Mann starb vor elf Jahren, die Kinder, geboren in den Jahren 1947, 1948, 1949 und 1950, sind selbst schon im fortgeschrittenen Alter. Einer ihrer Söhne, Biochemiker wie sein Vater, ist heute Professor in Harvard. "Er wurde hier nach der Wende beruflich heruntergestuft, weil er in der DDR ehrenamtlicher Parteisekretär war", erklärt Ingeborg Rapoport. Ein wenig Bitterkeit schwingt da in ihrer Stimme mit. Dass auch die zweite Generation ihrer Familien "zur Emigration gezwungen wurde", wie sie sagt, sei schmerzlich.

Was hat die Stasi eigentlich gemacht?

Ingeborg Rapoport steht zur DDR. "Die DDR war kein Unrechtsstaat", sagt sie dezidiert. Die Staatssicherheit müsse als Buhmann herhalten, "doch wer weiß denn eigentlich, was sie genau gemacht hat"? An eine massenhafte Verfolgung und Bespitzelung von DDR-Bürgern glaubt Ingeborg Rapoport jedenfalls nicht. "Aber es ist nicht zu leugnen, dass die DDR auch Fehler gemacht hat", sagt sie weiter. Beispielsweise sei es falsch gewesen, Kinder bürgerlicher Eltern zu benachteiligen. "Dagegen muss man aber die goldenen Seiten der DDR aufwiegen: das Bildungssystem, die Gesundheits- und Sozialpolitik." Auch früher, wenn sie für die DDR zu internationalen Kongressen gereist sei, habe sie keinen Hehl aus ihrer Weltanschauung gemacht. "Ich habe gespürt, dass mir und Kollegen aus anderen sozialistischen Staaten eine Welle des Misstrauens entgegenschwappte." Dabei ist Ingeborg Rapoport eine warmherzige Frau, die ihre Ansichten zurückhaltend vorträgt. Eine Margot Honecker ist sie nicht. Die klaren politischen Überzeugungen hinderten sie auch nie daran, die USA, die ihr Exil gewährte, in guter Erinnerung zu behalten. Und auch nicht die McCarthy-Ära. "Ich habe nach wie vor zärtliche Gefühle für dieses Land."

Schöne Aufbaujahre

Die schönste Zeit ihres Lebens seien die Jahre in der DDR gewesen, schwärmt sie. Vor allem die Aufbaujahre. "Es gab eine unglaubliche Kameradschaft, man konnte etwas bewegen." So hat sie es auch in ihren 1997 erschienenen Erinnerungen beschrieben. Allerdings, und sie leugnet es nicht, gehörten die Rapoports in der DDR zu einer Schicht, die Privilegien genoss. Das Haus in Niederschönhausen gehörte dazu, und auch eine Hausangestellte hatte die Familie. "Wir lebten hier schon wie in einer Enklave."

Fremdeln mit der Bundesrepublik

Mit dem wiedervereinigten Deutschland konnte sich Ingeborg Rapoport nie wirklich anfreunden. Abgekapselt hat sie sich aber nicht. "Ich habe noch Lust auf's Leben." Auch Politik interessiert sie noch. Auf dem kleinen Flügel im Wohnzimmer liegt das Buch "Russland verstehen" von Gabriele Krone-Schmalz. Und sie geht wählen. "Sonst könnte ich mir ja nicht das Recht herausnehmen, Kritik zu üben." Kritik an Europas restriktiver Flüchtlingspolitik etwa oder an Auslandseinsätzen der Bundeswehr. "Ich hätte nie gedacht, dass wir uns je wieder an einem Krieg beteiligen." Sie hoffe, so sagt sie zum Abschied, dass es einmal einen Staat geben werde, in dem soziale Gerechtigkeit herrsche und Frieden. "Einer, der Ideale der französischen Revolution vertritt. Kommunistisch muss der nicht unbedingt sein." (mit dpa)

Lesen Sie hier unser Interview mit Ingeborg Rapoport: "Es geht ums Prinzip".

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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