• Michael Vogel

    Nachbarschaft

    Michael Vogel erforscht die Geheimnisse der Toten. Der 72 Jahre alte Pankower, bis zur Rente als Vertriebsleiter in internationalen Unternehmen tätig, dokumentiert die Grabsteine auf den Friedhöfen des Bezirks. Er will damit Menschen bei der Erforschung ihrer Familienhistorie helfen.

    Sie wollen Gräber für die Nachwelt erhalten und dokumentieren sie im Internet. Warum, es gibt doch Bücher und Archive? Die bisherige Praxis, Archive aufzusuchen oder diese mit der Recherche zu beauftragen, verursacht erhebliche Kosten und Zeitaufwände, so verlangt die evangelische Kirche dafür Gebühren. Die Familienforschung wird mit den neuen Medien zunehmend auf das Internet verlagert. International ist Ahnenforschung per Internet schon sehr verbreitet. Es gibt viele Portale, etwa Archion, Myheritage oder Ancestry, die allerdings kostenpflichtig sind. Das Grabsteinprojekt von Genwiki ist dagegen kostenlos für jedermann im Internet zugänglich. Auf http://grabsteine.genealogy.net/ kann man dort seit 2007 nach seinen Vorfahren suchen, dort findet sich auch die Liste aller bisher erfassten Friedhöfe in Berlin und Deutschland.

    Wie kamen Sie selbst darauf, alte Grabsteine zu dokumentieren? Nach zwei Publikationen zu meinen Vorfahren stieß ich auf zwei Berliner Pfarrer in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die zu unserem Familienkreis gehören. Leider verlief die Suche nach ihren Gräbern trotz Hilfe durch das evangelische Friedhofsamt ergebnislos. Im Internet stieß ich dann auf die Web-Seite von Genwiki und das Grabsteinprojekt. Das interessierte mich und ich begann, es aktiv zu unterstützen.

    Was tun Sie genau? Ich erfasse die Friedhöfe. Dazu gehören Übersichtsaufnahmen und Lagebeschreibung, Fotografie aller Grabsteine auf dem Friedhof und Eingabe der Fotos in die Datenbank. Anschließend werden Bild und Grabsteindokumentation zusammengeführt (Name, Vorname, Geburtsjahr, Sterbejahr). Das erfolgt in der Datenbank. Nach Kontrolle der Exaktheit und der Einhaltung der Datenschutzbestimmungen erfolgt über Genwiki und das Grabsteinprojekt die Freigabe der Datenbank im Internet.

    Wie viele Friedhöfe in Berlin sind schon erfasst? Durch die aktive Mitarbeit mehrerer Mitglieder des Grabsteinprojektes wurden bisher 87 Berliner Friedhöfe erfasst. Viele der fleißigen Helfer möchten dabei nicht namentlich genannt werden. Ich selbst habe mittlerweile mehrere tausend Personen in einem großen Vorfahren-Stammbaum erfasst.

    Im Osten Deutschlands war die Familienforschung lange nicht so verbreitet. Warum? Die Beschäftigung mit der Familienforschung in der DDR war unerwünscht, ausgenommen zu wissenschaftlichen Zwecken. Die Vorbehalte waren einerseits verständlich, eingedenk des Missbrauchs der Familienforschung in unrühmlicher jüngster Vergangenheit. Zum anderen wurde befürchtet, dass Forschungen zu ehemals deutschen Gebieten revanchistische Gedanken fördern könnten. Hobbyforscher fanden erst relativ spät unter dem Dach des Kulturbundes der DDR ein Zuhause. In Berlin konnte sich unsere Interessengemeinschaft Genealogie Berlin gegen eine Reihe von Vorbehalten 1986 etablieren. Bis heute trifft sich die IG jeden ersten Mittwoch im Monat in der Schönhauser Allee 182. Zu den Vorträgen sind Interessenten gern gesehen, das Programm findet man im Internet.

    Die städtischen Friedhöfe in Berlin stehen einer Erfassung weiterhin nicht sehr offen gegenüber, hört man. Viele wollen eine Genehmigung sehen. Es laufen derzeit aktuelle Prüfungen für Berlin anhand von Gerichtsurteilen zur Erfassung von Grabstätten. Nach diesen Urteilen ist unsere Tätigkeit zweifelsfrei zulässig und bedarf keiner zusätzlichen Freigabe durch örtliche Behörden.

    Sie untersuchen gerade die Weltkriegsgräber auf dem Nordend-Friedhof. Was haben Sie dort festgestellt? Auf dem Friedhof Nordend wurden insgesamt 787 Menschen in Kriegsgräberstätten bestattet. Die meisten aus dem Zweiten Weltkrieg, und hier handelt es sich überwiegend um zivile Opfer. 94 Prozent der Begrabenen starben während des Endkampfs um Berlin von Januar bis Mai 1945. Infolge von Bombenangriffen in Berlin wurden immer wieder ganze Familien an einem Tag ausgelöscht. Am 23. November 1943 etwa fand ein sehr schwerer Bombenangriff auf Charlottenburg statt. Dieses Datum ist immer wieder auf den Gedenksteinen zu lesen. Besonders hoch ist die Zahl der Opfer in höherem Alter, die in den Trümmern der Häuser verstarben.

    Haben Sie andere besonders spannende Fälle oder Geschichten auf den Friedhöfen aufgespürt? Insbesondere auf kleinen Dorffriedhöfen findet man viele interessante Grabmale, die Auskunft zur Dorfgeschichte geben. Wer hat hier gelebt, welche Funktion, welche Rolle spielte er im Dorf? Überraschend für mich waren auch Reaktionen von Friedhofsbesuchern, die mich zu meiner Tätigkeit ansprachen. Ein älteres Ehepaar etwa fand „wunderbar“, was ich tue, und wollte, dass ich die Grabstelle des ehemaligen Superintendenten sichere, die „abgeräumt“ werden sollte. Die Grabstelle hatte ich wenige Wochen vorher fotografiert und ist somit der Nachwelt erhalten. Der Steinmetz des Nordendfriedhofes wollte wissen, ob ich auch seine Arbeiten miterfasse. Er gab sofort die Zustimmung zu unserem Projekt und findet dieses sehr gut.

    Foto: privat.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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von Christian Hönicke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Pankow,

der Nordosten kann sich auf etwas gefasst machen. Und zwar auf noch mehr Stau. Anfang der Woche ging etwa rund um Buch mal wieder gar nichts, dank Bauarbeiten an der Bahnbrücke Bucher Straße und Stau auf der B109. Doch bald droht noch mehr Stillstand: Die S-Bahnlinien S2 und die S8 werden wegen der Bauarbeiten am Karower Kreuz im Sommer monatelang gesperrt. Erste Unterbrechungen und der Einsatz von Schienenersatzverkehr mit Bussen, unter anderem am vergangenen Wochenende, gaben schon einen kleinen Einblick in das zu erwartende Szenario. Die nächste SEV-Welle rollt am Wochenende ab dem 1. Juni durch Pankow, richtig los geht es dann am 11. Juni. Abgesehen von ein paar Tagen ist die S-Bahn zwischen Blankenburg und Karow (S2) bzw. Birkenwerder (S8) bis 17. August voll gesperrt, ab 26. Juli ist auch der S2-Abschnitt nach Buch dicht. Auch danach gibt es bis Ende immer wieder Sperrungen der Strecken Blankenburg – Karow, Blankenburg – Mühlenbeck-Mönchmühle beziehungsweise Buch – Bernau.

Die Bahnplaner hoffen, dass ein ähnliches Chaos wie bei der letzten großen Sperrung 2017 ausbleibt. Zu Spitzenzeiten sollen deshalb gleich 40 Ersatzbusse eingesetzt werden. Auch die Staufalle Blankenburg soll diesmal umfahren werden. Zentraler SEV-Umsteigepunkt wird deshalb der Bahnhof Pankow-Heinersdorf sein, von dort fahren die Busse auf die A 114, „dort haben wir durch den großen P+R-Platz deutlich mehr Platz als in Blankenburg“, sagt Björn Vetter vom Fahrgastmarketing der S-Bahn.

Anwohner entlang der Strecke in Heinersdorf, Französisch Buchholz, Blankenburg und Karow befürchten dennoch eine massive Zunahme des Autoverkehrs, der sie und auch die SEV-Busse noch mehr als sonst schon im Dauerstau versinken lässt. Zumal die Brücke Bucher Straße zwischen Pankgrafenstraße und A 114 noch bis 1. Juni voll gesperrt und die Autobahn-Auffahrt Bucher Straße nur von und nach Französisch Buchholz erreichbar ist. Die Umleitung führt im Westen über die Schönerlinder Straße und im Osten über Blankenburg, Alt-Karow und Buch (in dieser Zeit werden auch die SEV-Busse auf dieser Strecke fahren). Während der Bauphase sei „mit erheblichen Behinderungen in den Verkehrsspitzenzeiten zu rechnen“, heißt es. Am besten wäre es wohl für die Anwohner im Nordosten, während der Bauzeit gen Süden in die Ferien zu entschwinden. Fragt sich nur, mit welchem Verkehrsmittel.

Christian Hönicke ist Pankower. Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Wünsche haben, schreiben Sie ihm einfach eine E-Mail an leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de.

Unser Tipp für Sie

Die letzten Original-Kneipen verschwinden Stück für Stück aus Prenzlauer Berg, doch nun kommt zumindest das Gefühl der Kiezkneipe im schicken Retro-Gewand wieder. Meine Kollegin Katharina Jeworski hat unlängst der Eröffnung von „Unsre Kneipe“ in der Belforter Straße beigewohnt. Hier ist ihr Erfahrungsbericht:

Authentisch und familiär bereichert „Unsre Kneipe“ fortan den Kollwitz-Kiez im Prenzlauer Berg. Zusammen mit vielen freiwilligen Helfern arbeiteten Christian Keiser und Lutz Dallgas am Umbau der ehemaligen Tapas-Bar hin zu einem  ursprünglichen Stück Berlin. Seit Jahren in der Szene aktiv, sind sie nun nur wenige Straßen weiter gezogen und wagen den Schritt von der Anstellung in die Selbständigkeit. Vor gut zwei Wochen wurde sie eröffnet, die urige Kneipe in der Belforter Straße mit separatem Raucherbereich und Biergarten vor der Tür. In der kleinen, aber feinen Karte mit moderaten Preisen feiern traditionelle Berliner Gerichte wie Königsberger Klopse oder Soleier Wiederauferstehung. „Unsre Kneipe“ ist ein Liebhaberprojekt und lädt Liebhaber des Berliner Kneipengefühls nicht nur im Sommer zum Verweilen ein. Getreu dem Eigenmotto: „Kühles Bier, deftige Küche, bunte Gäste“. Belforter Straße 22