Kulturprojekt in Pankow : Winterreise ohne Grenzen

Alle zwei Jahre lädt der Kunst- und Literaturverein Forum Amalienpark Künstler ein, sich mit einem musikalischen Thema auseinandersetzen. Diesmal geht es um Schuberts Liederzyklus Winterreise - der auch den Exil-Lyriker Yamen Hussein auf besondere Weise inspiriert.

Die Wohnsiedlung am Amalienpark ist ein traditionelles Künstlerquartier. Im Zentrum: Die von Christa und Gerhard Wolf initiierte Galerie Forum Amalienpark.
Die Wohnsiedlung am Amalienpark ist ein traditionelles Künstlerquartier. Im Zentrum: Die von Christa und Gerhard Wolf initiierte...Foto: Thilo Rückeis

Als Yamen Hussein zum ersten Mal Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ hörte, war es um ihn geschehen. Der syrische Lyriker und Journalist lebt seit drei Jahren im deutschen Exil. Hier entdeckte er nicht nur die Schönheit der Musik Schuberts, er erkannte auch Ähnlichkeiten im Melos der Lieder mit seiner eigenen Lyrik, in der er seine Fluchterfahrung verarbeitet hat. In Pankow wird er seine Gedichte demnächst vorstellen – beim jüngsten Projekts des einst von Christa und Gerhard Wolf initiierten Kunst- und Literaturvereins Forum Amalienpark. Alle zwei Jahre lädt der Verein Künstler ein, sich mit einem musikalischen Thema auseinanderzusetzen. Ihre Werke werden anschließend in einer Ausstellung präsentiert. „Winterreise - Kunst und Klang“, lautet der Titel der aktuellen Veranstaltung, die ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Lesungen wie der von Yamen Hussein und Konzerten umfasst.

Der syrische Lyriker Yamen Hussein lebt seit drei Jahren im Exil in Deutschland.
Der syrische Lyriker Yamen Hussein lebt seit drei Jahren im Exil in Deutschland.Foto: Heinz Albert Staubitz/PEN

Am 2. Dezember spielt das deutsch-türkische Ensemble Olivinn um die Komponistin und Pianistin Sinem Altan in der Alten Pfarrkirche am Pankower Anger. Auch sie hat sich von der Winterreise inspirieren lassen. Der klassische Liederzyklus mit der Musik Schuberts und Texten des Dichters Wilhelm Müller wurde am Montagabend im Rathaus Pankow aufgeführt. Die Ausstellung zum Projekt soll am Freitag in der Galerie Forum Amalienpark eröffnet werden. Beteiligt sind (und waren) zwölf Künstler aus Berlin und Brandenburg, darunter Annette Gundermann, Kitty Kahane, Joachim Böttcher und die kurz vor der Ausstellung verstorbene Ellen Fuhr.

Entstanden ist die „Winterreise“ 1827 im kreativen Geist nach den Befreiungskriegen und im Angesicht des politischen Rückfalls Mitteleuropas in die Restauration. Parallelen zur aktuellen politischen Situation sind unverkennbar. Auch Flucht war schon in der Romantik ein großes Thema. „Die Gedichte von Wilhelm Müller lesen sich wie ein zeitloser Code, den sich jede Generation neu entschlüsseln muss“, sagt Monika Wellershaus, Mitorganisatorin des Pankower Projekts. Dahinter stecke ein ewiger Prozess des Unterwegsseins und des Suchens. „Und die Musik ist einfach wunderschön.“

Erstaunlich zeitgemäß

Auch für Yamen Hussein hat sich mit der Winterreise ein Fenster zur Selbstvergewisserung geöffnet. „In der Musik steckt so viel Traurigkeit und Einsamkeit, das animiert mich, zu fragen: Wer bin ich, was bin ich, was bedeutet Heimat oder Freiheit?“ Oft höre er mehrmals täglich in die Winterreise hinein, sagt der 33-Jährige aus Homs, der derzeit als PEN-Stipendiat in München lebt. „Mehrere Monate konnte ich praktisch nicht arbeiten, weil da immer dieser Ohrwurm war.“ Der Syrer wollte sich aber auch die Texte der Winterreise erschließen und machte sich daran, sie ins Arabische zu übersetzen. Das Ergebnis: In den Gedichten von Wilhelm Müller fand er große Übereinstimmung mit seiner eigenen Gedankenwelt. Vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs und der Flucht Hunderttausender kommt schließlich schon das erste Lied des Zyklus „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“ erstaunlich zeitgemäß daher.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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